Geheimtaktik: Wie Aprilia mehr Hubraum bekommen will

Kolumne von Ivo Schützbach
Superbike-WM
Der Trend zu mehr Hubraum ist in allen drei Klassen der seriennahen SBK-Weltmeisterschaft unverkennbar. Weshalb Aprilia nicht mit offenen Karten spielt, sondern lieber im Verborgenen agiert.

Zum ersten Mal seit Einführung der Superbike-WM 1988 sehen wir in dieser Saison alle Hersteller mit den gleichen 1000 ccm Hubraum und der gleichen Anzahl Zylinder, nämlich vier. Obwohl weiterhin Twin-Motoren mit 1200 ccm erlaubt sind, ist dieses Konzept nicht mehr reizvoll: Die italienischen Hersteller Ducati und Aprilia haben inzwischen Vierzylinder-Bikes mit annähernd 1100 ccm auf dem Markt.

Weil das SBK-Reglement solche Motorräder nicht erlaubt, hat Ducati die V4R mit 998 ccm gebaut und mit dieser bereits im ersten Jahr 2019 insgesamt 17 Siege erobert.

Das war ein Zugeständnis an den Sport: Die Marketingabteilung in Borgo Panigale würde lieber die Serienmaschine mit 1103 ccm auf der Rennstrecke sehen.

So geht es auch den Strategen bei Aprilia, denn die RSV4 hat im Modell 1100 Factory seit letztem Jahr 1078 ccm.

Problematisch für Aprilia: Ende der Saison 2018 verabschiedete sich das Team von Shaun Muir zu BMW und stellt seither deren Werksteam.

Aprilia fehlt seitdem in der Superbike-WM – und wer nicht mitmischt, kann auch keine großen Töne spucken.

Aprilia macht sich deshalb hinter den Kulissen für die Hubraumerhöhung stark, die Verantwortlichen wollen sich bei Sitzungen der Herstellervereinigung MSMA nicht die Finger verbrennen.

Deshalb hoffen die Racing-Manager bei Aprilia auf Unterstützung durch Promoter Dorna, der seit Herbst 2012 neben den kommerziellen Rechten für die MotoGP-WM auch jene für SBK besitzt.

Die Dorna kann sich eine Hubraumerweiterung vorstellen, dafür wird im Gegenzug aber ein längerfristiges Bekenntnis von Aprilia zur Superbike-WM erwartet.

Erste Gespräche über 1100 ccm fanden zwischen Dorna, Aprilia und dem Motorrad-Weltverband FIM statt, wurden aber nicht konkret. «Möglicherweise geht es in Zukunft dorthin», ist zu hören.

Denn Aprilia hatte weder die finanziellen noch die personellen Ressourcen, um in den beiden wichtigsten Motorrad-Rennserien mitzumischen. Seit 2016 konzentriert sich die Manufaktur aus Noale auf die Prototypen-WM MotoGP, bis heute konnte in der modernen Viertaktära kein Top-5-Ergebnis erobert werden!

Ganz anders in der Superbike-WM: Dort war Aprilia zwischen 2010 und 2014 eine Macht und gewann mit Max Biaggi (2010, 2012) und Sylvain Guintoli (2014) dreimal den Fahrertitel, dazu wurde viermal die Herstellerwertung auf Platz 1 beendet.

Um im Geschäft mit Serienmaschinen mit den aktuellen Modellen der Konkurrenz mithalten zu können, wurde der Hubraum der RSV4 ab dem Modelljahr 2019 auf 1078 ccm erhöht. Für die Weltmeisterschaft ist dieses Motorrad damit nicht mehr zulässig.

Im selben Jahr kam das Sondermodell RSV X mit 225 PS und 165 kg, einer Auspuffanlage von Akrapovic mit Titankrümmern und Karbon-Endschalldämpfer, Karbon-Verkleidung, einem leichteren Tank, Marchesini-Magnesium-Rädern und Brembo-Bremszangen des Typs GP4-M. Der V4-Motor wird von der Rennabteilung Aprilia Corse präpariert. Mit dem Kaufpreis von 39.900 Euro liegt die RSV X zwar im Rahmen des erlaubten Maximalpreises für die Superbike-WM, sie wird aber in viel zu geringer Stückzahl gebaut, um homologiert werden zu können.

Um Superbike-WM fahren zu dürfen, müsste Aprilia momentan auf die seit 2017 homologierte RSV4 1000 RR/RF zurückgreifen. Diese bekam im Laufe der Jahre zwar einige Updates, letztlich würde sich Aprilia mit diesem 1000-ccm-Bike aber weder sportlich noch aus Marketingsicht einen Gefallen tun – die Basis ist jetzt zwölf Jahre alt.

Bei den SBK-Wintertests war immer wieder der Franzose Christophe Ponsson aus dem Team Nuova M2 dabei, das seit der Beerdigung der Superstock-1000-EM nur noch in der Italienischen Meisterschaft startet. Bevor das SARS-CoV-2-Virus unsere Welt veränderte, waren drei Wildcard-Einsätze geplant: In Imola, Misano und Magny-Cours. Der finanziell gut gebettete Ponsson wäre für Aprilia so etwas wie ein Vorbote für ein mögliches, künftiges Engagement in der Superbike-WM.

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