Was bringt das Jahr 2020 im Sportwagen-Motorsport?

Von Oliver Müller
Sportwagen
Ob Rennspannung oder nicht – die Nacht bei den 24h von Le Mans ist immer spektakulär

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SPEEDWEEK.com schaut auf das anstehende Jahr 2020 im Sportwagen-Bereich des Motorsports. Es wird einige interessante Neuerungen geben. Hinter den Kulissen müssen die Regelmacher aber alles im Griff behalten.

Das Jahr 2020 wird für den internationalen Sportwagen-Motorsport richtungsweisenden Charakter haben – vor allem an der Spitze der Pyramide. Denn im Spätsommer wird die neue LMH (Le Mans Hypercar) Klasse die LMP1 als Königskategorie ablösen. Das LMH-Reglement wurde in den letzten Monaten/Jahren als eine Art Zangengeburt aus der Taufe gehoben und lässt mittlerweile so ziemlich alles mitfahren, was nicht bei Drei auf den Baum geklettert ist. Das könnte natürlich mittelfristig einigermaßen volle Felder bringen. Und auch optisch werden die LMH einiges hermachen.

Jedoch müssen die Regelhüter ganz viele technische Konzepte auf einen Nenner bringen – und das geht nur über eine Einführung der BoP (Balance of Performance). Hier stellt sich die Frage, wieviel Fingerspitzengefühl das WEC-Technikbüro haben wird. Denn ständige Anpassungen von Rennen zu Rennen an den jeweiligen Einstufungen sind der Sportwagen-Königsklasse unwürdig. Sie würden den sportlichen Wert nehmen und die Events zu Show-Veranstaltungen mit künstlicher Spannung verkommen lassen. Warten wir es also einmal ab, was am Ende dabei heraus kommt. Die Skepsis ist derzeit jedoch da.

Auch in der LMP2 stehen ab Saisonbeginn 2020/21 (im September in Silverstone) Änderungen an. Damit diese Prototypen den LMH nicht um die Ohren fahren, werden sie über Einheitsreifen und eine Rückschraubung der Motorleistung eingebremst. Das dürfte aber nicht sonderlich viel kaputt machen, denn die LMP2 werden weiterhin guten Sport bieten.

In der LMP3-Klasse gibt es ab 2020 ein überarbeitetes Reglement. Dieses macht die kleinen Prototypen etwas schneller und lässt sie (beispielsweise durch den breiteren Heckflügel) stimmiger Aussehen. Zudem werden wohl auch wieder alle vier erlaubten Hersteller (Ligier, Norma, Adess und Ginetta) auf der Strecke zu sehen sein. Die LMP3 werden das Sportwagen-Jahr 2020 auf jeden Fall bereichern.

Richtungsweisend wird 2020 auch für die DPi (Daytona Prototype international). Bei den amerikanischen Prototypen wird dieses Jahr das Reglement finalisiert, welches ab 2022 Anwendung findet. Spannend wird auch die Entscheidung sein, ob die neuen DPi und die LMH dann ab 2022 zusammen Rennen bestreiten können/dürfen. Hierzu wird es wohl schon im Januar eine Aussage geben. Das würde sicherlich mehr Hersteller in die DPi locken – und da das Gespenst der BoP ja sowieso schon herausgelassen wurde, wird auch eine technische Anpassung von LMH und DPi auf ein Rundenzeiten-Niveau machbar sein.

Am Scheideweg steht 2020 die GTE. Nach dem Ford-Ausstieg sind mit Aston Martin, BMW, Corvette, Ferrari und Porsche hier nur noch fünf Hersteller vertreten. Aston Martin wird bekanntlich auch in die LMH einsteigen. Da stellt sich die Frage, ob zwei so große Programme mittelfristig parallel beim kleinen britischen Hersteller laufen werden. Porsche und Ferrari schauen ebenfalls immer mal wieder in Richtung LMH. Und wie lange BMW in der GTE noch mitmacht, bleibt abzuwarten. Freuen können wir uns aber auf die neue Corvette C8.R, die Ende des Monats in Daytona ihre Rennpremiere feiert. Dennoch: Sollten 2020 keine neuen Hersteller ein Interesse an der GTE bekunden, so könnte die Klasse 2022 womöglich eingestampft werden.

Mehr oder weniger gesund sind die GT3- und GT4-Kategorie, auch wenn die Kostenspirale sich auch hier latent in die falsche Richtung dreht. Beide Klassen haben etliche Hersteller im Portfolio. Außerdem sind richtig viele Fahrzeuge im Umlauf, sodass eine breite Basis besteht. Die Fahrzeuge können zudem in unterschiedlichen Serien eingesetzt werden, wodurch die Teams eine Refinanzierung finden können. Hier stimmt das zugrunde liegende Businessmodell.

Mit der GT2-Klasse kommt nun auch ein Neuling hinzu, der 2019 schon leicht angeteasert wurde. Diese Fahrzeuge sind kostengünstiger als die GT3, haben mehr Motorleistung aber auch weniger Aerodynamik. Bleibt zu hoffen, dass die GT2 keinen Kannibalisierungseffekt auf die GT3 haben wird.

Was geht in den Rennserien ab?

In Bezug auf die Rennserien wird 2020 ebenfalls eine Tendenz für die Zukunft bringen. Der Rest der aktuellen WEC-Saison wird ein Trauerspiel bleiben. Und bei den 24 Stunden von Le Mans steht aller Voraussicht nach der nächste Toyota-Doppelsieg an. Gibt es überhaupt jemanden, der gegen einen Toyota-Triumph an der Sarthe wetten würde? Die WEC braucht also unbedingt einen Neuanfang. Ob das mit den LMH erfolgreich gelingen wird, liegt zum größten Teil in den eigenen Händen der Serienverantwortlichen. Da wünschen wir an dieser Stelle mal viel Erfolg.

Weiter aufblühen wird 2020 sicherlich die Intercontinental GT Challenge (IGTC) von SRO-Boss Stephane Ratel. Schon 2019 hatten sich acht GT3-Hersteller für die Serie begeistert, die fünf Rennen auf fünf Kontinenten absolviert hat. Hier gibt es eine Mischung aus Werks- und (ausgelagertem) Kundensport – und somit viele potenzielle Entscheidungswege für die jeweiligen Konzernzentralen. Gerade in der aktuellen Automotive-Welt macht die IGTC Sinn.

Kaum Änderungen wird es 2020 in der IMSA-Serie geben. Natürlich sind in den beiden Hauptklassen (Nissan bei den DPi und Ford bei den GTE/GTLM) zwei Hersteller verloren gegangen. Doch dem Sport wird dies 2020 keinen großen Abbruch bringen. In der IMSA wird seit jeher interessanter und spannender Motorsport geboten. Das wird auch 2020 so weitergehen. Dazu ist in Nordamerika auch die LMP2-Klasse wieder erstarkt. Das bringt zusätzlichen Pfeffer in die Rennen.

Auch Langstrecken-Klassiker wie die 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und in Spa-Francorchamps werden 2020 wieder begeistern. Volle Felder mit vielen Kandidaten auf den Sieg machen Spaß und bringen Unterhaltung. Die Wochenenden im Mai (Nürburgring) und Juli (Spa-Francorchamps) sollten schon einmal mit einem roten X im Kalender versehen werden.

Viel Action wird auch wieder das ADAC GT Masters zu bieten haben. Auch in der 'Liga der Supersportwagen' ist das Feld 2020 wieder richtig gut besetzt und die Markenvielfalt gegeben. Zudem bietet das Sprint-Format mit circa einstündigen Rennen absolut kurzweilige Unterhaltung, ob an der Strecke oder zuhause vor dem Bildschirm.

Alles in allem wird 2020 wieder ein interessantes Sportwagen-Jahr– mit Höhen, Tiefen und Dingen, die aktuell noch gar nicht absehbar sind. Aber so ist es im normalen Leben (abseits der Rennstrecke) ja doch auch. Freuen wir uns also auf eine tolle Vollgas-Saison.

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