Formel 1: Ein selten kurioser Unfall

Marc Márquez vor schwierigster Phase seiner Karriere

Von Günther Wiesinger
Wenn Marc Márquez jetzt nicht zur Vernunft kommt, könnte die Doppelsichtigkeit zu einer beständigen Bedrohung für seine Gesundheit werden.

Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert und was vor Millionen von TV-Zuschauern noch alles passieren muss, bis irgendein verantwortungsvoller Topmanager bei der Honda Motor Company in Japan die Notbremse zieht und bei der Tochterfirma Honda Racing Corporation ein paar Köpfe rollen lässt.

Nach der Trennung von HRC-Vizepräsident Shuhei Nakamoto und von Repsol-Honda-Teammanager Livio Suppo übernahm bei HRC 2017 eine neue Mannschaft das Kommando. Bei der Honda Racing Corporation hat seither eine neue Gruppe von vier Managern das Sagen. Das Quartett setzt sich zusammen aus Takeo Yokoyama (Technical Director), aus Tetsuhiro Kuwata, der sich als General Manager um die Sponsorship-Deals und die Fahrerverträge kümmert. Dazu wurde Shinichi Kokubu bei HRC zum Director und General Manager der Technology Development Division ernannt. Shigehisa Fujita wurde durch Naoki Hattori ersetzt, er agiert seit 2017 als Director/General Manager in der Administration Division. Und Yoshishige Nomura wurde damals neuer HRC-Präsident.

Die neue HRC-Führung in der MotoGP-Weltmeisterschaft verließ sich völlig auf das Können von Marc Márquez, dessen Dienste sich die Japaner vor zwei Jahren gleich bis Ende 2024 gesichert haben, für eine Gage von ca. 15 bis 20 Millionen Euro im Jahr.

Die neue Teamführung agierte vom ersten Tag an selbstherrlich, denn Marc Márquez galt als Garant für weitere MotoGP-Erfolge. Da spielte es keine Rolle, dass mit der für Márquez entwickelten Honda RC213V im Jahr 2018 nicht einmal mehr Dani Pedrosa ein Rennen gewinnen konnte.

Ganz zu schweigen von seinen Nachfolgern Lorenzo, Alex Márquez und Pol Espargaró.

Und als sich Marc Márquez am 19. Juli 2020 in Jerez einen Oberarmbruch zuzog, der ihn neun Monate lang am Rennfahrern hindern sollte, reagierte Teamprinzipal Alberto Puig sehr gereizt auf die berechtige Frage von TV-Reporter Simon Crafar, ob sich Honda nicht den Vorwurf gefallen lassen müsse, man habe sich jahrelang zu sehr auf den Seriensieger Marc Márquez konzentriert. Crafar damals zu Puig: «Honda braucht den besten Fahrer der Welt, um dieses Bike flott um die Ecken zu bringen.»

Puig reagierte live im Fersehen sehr ungehalten, als er auf dieses heikle Thema angesprochen wurde. «Ich gebe darauf nur eine kurze Antwort: Wir haben die letzten sieben Weltmeisterschaften gewonnen.»

Naja, das war schon mal leicht übertrieben, denn 2015 räumte Yamaha mit Jorge Lorenzo und Valentino Rossi den Fahrer-Titel, die Team-WM und die Marken-WM ab.

«WM-Titel, die nicht von einem Honda-Fahrer gewonnen wurden, zählen offenbar bei HRC nicht und verdienen keine Erwähnung», wunderte sich damals ein renommierter Yamaha-MotoGP-Manager.

«Im Motorsport geht es ums Gewinnen», setzte Puig im Juli 2020 fort. «Wir haben ein gewisses Paket, und das ist so, wie es ist.»

Honda: Dritte Saison ohne Top-Chassis

Die Honda-Ingenieure sahen beim Motorrad offenbar keinen Handlungsbedarf, obwohl Marc Márquez oft 30 oder 35 Saisonstürze im Jahr hinlegte und oft genug erklärte, er wolle die Anzahl der Stürze und meisterhaften Saves dringend verringern.

Honda baute dann für 2020 ein neues Chassis, das aber beim Katar-Test im Februar als ungenügend eingestuft wurde, es kam dann beim Saisonstart im Juli in Jerez wieder eine 2019-Version zum Einsatz.

Peinlich: Beim Katar-Test im Februar 2020 hatten die Crews von Marc Márquez und Cal Crutchlow vor dem letzten Abend in ihrer Verzweiflung noch die LCR-Box von Nakagami geplündert, um ihm 2019-Zeugs wegzunehmen.

Den Rest können wir verkürzt darstellen. Ohne Márquez fiel Honda 2020 in der Marken-WM hinter KTM auf Platz 5 zurück, momentan liegt der weltgrößte Motorradhersteller wieder nur an fünfter Stelle, punktegleich mit Schlusslicht Aprilia!

In Indonesien war Honda der einzige Hersteller, der für die neuen Michelin-Slick-Reifen mit der härteren Karkasse keine Lösung fand. Auch der Regen am Sonntag half den Japanern nicht. 

Honda hat 2021 begonnen, allen vier Werksfahrern aktuelle Werksmaschinen zur Verfügung zu stellen, erstmals auch beiden LCR-Honda-Piloten.

Es wurden 2021 «customized bikes» für alle Fahrer entwickelt, also massgeschneiderte Versionen, jeder konnte sich sein eigenes Motorrad zusammenbasteln. Aber auch dieses Konzept funktionierte nicht, schon gar nicht mehr ab Juni und dem ersten von drei Saisonsiegen von Marc Márquez auf dem Sachsenring. Nakagami und Alex Márquez strauchelten bei LCR gewaltig. 

Pol Espargaró, im Jahr 2020 bei Red Bull KTM zweimal auf der Pole-Position, in den Rennen fünfmal Dritter und dadurch WM-Fünfter (nur drei Punkte hinter dem WM-Dritten Alex Rins), verzweifelte an der widerspenstigen Honda RC213V.

Pol schaffte am 24. Oktober in Misano seinen einzigen Podestplatz 2021, in der WM kam er über Rang 12 nicht hinaus. Er sammelte in 18 Rennen nur 100 Punkte, bei KTM waren es im Jahr davor 135 Punkte in nur 14 Wettkämpfen.

Dabei betreibt Repsol Honda von allen MotoGP-Team den grössten Aufwand.

Irgendwann wird auch Sponsor Repsol sehen, dass andere Hersteller mit geringeren Ressourcen wesentlich professioneller und zielstrebiger agieren.

Drei Stürze in 24 Stunden, doch HRC reagierte nicht

Ob bei der Honda Motor Company eines Tages eingegriffen wird, bevor mit Marc Márquez der teuerste und wertvollste Mitarbeiter des Weltkonzerns restlos zugrunde gerichtet wird, bleibt abzuwarten.

Marc Márquez wurde bei HRC schon 2018 nicht gerügt oder kritisiert, als er in Termas de Río Honda durchdrehte und in 40 Minuten drei Strafen kassierte.

Die Honda-Mannschaft wirkte auch noch belustigt, als Marc Márquez am 19. Juli 2020 in Jerez nach einem argen Rutscher wieder auf Platz 3 vorpreschte.

Der folgende Oberarmbruch wurde danach als harmloser Betriebsunfall abgetan. Vier Tage nach der Operation wurde Marc fröhlich wieder auf die Strecke geschickt.

Trotzdem verlor kein HRC-Manager seinen Job.

Ich weiß nicht auswendig, ob Marc schon einmal vier Crashes an drei Tagen fabriziert hat, wahrscheinlich schon.

Ich weiß aber, dass ich jetzt nicht in der Haut von Alberto Puig und Takeo Yokoyama stecken möchte.

Sie hätten Marc Márquez ins Gewissen reden und ihn spätestens nach dem ersten Qualifying-1-Crash am Samstag wegen offensichtlicher Unberechenbarkeit aus dem Verkehr ziehen müssen.

Denn mit diesem traktionslosen Motorrad war in Mandalika ohnedies kein Blumentopf zu gewinnen.

Die Quittung bekamen die HRC-Manager im Warm-up. Nach dem wilden Highsider und der Gehirnerschütterung erweckte das Repsol-Team noch scheinheilig den Eindruck, als habe es sich aus Gründen der Rücksicht und Vernunft zum Rückzug vom Rennen entschieden.

In Wirklichkeit war Marc Márquez vom Rennarzt Dr. Charte als «unfit to race» erklärt worden. Er hatte ein klares Startverbot bekommen. Endlich!

Seit Jahren beweist Marc Márquez immer wieder, dass ihm sein unbändiger Ehrgeiz immer wieder im Weg steht und bei ihm immer wieder die Sicherungen durchbrennen, wie wir es noch nie bei einem Motorradrennfahrer erlebt haben.

Der bewundernswerte Ausnahmekönner verwandelt sich dann im Handumdrehen in einen unberechenbaren Attentäter.

«Marc ist gefahren wie ein Wahnsinniger», entfuhr es Stefan Bradl am Sonntag live bei ServusTV.

Niemand kann abschätzen, wann Marc Márquez wieder einsatzfähig sein wird. Die Doppelsichtigkeit scheint allmählich eine ständige Bedrohung für sein Krankheitsbild zu werden.

Es geht hier um ein Menschenleben oder zumindest die Gesundheit eines 29-jährigen Superstars, der bisher von niemandem zur Besinnung gebracht werden konnte.

Dabei hat der 59-fache MotoGP-Sieger in den letzten Monaten immer wieder leise Töne von sich gegeben.

Er gäbe viele Rennen, aber er habe nur einen Körper, sagte der Spanier. Der Aufbau der Muskulatur beanspruche noch viel Zeit, es fehle an Ausdauer und Kraft, erklärte der sechsfache MotoGP-Weltmeister vor dem Indonesien-GP. Außerdem habe er das neue Motorrad noch nicht auf seinen Fahrstil angepasst.

«Ich spüre nicht, wenn ich in Gefahr bin», räumte Márquez am vergangenen Donnerstag ein.

Trotzdem ging er drei Tage lang mit der Brechstange ans Werk. Alle guten Vorsätze waren vergessen, sobald er das Visier nach unten klappte.

Im Herbst durfte Marc wegen der Diplopie sechs Wochen lang nur spazieren gehen. Das sei die schwierigste Phase seines Leben gewesen, erzählte er.

Ich fürchte, diese Phase steht ihm in Wirklichkeit noch bevor.

Denn der Honda-Star muss endlich erkennen, dass von seinen außerirdischen Fähigkeiten seit zweieinhalb Jahren wenig zu sehen ist und sein bisheriges Rezept zur Bekämpfung der unerschrockenen neuen Fahrergeneration von Fabio Quartararo über Jorge Martin bis zu Enea Bastianini, Brad Binder und Miguel Oliveira sowie Pacco Bagnaia dank seiner diversen körperlichen Einschränkungen gnadenlos gescheitert ist.

Die Erfolge von Repsol Honda in der «premier class»

15 Weltmeistertitel:
6 Marc Márquez: 2013, 2014, 2016, 2017, 2018, 2019
4 Mick Doohan: 1995, 1996, 1997, 1998
2 Valentino Rossi: 2002, 2003
1 Casey Stoner: 2011
1 Nicky Hayden: 2006
1 Alex Crivillé: 1999

183 GP-Siege:
Marc Márquez: 59
Mick Doohan: 35
Dani Pedrosa: 31
Valentino Rossi: 20
Casey Stoner: 15
Alex Crivillé: 14
Tadayuki Okada: 4
Nicky Hayden: 3
Andrea Dovizioso: 1
Tohru Ukawa: 1

453 Podestplätze:
Dani Pedrosa: 112
Marc Márquez: 99
Mick Doohan: 48
Alex Crivillé: 44
Valentino Rossi: 31
Casey Stoner: 26
Nicky Hayden: 25
Tadayuki Okada: 21
Andrea Dovizioso: 15
Tohru Ukawa: 10
Sete Gibernau: 5
Max Biaggi: 4
Alex Barros: 4
Takuma Aoki: 3
Shinichi Itoh: 2
Alex Márquez: 2
Pol Espargaró: 2

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