Seltsame Ducati-Politik: Vertreibung von Dovizioso

Von Günther Wiesinger
Editorial
Andrea Dovizioso hat für 2021 noch keinen Platz im MotoGP-Starterfeld

Andrea Dovizioso hat für 2021 noch keinen Platz im MotoGP-Starterfeld

Andrea Dovizioso war dreimal Vizeweltmeister, jetzt ist er wieder WM-Zweiter. Aber die Ducati-Manager haben ihn jahrelang abschätzig behandelt. Jetzt haben sie den Salat. Ein würdiger Ersatz fehlt.

Der erfolgreiche Aprilia-Renndirektor Jan Witteveen, der zwischen 1989 und 2004 für das Werk aus Noale ca. 50 WM-Titel gewann (125 und 250 ccm) und zeitweise in allen drei GP-Klassen (auch in der 500er-WM und MotoGP-990-ccm-Klasse) sowie in der Superbike-WM antrat, hatte für die Fahrerverpflichtung jahrelang ein klares Konzept. «Man muss die Verträge so früh wie möglich verlängern, dann kehrt Ruhe ein.»

Wittevens ehemaliger Schützling Lucio Cecchinello hat diese Methode verinnerlicht und ahmt sie als LCR-Honda-Teambesitzer seit Jahren nach, zuletzt bei Cal Crutchlow. Aber jetzt sind den tüchtigen Italiener die Hände gebunden, denn Honda hat seine beiden Fahrer Nakagami und Crutchlow (und Alex Márquez für 2021) selbst unter Vertrag genommen.

Ducati Corse verfolgt seit Jahren meist ein unterschiedliches Konzept. Als die Saison am 19. Juli losging, hatte Ducati erst einen von fünf MotoGP-Werkspiloten für 2021 wieder unter Vertrag: Jack Miller (25), der statt Petrucci ins Werksteam kommt. Nach der starken Vorstellung von Bagnaia beim Andalusien-GP wurde auch der Vertrag mit dem zweifellos hochbegabten Moto2-Weltmeister von 2018 verlängert.

Aber Ducati-Sportdirektor Paolo Ciabatti erklärte schon damals gegenüber SPEEDWEEK.com, man werde erst später entscheiden, in welchem Team Bagnaia fahren werde. Entweder weiter bei Pramac oder eventuell im Werksteam, denn das Verhältnis mit Dovizioso galt bereits als zerrüttet, man sollte sich aber nach dem zweiten Spielberg-GP noch einmal zusammensetzen.

Doch Dovi hat aus dem Ducati-Management seit dem Winter genug abschätzige Bemerkungen über seine Person gehört, deshalb knallte er am ersten Samstag beim Spielberg trotzig die Kündigung per Jahresende auf den Tisch.

Nach acht Jahren hört der dreifache Vizeweltmeister und aktuelle WM-Zweite lieber auf, als sich noch einmal mit den arroganten Ducati-Feldherrn abzumühen.

Nach acht verdienstvollen Jahren, wohlgemerkt.

Ja, vielleicht steht Dovi vom Naturtalent her nicht auf dem Level von Viñales, Rossi, Lorenzo und anderen Kollegen, von Marc Márquez ganz zu schweigen.

Aber üblicherweise sollte ein Unternehmen einen Top-Mitarbeiter erst vergraulen, wenn ein besserer Nachfolger zur Verfügung steht.

Ob das bei Ducati der Fall ist, darf bezweifelt werden. Jack Miller hat sich etabliert, aber er war noch nie dem Druck eines Titelanwärters ausgesetzt, außer in der Moto3-WM 2014, wo ihm am Ende Alex Márquez den Titel entrissen hat.

Pecco Bagnaia (23) hat bisher einen vierten Platz in Phillip Island als bestes MotoGP-Ergebnis vorzuweisen. Jorge Lorenzo wird als Joker ins Spiel gebracht, aber er hat seit bald zwei Jahren nichts gewonnen. Ob er 2021 auf Top-Niveau fahren kann – es ist sehr zweifelhaft.

Bleibt Johann Zarco, der zwar in Brünn 2020 Platz 3 erobert hat, aber in den letzten eineinhalb Jahren auch durch etliche Eskapaden auffällig geworden ist. Er bekam jetzt einen neuen Vertrag, in welches Team er gesteckt wird, bleibt offen. Er hofft auf den Platz neben Miller, der Druck für weitere Topleistungen ist also enorm, auch für den lädierten Bagnaia, der seit Brünn wegen eines Schienbeinbruchs pausiert hat.

Es ist also unbestritten: Dovizioso wäre für eine Titeljagd von Ducati 2021 die beste verfügbare Lösung gewesen.

Jetzt hat Ducati ein paar vielversprechende Talente wie Miller, Bagnaia sowie Jorge Martin (bei Pramac) unter Vertrag und dazu Haudegen wie Lorenzo oder Zarco, selbst Luca Marini ist jetzt bei Ducati im Gespräch, die Aufteilung der Fahrer in den drei Teams bleibt ungewiss.

Red Bull KTM hat 2020 gezeigt, was man mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und einem vielversprechenden Talentschuppen mit Jungstars wie Brad Binder bis zu Miguel Oliveira erreichen kann, nachdem das teure 1,8-Mio-Euro-Experiment 2019 mit Johann Zarco gescheitert ist.

Aber Ducati hatte mit «Dovi» einen populären und verlässlichen Titelanwärter und hat ihn mutwillig in die Wüste geschickt. Ob sich diese kuriose und kurzsichtige Personalpolitik bezahlt macht, werden wir sehen.

So sehen die MotoGP-Teams 2021 aus

Repsol-Honda
Marc Márquez, Pol Espargaró

Ducati Team

Jack Miller, Pecco Bagnaia?Jorge Lorenzo? Johann Zarco

Monster Energy Yamaha
Maverick Viñales, Fabio Quartararo

Suzuki Ecstar

Alex Rins, Joan Mir

Red Bull KTM Factory Racing

Brad Binder, Miguel Oliveira

Aprilia Racing Team Gresini

Aleix Espargaró, Andrea Iannone? Cal Crutchlow?
Pramac Racing
Jorge Martin, Pecco Bagnaia? Luca Marini? Johann Zarco?

Reale Avintia Racing

Tito Rabat, Johann Zarco?
Luca Marini?
Petronas Yamaha SRT

Valentino Rossi, Franco Morbidelli

LCR Honda

Alex Márquez, Takaaki Nakagami

Red Bull KTM Tech3

Danilo Petrucci, Iker Lecuona

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