Wird die WSX ohne Ken Roczen (Suzuki) zur Farce?

Von Thoralf Abgarjan
Der Ausstieg von WM-Leader Ken Roczen (Suzuki) aus der FIM Supercross-WM dürfte in der Sportgeschichte einmalig sein. Um die Gründe zu verstehen, muss man in die Vorgeschichte der WSX einsteigen.

Über die genauen Hintergründe des Ausstiegs von WM-Leader Ken Roczen wird öffentlich nicht gesprochen, aber viel spekuliert. Um zu verstehen, wo die wahren Ursachen des Problems liegen, muss man sich die Vorgeschichte der aktuellen FIM Supercross-WM anschauen.

Von 2008 bis 2021 war die AMA-Supercross-Serie in den USA zugleich die offizielle FIM-Weltmeisterschaft. Ende 2021 kam es zum Zerwürfnis zwischen AMA und FIM, nachdem hinter den Kulissen bereits viel Porzellan zerschlagen wurde. Die FIM-Funktionäre wurden in den US-Stadien als eher lästige Bürokraten empfunden, die sich auf Kosten des US-Vermarkters ein nettes Dasein verschafften. Diverse Doping-Skandale überschatteten die Meisterschaften: James Stewart, Broc Tickle und Christian Craig - um nur die prominenten Fälle zu nennen. Die FIM sah sich ihrerseits in ihrer Bedeutung nicht ausreichend wahrgenommen.

Jorge Viegas übernahm 2018 die FIM-Präsidentschaft und wurde 2022 wiedergewählt. Der Spanier war einer der wichtigsten Protagonisten im Machtkampf zwischen AMA und FIM. Er war der Überzeugung, dass die FIM eine Supercross-WM auch ohne die AMA auf die Beine stellen kann. Mit markigen Worten erklärte er, die AMA-Serie sei nur eine nationale Meisterschaft und eine echte Supercross-Weltmeisterschaft müsse global aufgestellt sein.

Vergleicht man die damalige, amerikanische Supercross-WM mit der MXGP oder der Moto GP, dann hatte Viegas an dieser Stelle sicher einen Punkt. Aber die Ursache des Problems lag ganz woanders: Während Motocross-Strecken an praktisch jedem Ort der Erde mit vergleichsweise geringem Aufwand angelegt werden können, braucht es für Supercross-Strecken riesige und möglichst überdachte Football-Stadien, die es in dieser Größe und Dichte nun einmal nur in den USA gibt.

Dennoch ließ sich Viegas nicht beirren und schrieb die Vermarktungsrechte der FIM Supercross-WM neu aus. Am 20. Dezember 2021 erhielt SX Global den Zuschlag. Ob es weitere Bewerber gab, ist unbekannt. SX Global hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt um die AUS-X-Open gekümmert, die australischen Supercross-Meisterschaften.

Im ersten Jahr 2022 fiel das neu errichtete Kartenhaus WSX beinahe wieder in sich zusammen. In nur zwei Rennen (Cardiff und Melbourne) wurde diese Mini-Weltmeisterschaft ausgetragen. Zum Vergleich: Die AMA-Supercross-Serie geht über 17 Events. 2023 lief es für die WSX kaum besser: Die angekündigten Grands Prix in Singapur, Deutschland (Düsseldorf) und Kanada wurden ersatzlos gestrichen. Die ganze WM bestand am Ende aus lediglich 3 Veranstaltungen.

Die Hersteller waren sich von Anfang an in einem Punkt einig: Es gab keine Werksunterstützung für die WSX. Die französische WMX-Ikone Livia Lancelot hatte es anfangs mit ihrem Team NILS Racing versucht und hoffte, durch ihre guten Beziehungen zu Giacomo Gariboldi auf HRC-Unterstützung. Doch auch ihre Pläne scheiterten an der bitteren Realität.

Die neu geschaffene Serie lockte mit attraktiven Preisgeldern, um wenigstens ein paar amerikanische Privatfahrer zu gewinnen. Der Plan, US-Profis aus den AMA-Serien in die WSX abzuwerben, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dass bei zwei oder drei mäßig besuchten Rennen für einen Serienvermarkter kein nachhaltiger Gewinn zu erwirtschaften ist, liegt auf der Hand. Der Vermarkter brauchte also dringend einen Investor, um seine Kosten zu decken. Im Herbst 2023 wurde SX Global an die Geschäftsleute Louis-Dreyfus und Juan Sartori aus Frankreich und Uruguay verkauft, die ihrerseits Beteiligungen am Sunderland A.F.C hielten.

Immerhin konnte ein prominenter US-Fahrer für die Meisterschaft gewonnen werden: Ken Roczen hatte im Oktober 2022 gerade mit Honda und HRC abgeschlossen. Er konnte frei entscheiden, ohne sich einer höheren politischen Hierarchie zu unterwerfen. Das war ein Glücksfall für die WSX, denn Roczen gilt weltweit als Sympathieträger und Botschafter des Supercross. Wie hoch sein Antrittshonorar war, ist öffentlich nicht bekannt. Aber er startete und gewann prompt die Meisterschaften 2022 auf Honda Genuine und 2023 auf Suzuki.

Ein Jahr später, 2024, gab es immerhin schon 4-WM-Läufe, diese fanden aber an nur 3 Orten statt: Vancouver (Kanada), Perth (Australien) und Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate). Mit Eli Tomac konnte der Vermarkter einen weiteren Coup landen. Tomac und Roczen waren US-Champions, die das angekratzte Renommee der Serie aufpäppeln konnten. Tomac wurde vor Roczen Weltmeister.

Es folgte das Jahr 2025. Bis in den Sommer hinein gab es noch immer keinen Kalender für die Saison. Im Oktober 2025 wurde der groß angekündigte Saisonauftakt in Malaysia kurz vor dem Termin abgesagt und stattdessen Stockholm eilig in den Kalender aufgenommen. Das Chaos der WSX nahm seinen Lauf.

Jorge Viegas fand aber seine Idee trotzdem gut. Er verlängerte die Vermarktungsrechte der Supercross-WM noch einmal um weitere 10 Jahre bis 2034. Ken Roczen äußerte sich vor dem Saisonauftakt in Buenos Aires zögernd, ob er die ganze Serie bestreiten würde. Offenbar mangelte es seitens des Vermarkters am Willen, ihm für die ganze Serie Antrittsprämien zu garantieren. Man spekulierte wohl darauf, dass er als WM-Leader auf jeden Fall bleiben würde, um seinen Titelgewinn zu sichern. Seitens des Promoters wurde Roczen und das Team Pipes Motorsports als OEM-Team (Original Equipment Manufacturer) präsentiert. Deshalb wurde nun Colt Nichols als Ersatz für Ken Roczen nominiert.

Am vergangenen Wochenende verabschiedete sich Ken Roczen mit einem Sieg in Gold Coast als WM-Führender aus der WM und wird an den verbleibenden WM-Läufen in Stockholm und Cape Town nicht mehr teilnehmen. Am Startgatter von Stockholm wird also in der SX1 kein rotes Nummernschild zu sehen sein.

Dieser Ausstieg ist historisch einmalig. Es gab in der Geschichte Fälle, dass ein WM-Führender die Meisterschaft aus gesundheitlichen Gründen beenden musste. Dass aber ein WM-Leader freiwillig die Saison aufgibt, ist außergewöhnlich und beschreibt die Situation der FIM Supercross-WM sehr eindringlich.

WM Stand nach Runde 3 von 5:

1. Ken Roczen (D), Suzuki, 122 Punkte
2. Christian Craig (USA), Honda, 95, (-27)
3. Joey Savatgy (USA), Honda, 83, (-39)
4. Jason Anderson (USA), Suzuki, 77, (-45)
5. Greg Aranda (F), Yamaha, 46, (-76)
6. Austin Politelli (USA), Honda, 43, (-79)
7. Henry Miller (USA), Yamaha, 40, (-82)
8. Ryan Breece (USA), Honda, 39, (-83)
9. Justin Hill (USA), Kawasaki, 37, (-85)
10. Jordi Tixier (F), Yamaha, 33, (-89)

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