Mercedes Motorsport: Startschuss vor 35 Jahren

Kolumne von Rainer Braun
​Bei einer denkwürdigen Pressekonferenz 1989 gab das renommierte Unternehmen Mercedes-Benz offiziell die Rückkehr in den Motorsport bekannt.

Mercedes Benz Tagungs- und Bildungszentrum «Lämmerbuckel» vor den Toren Stuttgarts. Es ist Freitag, der 24. Februar 1989. Ein grauer, kalter Tag, an dem mehrere hundert Journalisten und Bildberichter aus aller Welt zur offiziellen Mercedes Benz Sport-Pressekonferenz strömen.

Nach Ankunft werden die Kollegen in den großzügig gestalteten, ähnlich einem Uni-Hörsaal leicht ansteigenden Veranstaltungsraum geleitet. Vorne am langen Referententisch haben nebeneinander nahezu alle Entscheidungsträger des Unternehmens Platzgenommen. Darunter befinden sich die Vorstände Prof. Dr. Niefer (Mercedes-Chef), Prof. Dr. Jürgen Hubbert (Vorstand PKW), Jochen Neerpasch (Sportchef), Dr. Wolfgang Peter (PKW-Entwicklungschef) und Hans-Jürgen Wischof (PR-Direktor).

Weil Wischof, erst seit wenigen Wochen im neuen Amt, kaum die Namen der Kollegen kennt, sitzt neben ihm der für Mercedes Sport arbeitende freie Journalist Rolf F. Nieborg als eine Art Souffleur. Seine Aufgabe ist es, in der dem offiziellen Teil folgenden Fragestunde dem obersten PR-Mann des Hauses die Namen der fragenden Journalisten vor Aufruf diskret ins Ohr zu flüstern. Dabei kommt es durch einen Hörfehler zum Lacher des Tages – mehr dazu später.

Im ersten Teil der Konferenz erläutern die Vorstände die Argumente für den offiziellen Werks-Einstieg über ausgewählte Rennställe in die Gruppe C-Sportwagen-WM und die boomende DTM. So soll der Schweizer Sauber-Rennstall zwei Mercedes C9-Silberpfeile in der Gruppe C einsetzen. Für die DTM gelten die Teams AMG, SRS Snobeck, RSM Marko und MS-Racing mit je zwei 190 E 2.3-16 als gesetzt.

Als erstes verkündet Prof. Niefer stolz, dass man den historischen Begriff Silberpfeil wieder aufleben lassen wird und die von Sauber eingesetzten V8-Sportrennwagen vom Typ C9 nunmehr in Silbergrau an den Start rollen werden. Sportchef Jochen Neerpasch erläutert in gesetzten Worten, warum vorerst auf die Realisierung von durchaus vorhandenen Formel-1-Überlegungen verzichtet wird und stattdessen der Sportwagen-WM Priorität eingeräumt wird.

«Die Gruppe C bietet für uns derzeit ein größeres Spektrum als die Formel 1», so Neerpasch. «Wir nehmen den Gewinn der Sportwagen-WM als Saisonziel ins Visier. Und wir werden mit zwei oder drei C9-Sportwagen offiziell beim 24 Stunden-Klassiker in Le Mans antreten.»

Während die WM-Piloten mit Jean Louis Schlesser (Frankreich), Jochen Mass (Deutschland), Mauro Baldi (Italien) und Kenny Acheson (Großbritannien) feststehen, will Neerpasch die Besetzung für Le Mans zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben.

Anschließend erläutert Prof. Hubbert das umfangreiche DTM-Engagement mit entsprechenden Titel-Ambitionen im Konkurrenzkampf mit BMW und Ford. «Dafür haben wir uns den amtierenden Meister Klaus Ludwig samt der Startnummer 1 gesichert.»

Unterstützt wird Ludwig bei AMG vom Dänen Kurt Thiim. Für SRS Snobek sollen Teameigner Dany Snobeck und sein Kumpel Alain Cudini an den Start rollen, für MS-Jet die weiß-gelben 190er-Mercedes des Teams MS-Racing (Eigner Jochen Mass und Günther Schons) mit den Chauffeuren Roland Asch und Manuel Reuter. Und das RSM Team (Eigner Dr. Helmut Marko) mit Jörg van Ommen und Karl Wendlinger erhält ebenfalls Werksunterstützung.

«Neben den acht werksunterstützen 190ern erwarten wir noch weitere privat eingesetzte Mercedes in der DTM 1989», fasst Neerpasch ergänzend zusammen. Und ergänzt zur Klarstellung, dass «technischer Support und Weiterentwicklung» zwar direkt von den Ingenieuren des Werks kommen, aber Logistik und Durchführung der Einsätze vor Ort von den ausgewählten Partner-Teams erledigt werden.

Lobend wird zum Schluss noch erwähnt, dass das ZDF mit seinem Satelliten-Sender 3sat alle DTM-Rennen live übertragen wird, beginnend mit dem Saisonauftakt 1989 am 9. April in Zolder. ZDF-Sportchef Karl Senne stellt das Sendekonzept vor, das sowohl samstags wie auch sonntags mehrere Stunden Live-Berichterstattung vorsieht. Zusätzlich sind in der ZDF-Sportreportage am späten Sonntag-Nachmittag Zusammenfassungen vom Renntag geplant.

Nachdem die offiziellen Statements durch sind, wird die Fragerunde eröffnet. Es wird um geordneten Ablauf mit Handzeichen gebeten.

Jetzt rücken PR-Direktor Wischof und sein Souffleur Nieborg in den Blickpunkt. Die Wortmeldungen werden der Reihe nach routiniert und charmant abgearbeitet. Je nach Thematik wird die Frage an den zuständigen Herren am Vorstandstisch weitergegeben. Vor jedem neuen Aufruf des nächsten Fragestellers flüstert Kollege Nieborg seinem Nebenmann Wischof den Namen leise ins Ohr. Das macht einen guten Eindruck und wirkt persönlicher und professioneller.

Als der italienische Star-Journalist Franco Lini dran ist, kommt es zum Lacher des Tages, ausgelöst durch einen Hörfehler. Nieborg flüstert seinem Chef den Namen ins Ohr, der versteht aber statt Franco nur Frau und ruft lautstark in den Saal «Frau Lini bitte». Gelächter von den Rängen, betretene Gesichter am Vorstandstisch. Übrigens – Frau Lini, wie ihr Gatte ebenfalls Sport-Journalistin, gab es wirklich, nur war sie an diesem Tag nicht anwesend.

So endet die große Motorsport-PK auf dem Lämmerbuckel mit einer fröhlichen Episode und der Erkenntnis, dass sich Mercedes wieder im internationalen Motorsport offiziell zurückgemeldet hat. Dieser Tag markiert auch den Anfang der bislang erfolgreichsten Zeit der Stuttgarter im Rennsport.

Denn wer hätte damals als Teilnehmer dieser denkwürdigen Pressekonferenz schon ernsthaft geglaubt, dass Mercedes so lange durchgängig im Rennsport verbleiben würde? Und in diesen 35 Jahren nicht nur 13 DTM-Titel, sondern auch noch neun F1-Weltmeisterschaften gewinnt.

Ach ja, und natürlich gab es bei der Rückkehr nach Le Mans gleich den Sieg, mit dem Sauber C9 unter Jochen Mass, Manuel Reuter und Stanley Dickens.


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