Formel 1: Urteil zur Ferrari-Kollision

Gerhard Berger zu Ayrton Senna: «Ein Außerirdischer»

Von Gerhard Kuntschik
Ayrton Senna und Gerhard Berger 1991 in Japan

Ayrton Senna und Gerhard Berger 1991 in Japan

​Wer Gerhard Berger, Ayrton Senna-Teamkollege 1990–1992 bei McLaren-Honda, über den Brasilianer befragt, bekommt Antworten, die von höchster Anerkennung geprägt sind.

Die Erinnerungen von Gerhard Berger an Ayrton Senna sind kraftvoll und lebendig: «Für mich gab es zwei besonders herausragende Ereignisse in Ayrtons Karriere», so der 64-jährige Tiroler. «Das waren der Europa-GP in Donington 1993 und seine Qualifying-Runden in Monaco.»

Der WM-Dritte von 1988 und 1994 weiter: «Als die Saison 1992 voranging, wurde immer offensichtlicher, dass Ron Dennis für 1993 keinen Deal mit Werksmotoren zustande bringen würde, nachdem Honda den Rückzug erklärt hatte. So blieben nur noch Kundentriebwerke von Cosworth.»

«Ich akzeptierte ein Ferrari-Angebot zur Rückkehr, während Ayrton wegen der Situation offenbar nicht beunruhigt war. Er blieb von allen Überlegungen zu 1993 unberührt, fokussierte sich völlig auf seinen Kampf gegen Nigel Mansell. Er war mental ganz stark.»

In Donington starteten 1993 die Williams-Renault von Prost und Hill aus Reihe 1. Senna war Vierter hinter Michael Schumacher und vor dem starken Karl Wendlinger.

Berger weiter: «Senna ließ das motorische Leistungsdefizit einfach an sich abprallen. Es spielte im Regen auch keine so große Rolle. Er war von seinen Fähigkeiten und vom Gesamtpaket McLarens überzeugt. Er dachte sich wohl: ‚Prost schlage ich ohnedies‘.»

«Es war faszinierend, wie er Schumacher, dann den toll gestarteten Wendlinger und danach Hill überholte. Er ließ sie bergab in der Linkskurve stehen und wie Anfänger aussehen. Schließlich ging er an Prost vor der Haarnadel vorbei. Das war eine unglaubliche Runde von Senna, auf dem Weg zu einem seiner fabelhaften Siege.»

Zu Monaco fällt dem zehnfachen GP-Sieger Berger ein: «Beim Studium meiner Telemetriedaten merkte ich bald, wo ich Fehler machte. Obwohl ich voll am Limit war!»

«Ich war im ersten Teil um zwei Zehntelsekunden vorn, dann passierte ein Fehler und ich verlor Zeit. Senna konnte seine Perfektion stets über die gesamte Runde ausspielen. Nach so einem Umlauf am Limit kannst du danach nicht sofort erklären, was passierte, du musst das alles erst verdauen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Senna war da anders.»

«Senna stieg aus dem Auto, ging zum Ingenieur und begann sofort mit der Analyse, etwa: ‚Der Motor war in der ersten Kurve nicht richtig eingestellt, du musst den Benzinmix für die zweite ändern und noch mehr für Kurve 3.’ Und so ging es weiter. Als ich ihn nachher in der Trainingsbesprechung so reden hörte, dachte ich mir oft, ich sei im falschen Film.»

Berger kommt zum Schluß: «Senna war in Monaco außerirdisch.»

Monza 1988, das zweite Rennen nach dem Tod von Enzo Ferrari und das einzige der Saison, in dem McLaren nicht siegte, rekapituliert Berger so: «Prost schied nach zwei Dritteln der Distanz wegen Motorschadens aus, damit war ich Zweiter hinter Senna. Der bekam aber ziemlich Druck von mir und hatte auch ein Spritproblem.»

«Senna wollte mich nicht näherkommen lassen und ging ein wenig mit der Brechstange ans Überrunden. Da kam es mit dem Williams-Ersatzfahrer Jean-Louis Schlesser zu einem Missverständnis, die beiden kollidierten, Senna drehte sich und schied aus – damit lag ich vor Michele Alboreto in Führung und gewann dieses Rennen. Und Monza wurde zum Tollhaus.»

In der von Rivalitäten, aber selten von Freundschaften geprägten Formel 1 war das Verhältnis zwischen Senna und Berger ein ungewöhnliches.

Senna mochte die Unbeschwertheit seines Teamkollegen, zumindest die nach außen gezeigte. Berger wiederum, der mit der Pole-Position in Phoenix 1990 einen Traumstart bei McLaren hinlegte und danach bis Suzuka 1991 warten musste, erstmals für dieses Team ganz oben zu stehen, war sich selbst bald so ehrlich, die Überlegenheit Sennas anzuerkennen.

Dass ihn Senna in Suzuka 1991 in der letzten Schikane vorbei ließ und ihm den Sieg schenkte, war ein Ausdruck der persönlichen Freundschaft und der guten Zusammenarbeit der beiden.

Und – heute vermutlich kaum vorstellbar – sie verbrachten Freizeit gemeinsam, am Strand von Brasilien oder auf Bergers Boot im Mittelmeer. Sie hatten Spaß zusammen. Welche GP-Stars haben heute Zeit und Lust auf gemeinsame Späße?

Legendär und wohl weltweit zitiert wurde Bergers Kommentar zu Sennas tödlichem Unfall: «Es ist, als sei die Sonne vom Himmel gestürzt.»

Berger zog sich nach Imola 1994 tagelang zurück, überlegte ernsthaft den Rücktritt, gab aber zehn Tage später, am Mittwoch vor dem Monaco-GP, in einem Pressegespräch bekannt, dass er sich dennoch zum Weitermachen entschieden habe.

Ehe nur 24 Stunden später das Drama weiterging, als Karl Wendlinger in der Hafenschikane in die Leitplanken flog. Wochenlang bangten alle um dessen Leben, auch Gerhard Berger.

Es waren fürchterliche Wochen.


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