MotoGP-WM 2020: Existenzängste statt Katzenjammer

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Rossi auf dem Chang International Circuit in Buri Ram: Kann dort im Oktober gefahren werden?

Rossi auf dem Chang International Circuit in Buri Ram: Kann dort im Oktober gefahren werden?

Vor sechs Monaten jammerten etliche Teammitglieder noch über den strammen GP-Kalender 2020. Jetzt wären alle Beteiligten froh, wenn zumindest ein Notprogramm gefahren werden könnte.

Vor ziemlich genau sechs Monaten habe ich beim Australien-GP einige Teammitglieder im Paddock jammern gehört, weil 2020 erstmals 20 Grand Prix geplant waren und die Anzahl der Rennen nach 2021 bis 22 Events ansteigen könnte. Ich dachte damals: Bei insgesamt 52 GP-Wochenenden im Jahr sollten doch 20 oder 22 Grand Prix machbar sein, zumal ja die Anzahl der großen MotoGP-Tests dann von vier auf zwei oder drei gekürzt werden soll, es meist eine dreiwöchige Sommerpause und auch sonst noch einige freie Wochenenden gibt.

Außerdem spielen die Fußballteams oft in drei Wettbewerben (Liga, Cup und Champions League oder Europa League), also zweimal in sechs oder sieben Tagen, und im Radsport absolvieren die Teams bis zu drei dreiwöchige Rundfahrten (Giro, Tour, Vuelta) und oft bis zu 200 Renntage pro Saison.

Jetzt bangen nicht nur die besagten Jammerer, ob 2020 überhaupt noch ein Grand Prix stattfinden kann, Hunderte oder Tausende Teammitglieder in allen Rennserien in aller Welt zittern um ihre Existenz.

Wir werden von Glück reden können, wenn wir 2020 zumindest noch ein GP-Rumpfprogramm erleben, denn verletzte Motorsportler sind so ziemlich das Letzte, was die Krankenhäuser rund um die Rennstrecken in Jerez, Le Mans, Mugello, Barcelona, Misano, Aragón und so weiter jetzt brauchen.

Momentan müssen die Funktionäre in allen erdenklichen Sportarten ihre Planungen von einem Tag auf den andern auf den Kopf stellen, denn die Ereignisse überstürzen sich. In den USA wurden heute 13.958 neuinfizierte Personen gemeldet.

In Italien schottet sich Kalabrien seit heute vom Rest des Landes ab, weil diese Region nur über 160 Intensivbetten verfügt und bei einer Situation wie im Norden das Gesundheitssystem sehr schnell restlos überfordert wäre.

Italien hat heute die Maßnahmen verschärft: Alle nicht lebensnotwendigen Betriebe werden ab morgen zugesperrt.

Es wird noch viele Wochen dauern, bis wir ein klares Bild davon haben, welches Rumpfprogramm von den geplanten 20 MotoGP-Events 2020 übrig bleiben wird.

Es wird zu einer Angebotsverknappung kommen, das lässt sich nicht mehr bestreiten.

Ein Blick in die Vergangenheit, also in die Ära vor der Globalisierung, offenbart interessante Einblicke.

1952 wurden nur acht Grand Prix ausgetragen, alle in Europa. 1958 reichten sieben Grand Prix, alle fanden im Abendland statt. 1961 wurde der Sprung nach Buenos Aires/Argentinien gewagt, es fanden total zehn Events statt. Südamerika stand auch ein Jahr später auf dem Programm. 1964 und 1965 wurde in Daytona/Florida im WM-Punkte gefahren, ehe 1966 wieder ganz auf Übersee-GP verzichtet wurde.

1970 und 1971 gab es zum Beispiel nur elf Grand Prix im Jahr, keinen einzigen in Übersee. 1980 wurden sogar nur acht Grand Prix abgewickelt, keiner außerhalb von Europa. Erst 1981 wurde wieder ein Trip nach Buenos Aires gewagt, aber nur für die Klassen 250 und 350 ccm. Die Halbliter-WM gastierte erst 1982 wieder in Argentinien.

Übrigens: Auch lange Rennpausen wie jetzt in der MotoGP-Klasse haben wir schon erlebt. 1979 fand das Finale am 24. August statt. In der folgenden Saison stand der Auftakt in Salzburg am 26. April auf dem Programm, also acht Monate später!

Winterpausen mit solchen Dimensionen waren damals Standard, denn in wärmeren Gefilden in Übersee wurde nicht gefahren, im Grunde aus Kostengründen, und im Süden Europas wie in Jerez (erster GP nach der Eröffnung 1987) oder Valencia (erster GP nach der Eröffnung 1999) gab es keine brauchbaren Rennstrecken.

Vallelunga bei Rom und Le Castellet bei Marseille taugten im Winter im Grunde auch vier Monate lang nicht für sinnvolle Testfahrten – zu kalt. Reifenwärmer existierten nicht.

Die Anzahl der Übersee-Rennen blieb lange Zeit überschaubar.

Aber je mehr Millionen die Dorna an die Teams ausbezahlte, desto leichter konnten sich die Rennställe Übersee-Trips leisten, zumal auch die Werke, Sponsoren (lange Zeit aus der Tabakindustrie, dann Energy Drink-Firmen) und Ausrüster (Helmfirmen, Lederhersteller und so weiter) ihre Geschäftsfelder immer mehr weltweit ausbreiteten.

1990 begnügte sich der GP-Sport mit drei Übersee-Events: Suzuka, Laguna Seca, Phillip Island.

2000 wurde das Übersee-GP-Programm schon nach Welkom/ZA, Sepang/MAL, Suzuka/J, Rio/BR, Motegi/J und Phillip Island/AUS ausgerollt.

2020 beinhaltete der GP-Kalender ursprünglich sechs Events in Übersee, 14 in Europa.

Vor dem Saisonstart 1978 in Venezuela (18. März in San Carlos) traf ich GP-Sieger Jon Ekerold auf dem Flughafen Miami. Ich kam vom Daytona 200, er aus seiner Heimat Südafrika.

«Bist du seit dem internationalen Rennen in Schwanenstadt im September irgendwo auf einer Rennmaschine gesessen», erkundigte ich mich.

Seine knappe Antwort: «Nein. Entweder hast du Talent oder du hast keines.»

Der aktuelle Motorrad-GP-Kalender 2020

08. März: Doha/Q (ohne MotoGP
03. Mai: Jerez/E
17. Mai: Le Mans/F
31. Mai: Mugello/I
07. Juni: Barcelona/E
21. Juni: Sachsenring/D
28. Juni: Assen/NL
12. Juli: KymiRing/SF
09. August: Brünn/CZ
16. August: Red Bull Ring/A
30. August: Silverstone/GB
13. September: Misano/I
27. September: Aragón/E
04. Oktober: Buriram/TH
18. Oktober: Motegi/J
25. Oktober: Phillip Island/AUS
01. November: Sepang/MAL
15. November: Texas/USA
22. November: Las Termas
29. November: Valencia/E

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