Die Crux des Überholens

Kolumne von Guido Quirmbach
Formel 1
Von wegen Überholverbot: Button in Interlagos

Von wegen Überholverbot: Button in Interlagos

Immer wieder gibt es Stimmen, die sagen, in der Formel 1 wird zu wenig überholt. Stimmt es und liegt dies wirklich nur an der Aerodynamik?

Es begann Anfangs der 1990er Jahre. «Das Überholen wird immer schwieriger» sagten die Fahrer. Anfangs waren es die immer kürzer werdenden Bremswege, später wurde die sensible Aerodynamik als Übeltäter ausgemacht, die es dem Hintermann nicht erlaubt, zu dicht aufzufahren. Sonst reisst der Luftstrom zu seinem Frontflügel ab, das Fahrzeug verliert Bodenhaftung. Aber wenn der Abstand zum Vordermann vor der Kurve zu gross ist, ist die folgende Gerade für ein Überholmanöver fast immer zu kurz.

Vor einiger Zeit stiess ich auf einen Artikel über das erste Formel 2-Rennen von Johnny Cecotto. Er rutschte von der Strecke. Da sagte der damalige Motorrad-Star und Auto-Neuling: «Ich war zu dicht hinter meinem Vordermann und habe Anpressdruck verloren.» Aha, so ganz neu ist das Phänomen also nicht, wenn natürlich die moderne Aerodynamik heute viel ausgeprägter ist als bei einem Formel 2-March von 1980.

Doch damals war vom Überholmangel nie die Rede. Es wurde ziemlich munter überholt. Allerdings sollte man sich da auch einige Videos auf Youtube anschauen, dann sieht selbst auch der Laie, warum. Denn die Strassenlage der damaligen Formel 1-Renner hat mit den heutigen nur wenig gemeinsam und selbst optisch ist erkennbar, um wie viel langsamer die damaligen Boliden waren.
Zum Vergleich: Die Pole-Position in Monza lag 1979 bei 1.34.58min von Jean Pierre Jabouille im Renault. Der Zehnte, Mario Andretti im Lotus, lag bereits zwei Sekunden zurück. Nimmt man Q2 beim diesjährigen Grand Prix, dann lagen zwischen dem schnellsten Button (1.22.95 min) und dem zehnten Vettel nur 0,5 Sekunden. Man war, obwohl die Strecke besonders im Bereich der Lesmo-Kurven deutlich langsamer gemacht wurde, in der Spitze um fast 12 Sekunden schneller, dazu ist das Feld viel enger beisammen gerückt. Wenn Fahrzeuge unterschiedlich schnell sind, ist Überholen natürlich viel leichter als wenn sie auf fast gleichem Level fahren.

In den 1980er Jahren war ebenfalls kaum eine Rede vom Mangel an Überholmanövern. Auch da galt: Das Feld lag deutlich weiter auseinander, dazu gab es den Turbo-Boost. Man drehte auf der Geraden am sogenannten «Dampfrad», erhöhte damit den Ladedruck, mobilisierte dadurch kurzzeitig 100-200PS mehr und fuhr vorbei. Wirklich spannend war das auch nicht.

Und noch etwas führte dazu, dass weniger überholt wurde: Früher unterschieden sich Rennabstimmung und Quali-Setup dramatisch. Im Training war Anpressdruck für eine schnelle Runde wichtig, im Rennen wurde der Flügel viel flacher gestellt, Höchstgeschwindigkeit war das A und O. Nur so konnte man verhindern, überholt zu werden oder konnte überhaupt überholen. Denn Reifenwechsel waren nicht immer einkalkuliert, der taktische Spielraum war gering. Die schnellsten Rennrunden waren teilweise um bis zu fünf Sekunden langsamer als in der Qualifikation.

Doch mit der Wiedereinführung der Tankstopps änderte sich das. Schnelle Rundenzeiten waren für eine erfolgreiche Strategie entscheidend. Wenn beispielsweise Michael Schumacher im Pulk fuhr und nicht vorbeikam, beorderte ihn Ross Brawn so an die Box, dass er auf freier Strecke rauskommt und sich mit schnellen Zeiten beim nächsten Stopp an dem Pulk vorbeikam. Dies ging auch nur mit einer Abstimmung, die auf Rundenzeit ausgelegt war. Und damit sensibler beim Hinterher-Fahren. Vor dem Stopp wollte man nicht überholen, nach dem Stopp brauchte man nicht mehr, weil das Feld weit auseinandergerissen war. Was mancher als taktischen Leckerbissen verkaufte, war dem Zuschauer meist nicht mehr als ein müdes Gähnen wert.

Mit den Regeln von 2009 sollte das Überholen nun erleichtert werden. Es wurde jedoch nicht mehr, aber auch nicht weniger überholt, als vorher auch.

Doch was wurde denn eigentlich erwartet? Dass jeder jeden am Ende einer jeden Geraden problemlos ausbremsen kann? Sorry, aber das kann es doch auch nicht sein. Und das gab es auch noch nie. Mir ist es so jedenfalls lieber, wenn um einen Rang gekämpft wird, wie es Button und Webber am Ende in Abu Dhabi getan haben, als wenn jemand ohne jede Kunst am Konkurrenten vorbeizieht. Solche Kämpfe liegen jedenfalls mehr in der Natur eines Autorennens als künstliche Spannungselemente wie Pflicht-Boxenstopp oder «Push to pass-Button»

Dazu wird auch die Qualität der Fahrer insgesamt besser. Schlechte Piloten gibt es nicht mehr. Wer es bei dieser Leistungsdichte schafft, sein Rennen am Limit zu fahren und dabei fehlerfrei zu fahren, wird von seinem Hintermann nicht überholt werden.

Meines Erachtens wurde auch gar nicht so wenig überholt. Es gab mehrere herzerfrischende Rennen, zum Beispiel in Sao Paulo. Und es gab auch andere gute WM-Läufe, in denen weniger überholt wurde. Aber auch gute Fussballspiele enden manchmal 0:0. Deshalb fordert auch niemand beim Fussball eine Regeländerung.

Nächstes Jahr sollte es noch besser werden. Denn durch das Tankstoppverbot fällt ein weiteres taktisches Element weg. Desto weniger Taktik, desto mehr Action auf Strecke.

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