Cortese: «Rennfahrer sind sehr egoistisch»

Von Günther Wiesinger
Moto3
Sandro Cortese mit KTM-Teamchef Aki Ajo (re.)

Sandro Cortese mit KTM-Teamchef Aki Ajo (re.)

Moto3-Weltmeister Sandro Cortese spricht über seinen steinigen Weg zum Erfolg, sein Verhältnis zu Teamchef Aki Ajo und warum er keine Ausreden mehr sucht.

Sandro Cortese (22) krönte sich in der abgelaufenen Saison zum ersten Moto3-Weltmeister der GP-Geschichte. Der KTM-Werkspilot gewann fünf Rennen und stand je fünf Mal als Zweiter und als Dritter auf dem Podest, ausserdem erzielte der Berkheimer sieben Mal die Pole-Position. Im ersten Teil des exklusiven Interviews blickt Cortese auf seine bisherige Karriere zurück. Im nächsten Jahr wird der Weltmeister im neuen Dynavolt-Intact-GP-Team in der Moto2-WM antreten.

Von deinem ersten GP-Start bis zum ersten Sieg hat es 109 Rennen gedauert. Vom ersten WM-Laufsieg bis zum Titel nur mehr 22. Ist bei dir 2011 in Brünn der berühmte Knopf aufgegangen?
Ja, kann man so sagen. Nach dem hart erkämpften Sieg in Brünn hat es irgendwie den Schalter umgelegt. Ich kann es selber nicht erklären. Ich habe dann ein paar Wochen später in Australien wieder gewonnen. Und ich habe dieses Hoch in die Saison 2012 mitgenommen; die vergangene Saison war dann wirklich perfekt.

2006 warst du im Team von 125-ccm-Weltmeister Tom Lüthi. 2010 im Team von Aki Ajo, als zweiter Fahrer neben Weltmeister Marc Márquez. Das sieht nach glänzender Strategie aus, immer von den Besten zu lernen und ähnliches Material zu kriegen. Geben diese Stars wirklich Know-how weiter?
Um ehrlich zu sein, ich habe von keinem Informationen bekommen. Bei Tom war ich zu jung, um irgendwas aufzunehmen. Ich war erst 16. Man muss als Rennfahrer die Erfahrungen selber machen. Rennfahrer sind sehr, sehr egoistisch. Wenn sie irgendwas rausfinden, geben sie es nicht an Konkurrenten weiter.

Wie hast du dich fahrerisch entwickelt?
Ich denke, in den letzten zwei Jahren extrem. Ich habe viel an meinen Fehlern gearbeitet. Wie erkläre ich das am besten? Durch mehr Ehrlichkeit, mehr Vertrauen. Früher habe ich nach Stürzen oft nach Ausreden gesucht. Heute bin ich dem Team gegenüber ehrlicher, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe dann einfach keine Fehler mehr gemacht… Und wenn ich einen gemacht habe, hat ihn mir das Team nicht mehr übel genommen, weil so etwas passiert. Die Konstanz war extrem gut diese Saison. Das hat mir letztlich den WM-Titel gebracht. Ich hatte bis Sepang ein Rennen weniger gewonnen als Konkurrent Viñales, aber dauernd durch Podestplätze geglänzt.

Wie geht das, wenn man von heute auf morgen sagt: Jetzt suche ich keine Ausreden mehr?
Das muss jeder selber begreifen. Es hat lange gedauert. Bei mir hat es einfach einen Punkt gegeben, als ich 2011 mit Jürgen Lingg einen so ruhigen Chefmechaniker hatte, eine Person, die so ehrlich zu mir war… Dadurch habe ich mich selber automatisch geändert. Da habe ich gesagt: Jetzt lüge ich nicht mehr. Ich habe dem Team das Vertrauen geschenkt, dass sie mir geschenkt haben. Meine Persönlichkeit ist gereift; ich habe mich weiterentwickelt.

Wie schätzt du dich als Typ ein? Temperamentvoll? Cool? Mutig? Politisch korrekt? Cooler Analytiker?
Sehr viel Temperament, emotional, trotzdem cool und sachlich, ehrgeizig, politisch korrekt, ja.

Es war eine Frage mit Hintergedanken: Da gab es beim Japan-GP eine hitzköpfige Aktion. Du bist in der letzten Runde gestürzt und hast dich dann über deinen Teamkollegen Danny Kent beschwert, der gewonnen hat.
Da ist vorübergehend mein italienisches Blut zur Geltung gekommen, meine italienischen Gene. Auf dem Motorrad hat das für mich so ausgeschaut, als seien Kent und Tonucci sehr hitzköpfig gefahren. Kent hat nach dem Überholmanöver ausgeschert. Dabei ist er mein Teamkollege. Klar, ich habe überreagiert. Ich habe sehr viele Emotionen in dieses Rennen reingelegt. Kurz nachdem ich mir das Rennen im Fernsehen noch einmal angeschaut hatte, habe ich mich bei Danny und bei der Öffentlichkeit entschuldigt. Solche Sachen machen mich stark. Ich habe nach diesem Vorfall viel Kritik einstecken müssen. Aber ich bin danach trotzdem nicht in ein Loch gefallen. Man muss mit solchen Ereignissen als Sportler umgehen können. Der Fehler war passiert, in Malaysia (Anm.: vorzeitiger Titelgewinn) habe ich ihn sieben Tage später ausgebügelt.

Dein Verhältnis zu Teamchef Aki Ajo war ja mitunter auch schwierig. Er hat dich Ende 2010 ja nach zwei Jahren entlassen.
Das erste Jahr 2009 war recht gut; wir haben uns beide entwickelt. 2010 war sehr schwierig, das war viel auch meine Schuld, weil ich nicht reif genug war. Und Teamkollege Márquez hat alle Rekorde gebrochen. Aki hat von mir eine Steigerung erwartet, er ist entsprechend hart mit mir umgesprungen. Aber neben Marc habe ich nicht so aufblühen können. Er hat in allen Situationen geglänzt. Aki und ich haben da viele Fehler gemacht. Als ich im Winter zurückgekommen bin, haben wir uns an einen Tisch gesetzt und gesagt: Alles, was passiert ist, müssen wir vergessen und aus den Fehlern lernen, um eine gute Saison 2012 zu machen. Es war wichtig, dass wir sehr offen miteinander waren. Es war 2012 nicht alles Gold, was glänzt, und er ist immer noch sehr hart. Aber das gehört auch dazu, damit man nicht abhebt nach so vielen Podestplätzen.

Gibt es bei Aki Zuckerbrot und Peitsche? Oder nur Peitsche?
Es gibt schon beides. Aber weniger Zuckerbrot. Den Begriff «sehr gut» hört man nicht allzu oft.

Bei euch in Schwaben sagt man: Nicht geschimpft ist genug gelobt. Was ist der höchste Superlativ eines Lobes bei Aki Ajo?
«Good job»! (Anm.: Ajo meinte später: «Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Sandro mal sooo überschwänglich gelobt habe.»)

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