Formel 1: Ein selten kurioser Unfall

Joe Roberts: «Das Spielerische macht den Unterschied»

Von Thomas Kuttruf
Als bislang erfolgreichster Pilot einer Kalex-Moto2-Maschine ist der Amerikaner Joe Roberts erster Verfolger des WM-Führenden Sergio Garcia. In Mugello traf SPEEDWEEK.com den Grand Prix-Sieger und MotoGP-Aspiranten.

Der Kalifornier Joe Roberts ist kein unbeschriebenes Blatt. Bereits als 14-Jähriger lernte Roberts das Fahrerlager als Red Bull Rookie kennen. Die maximal möglich drei Jahre verbrachte der junge Joe Roberts in der Vorstufe des GP-Sports. Doch der Durchbruch wollte nicht gelingen. Gesamtrang 9 in seiner zweiten Saison blieb das beste Resultat für den Rookie.

Im Vieraugen-Gespräch während des Mugello-Wochenendes erzählte der American-Racing-Pilot 48 Stunden vor seinem Moto2-GP-Sieg in der Toskana von den Anfängen seiner Karriere. Der während des Winters in Los Angeles und während der Europasaison in England lebende Joe Roberts: «Nach den Jahren im Rookies Cup habe ich verstanden, dass ich zunächst keinen Einstieg in die WM schaffe. Damals wie heute gilt – solange du nicht als Sieger aus der Serie hervorgehst, wird es schwer ohne großen Sponsor direkt in WM zu kommen. Ich hatte die Unterstützung nicht und bin dann erstmal wieder zurück in die USA gegangen.»

Zurück per Zufall
Dank einem Freund kam dann ein paar Jahre später die nächste Chance. Roberts: «Ein Kumpel hat beim AGR-Team als Mechaniker an der Kalex gearbeitet und hat es geschafft, mir 2017 einen Test zu ermöglichen. Das war ein sehr spezielles Erlebnis. Ich war komplett geflasht – das war es, was ich wollte. Nach ein paar Podestplätzen in der spanischen Meisterschaft konnte ich dann auch einige Wildcards fahren und für 2018 einen Platz bei RW-Racing ergattern. Ich war mit der NTS unterwegs und meine Denkweise, meine ganze Haltung war damals völlig anders.»

Der mittlerweile 26-Jährige berichtet von seiner damaligen Demut: «Es gab bereits vor mir einige Amerikaner, die sich in der Moto2 versucht haben.» Sie alle sind teilweise richtig gescheitert und in den USA hatte die Moto2 ein sehr spezielles Image. Das war sehr weit weg und es galt als unmöglich. dort als Amerikaner Fuß zu fassen. Das hat mich auch gereizt. Zwar dachte ich auch, das es klappen kann, aber ich hatte einen Höllenrespekt. Wenn es einen WM-Punkt mit der NTS gab, dann haben wir wie verrückt gefeiert. Gehen wir heute mit einem Zähler aus dem Fahrerlager, war es ein mieses Wochenende.»

Abgeschottete US-Szene
Hätte es sich Joe Roberts in der sehr gut bezahlten amerikanischen Meisterschaft nicht schneller und besser einen Namen machen können? Joe Roberts schaut auf die US-Szene mit geteilter Meinung. «In der USA-Superbike-Szene geht es sehr speziell zu. Die Werks-unterstützten Strukturen sind wie Burgen. Es fuhren dort über viele Jahre die gleichen etablierten Piloten. Es war, egal was du für einen Speed hattest, fast unmöglich einzudringen. Ich meine, finanziell wäre ich damals sicher besser gefahren, wenn ich in den USA geblieben wäre. Aber am Ende hat mich die Herausforderung im GP-Fahrerlager auch mehr gereizt.»

Zurück in die Realität. 2024 nach seiner Rückkehr in die US-Teamstruktur, in der Roberts bereits 2019 und 2020 fuhr und mit der er seinen Podestplatz in der Weltmeisterschaft erreichte, ist Roberts ein seriöser Titelkandidat. Der zweite Platz in der WM mit lediglich sieben Punkten Rückstand auf Sergio Garcia ist das Ergebnis einer beeindruckenden Konstanz. Roberts sah in jedem Rennen das Ziel. Das schlechteste Ergebnis war ein achter Platz in Catalunya. Podestplätze in den USA, Jerez, Portimao plus der Sieg in Mugello zeigen aber auch, dass Roberts nicht allein auf Sicherheit fährt.

Konzentration auf das Wesentliche
Für den sehr starken ersten Teil der Saison hat der Amerikaner eine einfache Erklärung. «Es klingt einfach, aber der Schlüssel für alles war ein großer Test, bei dem es uns gelang, vor dem ersten Rennen eine Basis zu finden, die für mich nahezu perfekt passt. Ich habe mich in keinem Rennen mit der Abstimmung des Bikes beschäftigt. Während den GP-Events geht es für mich nichts anderes als um das Fahren selbst. Es ist so spielerisch. Ich bin in der Lage jede einzelne Ausfahrt zu genießen, denke an nichts anderes.»

Roberts fügt hinzu: «Ich fühle mich nicht anders, als wenn ich bei mir zu Hause eine Supermoto aus der Garage ziehe und Spaß habe. Ich habe an dem Bike in den Jahren nicht einen Klick an der Federung geändert. Nichts als fahren und Spaß haben. Und dass ich das jetzt so in der Moto2-WM erlebe, das ist natürlich auch dank des Teams so, dass die Basis bietet. Das gegenseitige Vertrauen, auch mit John (Anm.d. Red.: John Hopkins, Ex-MotoGP-Werksfahrer und Mentor des Moto2-Piloten) ist die Grundlage, ohne die es auch so nicht funktionieren würde.»

MotoGP
Bleibt die spannende Frage, ob sich Roberts auch in der MotoGP sieht. Vor allem mit dem US-amerikanischen Trackhouse-Team könnte eine natürliche Verbindung entstehen. Roberts: «Als ich in der Moto2 anfing, da habe ich mich noch nicht in der MotoGP gesehen. Aber heute ist es normal und es gibt aktuell auch Gespräche. Aber genau dafür gibt es einen Manager. Mir ist es wichtig, mich heute auf die Rennen in der Moto2 und die sehr lange Saison zu konzentrieren.

Trackhouse-Racing-Besitzer Justin Marks verbrachte das Moto2-Rennen in Mugello jedenfalls in der Box von American Racing. Eine bessere Visitenkarte vor den Augen eines möglichen neuen Arbeitgebers in der Königsklasse hätte der smarte Kalifornier nicht abgeben können.

Ergebnisse Moto2-Rennen Mugello (2. Juni):
1. Roberts, Kalex, 12 Runden in 22:24,411 min
2. Gonzalez, Kalex, +0,067 sec
3. López, Boscoscuro, +0,934
4. Garcia, Boscoscuro, +1,192
5. Ogura, Boscoscuro, +1,253
6. Canet, Kalex, +1,859
7. Vietti, Kalex, +2,618
8. Guevara, Kalex, +3,349
9. Chantra, Kalex, +3,450
10. Ramirez, Kalex, +5,877
11. Moreira, Kalex, +6,516
12. Dixon, Kalex, +10,969
13. Öncü, Kalex, +11,782
14. Van den Goorbergh, Kalex, +11,930
15. Aji, Kalex, +13,036

WM-Stand nach 7 von 21 Rennen:
Garcia, 122 Punkte. 2. Roberts 115. 3. Ogura 99. 4. López 79. 5. Gonzalez 66. 6. Aldeguer 63. 7. Canet 58. 8. Arenas 48. 9. Alcoba 43. 10. Vietti 38. 11. Ramirez 35. 12. Chantra 35. 13. Arbolino 33. 14. Baltus 23. 15. Dixon 20. 16. Guevara 18.

Konstrukteure:
1. Boscoscuro, 154 Punkte. 2 Kalex 139. 3. Forward 6.

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