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Karl Heinz Tibor: Der Reifen-Schnitzer vom Rhein

Kolumne von Rainer Braun
​Kölner Kult-Geschichten, Folge 8: Über den «Kölsche Jung» Karl Heinz Tibor, der als typisch rheinische Frohnatur die Motorsport-Geschichte der Dom-Stadt mitgeprägt hat.

Wenn’s um die richtige Wahl der Rennpneus ging, wurde Reifenzauberer Karl Heinz Tibor in den letzten 50 Jahren oft genug um Rat gefragt. Vor 54 Jahren gründete der gelernte Speditions-Kaufmann und Hobby-Rennfahrer (Rallyes und Rundstrecke mit Ford, BMW, Porsche) im Kölner Vorort Pulheim das Unternehmen «Goodyear Motorsport Deutschland».

Losgelöst vom US-Mutterkonzern, aber als Repräsentant des Ausrüsters hierzulande, etablierte der gebürtige Rheinländer seinen Renndienst nach eigenen Vorstellungen und bediente in der Blütezeit der Rennsportmeisterschaft (DRM) große Rennställe wie Loos, Kremer, Joest, Ford, Zakspeed oder BMW. Dabei machte er sich insbesondere einen Namen durch eigene Profil-Varianten für Regenreifen.

Aus dieser Epoche stammt auch eines seiner größten Erfolgserlebnisse. Als die verfeindeten Porsche-Rennställe Loos und Kremer im DRM-Finale 1977 am Ring um den Titel kämpften, sorgte Tibor für jenen Vorteil, der Loos-Pilot Rolf Stommelen zum Meister machte.

Als es am Renntag kräftig regnete, entschied sich Tibor für eine Profil-Eigenkreation. «Ich habe dem Rolf handgeschnitzte Regenreifen montiert, auf deren Profil ich noch heute einen Musterschutz besitze.»

Der Reifensatz «Made by Tibor» ließ Titelkonkurrent Bob Wollek auf der nassen Piste keine Chance, Stommelen fuhr auf und davon.

Auch als es 1970 beim Flugplatzrennen in Mainz Finthen ordentlich schüttete, war einmal mehr Tibors große Stunde gekommen. Mit einem kurz vorm Start selbst geschnitzten Regenprofil speziell für die Flugplatz-Betonpiste verhalf er seinen Kölner Kumpels Richard Thiel und Herbert Elsner in ihren Kaimann Formel V-Rennwagen zu einem ebenso unerwarteten wie viel beachteten Doppelsieg. Der Leidtragende war übrigens der Autor dieser Zeilen, der auf Continental gesetzt hatte.

Kein Wunder, dass Tibor in der Branche einen ausgezeichneten Ruf genoss und noch immer genießt. Für viele galt und gilt er als eine Art «Reifen-Doktor», der besonders schwierige Fälle mit einer Art Eigen-Diagnostik unkompliziert zu lösen vermag.

Ob Le Mans-Siege mit Dauer-Porsche 962, Joest Porsche 936 oder der Gewinn der BPR-Meisterschaft (McLaren GTR mit Bscher/Nielsen) – der Goodyear-Mann hatte für jede Mission die richtige Gummimischung parat. Und wenn nicht, dann wurde eben schnell was gezaubert oder handgeschnitzt.

Am meisten faszinierte ihn 1997 in Le Mans, «dass es Tom Kristensen im Porsche 936 fertig gebracht hat, mit einem einzigen Reifensatz sechs Stints und dazu auf den abgelutschten Schlappen auch noch die schnellste Runde zu fahren».

Das sind alles Erlebnisse, die der Reifen-Doktor inzwischen vermisst. Er bedauert, dass heute auch bei den Rennreifen so vieles gleichgeschaltet ist. «Da bleiben eigene Ideen leider auf der Strecke, wenn Hersteller, Profilmuster, teilweise sogar der Reifendruck schon vom Reglement vorgegeben sind.»

Und dann schiebt er noch nach: «Manchmal schaue ich wehmütig zurück in die 70er- oder 80er-Jahre, da konnten wir Reifenleute auch mal schnell was Spezielles für unsere Kundschaft aus dem Ärmel zaubern. Das fehlt mir heute irgendwie.»

Außerdem ist es ihm zu ruhig geworden in Köln, was den Sport betrifft. Kein Zoff mehr wie damals zwischen Loos und Kremer, keine Ford- und Renault-Rennabteilungen mehr, und auch die früher so aktive Presselandschaft der Stadt gibt sich in Sachen Rennsport viel zurückhaltender. Einzig Toyota als weltweiter Player sorgt noch von Köln aus für Rennsport-Schlagzeilen.

Tibors Unternehmen «Goodyear Motorsport Deutschland» ist mit acht Mitarbeitern noch immer für alle Kunden-Wünsche präsent. Dazu gehört auch der Dunlop-Renndienst, der seit langem schon mit Goodyear verschmolzen wurde.

Allerdings haben sich gerade die Prioritäten der Dunlop-Kunden im Laufe der Jahre zum historischen Motorsport hin verschoben. Was Tibor gar nicht so unlieb ist: «Hier können wir wenigstens noch ein bisschen kreativ rumspielen.»

Dazu kommt, dass der Chef selbst ein großer Classic-Fan ist und diese «gottseidank noch nicht so stark reglementierte Art des Motorsports» oft auch privat besucht.

Obwohl Tibor auf die 80 Jahre zugeht, zeigt er sich jeden Tag bis zu acht Stunden im Betrieb. Trotz vollem Tages- und Wochenprogramm steigt er noch so oft es eben geht auf sein Rennrad, geht gerne Segeln und steht im Winter dem DSV als lizenzierter Instruktor für geführte Ski-Touren zur Verfügung.

Wünsche für die Zukunft? «Gerne würde ich nochmal mit einer großen Herausforderung auf dem Reifensektor konfrontiert werden, bei der meine Kreativität gefragt ist.»

Seine eigene Rennfahrer-Karriere hat der Kölsche Reifen-Schnitzer übrigens in den 70er-Jahren nach dem Rausschmiss eines Porsche 907 beim 1000 km-Rennen in Monza ganz schnell beendet: «Da wollte ich nur ein einziges Mal schneller sein als Jacky Ickx …»

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