GP-Fans Japan: Vom Pferdekopf und dem falschen Senna

Von Mathias Brunner
​Entlang der wunderbaren Suzuka-Strecke herrscht ein kunterbuntes Treiben der leidenschaftlichen und einfallsreichen Fans. Da ist alles zu entdecken – bis zum verschollen geglaubten Windkanalmodell.

Zur Faszination Suzuka gehören die leidenschaftlichen japanischen Formel-1-Fans. Auch in diesem Jahr kommen Besucher aus Europa zum Schluss: Die Japaner sind rundweg durchgeknallt, was die Königsklasse angeht.

Die Rennverrücktheit der Japaner zeigt sich beispielsweise in äußerst phantasievoller Bekleidung – viele schneidern selber, andere kaufen sich für teures Geld Original-Memorabilien, die sie dann voller Stolz tragen. Da ist von kunstvoll gearbeiteten Pferdeköpfen japanischer Tifosi bis zu verblüffend detailgetreuen Flügelkonstruktionen als Kopfbedeckung so gut wie alles zu entdecken.

Jahrelang spazierte ein Japaner als Ayrton Senna verkleidet in Suzuka herum, komplett im roten McLaren-Honda-Overall und natürlich immer mit knallgelbem Helm. Felipe Nasr ließ es sich 2016 nicht nehmen, dem vermeintlichen Senna rasch guten Tag zu sagen. Der falsche Senna kritzelte den ganzen Tag lang Autogramme und wurde unzählige Male fotografiert.

Es gibt kein anderes Land, in welchem die Fans so viele Geschenke für die Fahrer basteln.

In Suzuka erhielt Sebastian Vettel traditionell von seinen japanischen Fans einen Daruma, einen Glücksbringer in Japan. Er (der Daruma, nicht Seb) besteht aus Pappmaché und wird mit einem Gewicht beschwert, damit er nicht umfallen kann. Somit macht er Mut, sich in jeder Situation wieder aufzurichten.

Auf den Figuren stehen die japanischen Schriftzeichen Glück oder Erfolg. Ein Daruma gilt als Helfer bei der Erfüllung von Wünschen. Zunächst wird ein Auge des Glücksbringers ausgemalt, und er wird an einen Ort gestellt, an dem man möglichst jeden Tag vorbeikommt. Ist der Wunsch in Erfüllung gegangen, wird das andere Auge ausgemalt. Dann kann die Figur in einem Tempel verbrannt werden.

GP-Sieger Daniel Ricciardo erzählt: «Es gehört zu den japanischen Fans, dass du als Rennfahrer jede Menge verrückter Dinge geschenkt bekommst. Einer ließ ein T-Shirt drucken, darauf war er in der Mitte zu sehen, mit meinem Physio links und ich rechts. Und unten stand – beste Freunde. Das fand ich fantastisch.»

Das durchgeknallteste Stück, das Daniel je von einem Fan geschenkt bekam? Ricciardo kugelt sich noch heute vor Lachen: «Ein Nasentrimmer, frag mich nicht wieso!»

Der Australier weiter: «Die Menschen sind ausgewählt höflich und liebenswürdig, aber sobald es um Rennsport geht, drehen sie durch. Manchmal habe ich den Eindruck: Die japanischen Fans wissen mehr über dich als du selber. Fans warten mit Fotos auf dich von Szenen, an die kannst du dich selber gar nicht mehr erinnern.»

Stundenlang harren die Fans in der Nähe des Suzuka-Hotels aus, um vielleicht einen Blick auf einen Star erhaschen zu können. Wenn sich früher Ayrton Senna oder Michael Schumacher zum Tennisplatz begaben, konnten sie das nur mit einem beherzten Sprint schaffen, um der Menge zu entgehen. Nigel Mansell wurde mal so von Fans bedrängt, dass eine Schaufensterscheibe hinter ihm nachgab.

«Du unartiges kleines Ding»
Die Formel-1-Freunde rennen nicht nur den zahlreichen Fanartikel-Betreibern die Bude ein. Sie investieren auch viel Geld für (hoffentlich echte) Sammlerstücke wie Bremsscheiben von GP-Rennern, Overalls, Rennhelme und vieles mehr, das es in den Läden auf dem Gelände des Suzuka Circuit zu kaufen gibt.

Besonders enttäuscht äußerte sich in diesem Zusammenhang mal der langjährige Formel-1-Fahrer Martin Brundle. Der Engländer liebt Japan, aber vor ein paar Jahren hat er entrüstet getwittert: «Habe diesen Helm gestern für einen aufgeregten Fan in gutem Glauben signiert. Heute wird der Helm für 3500 Pfund angeboten. Gauner! Das ruiniert es für alle.»

Es geht noch skurriler: Ein aufmerksames Mitglied aus der Twitter-Gemeinde hatte in einem Laden gleich bei der Rennstrecke ein ausgewachsenes Windkanalmodell von Sauber gefunden!

Ich suchte den Laden auf, und tatsächlich – da stand das gute Stück.

Sauber twitterte dazu augenzwinkernd: «Das bist du ja. Wir haben auf der ganzen Welt nach dir gesucht, du unartiges kleines Ding.»

Aber jetzt mal ernsthaft: Wie kam ein Windkanalmodell von Sauber aus Hinwil im Zürcher Oberland nach Suzuka?

«Es kann nur eine Möglichkeit geben», antwortete ein Sauber-Sprecher auf meine Frage. «Es muss sich um jenes Windkanalmodell handeln, das Kamui Kobayashi während seiner Sauber-Zeit erhalten hat.»

Eine kurze Rückfrage vor Ort zeigte: Im Gegensatz zu Martin Brundles Helm sollte das Modell in Suzuka nicht verscherbelt werden, sondern es handelt sich um eine Leihgabe von Kamui – um Leute in den Laden zu locken.

Hat prima funktioniert.

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