Wie Suzuki Mir in 2 Jahren zum MotoGP-Champion formte

Von Simon Patterson
Joan Mir im Weltmeister-Outfit, Frankie Carchedi gehört zu den ersten Gratulanten

Joan Mir im Weltmeister-Outfit, Frankie Carchedi gehört zu den ersten Gratulanten

Joan Mir kürte sich mit 23 Jahren in seiner erst zweiten Saison in der Königsklasse zum MotoGP-Weltmeister 2020. Sein Crew-Chief Frankie Carchedi verrät, wie in der Suzuki-Box gearbeitet wurde.

Frankie Carchedi sagt über Joan Mir: «Es steckt etwas von ‘Guter Bulle, schlechter Bulle‘ in ihm. Wenn er einen Reifen in zwei Runden komplett zerstören will, dann besteht kein Zweifel daran, dass er das kann. Zum Beginn des Vorjahres haben wir ihn das auch tun lassen. Aber danach haben wir begonnen ihm beizubringen, wie er gewisse Aspekte des Bikes managt, darunter Vorder- und Hinterreifen.»

Der Moto3-Weltmeister von 2017 wechselte für die Saison 2019 als Suzuki-Werksfahrer in die MotoGP-Klasse: In seiner Rookie-Saison sammelte er zehn Top-10-Ergebnisse (mit Rang 5 auf Phillip Island als Bestleistung) und obwohl er zwei Grand Prix verletzungsbedingt verpasste, reichte es immerhin zum zwölften WM-Rang.

Damit zählte Mir beim verspäteten Auftakt in die MotoGP-WM 2020 nicht zu den Topfavoriten, aber er lief ab dem Österreich-GP zur Höchstform auf, als er seinen ersten von sieben Podestplätzen holte. Diese Konstanz wurde in einer verrückten und abwechslungsreichen Saison belohnt und so kürte sich der 23-jährige Mallorquiner am Ende mit nur einem Sieg zum Weltmeister.

Zur Arbeitsweise, die hinter dem Erfolg steckt, verriet Carchedi: «In diesem Jahr haben wir in jeder Session an jeder einzelnen Kurve gearbeitet: Die könnte besser sein, die funktioniert großartig. Das ging so lange, bis super klar wurde, dass er voll unter Kontrolle hatte, was er tat. Die einzige Kurve, bei der wir in diesem Jahr gesagt haben, dass er noch ein kleines bisschen mehr finden muss, war Turn 3 in Barcelona – und in einer Session war das erledigt.»

Dazu ergänzte der erfahrene Cheftechniker: «Aus der Sicht eines Crew-Chiefs musst du manchmal vorsichtig sein, wenn du mit sehr jungen oder sehr erfahrenen Fahrern arbeitest. Sie werden es vielleicht nie schaffen, die Kurve so zu nehmen, wie du es gern hättest – weil sie es immer auf die eine Art getan haben. Zu Joan sagt man es einmal – und in der nächsten Runde setzt er es um.»

«Zu keinem Zeitpunkt haben wir versucht, ihn zu verändern. Wir haben nur das unterstützt, was er schon mitbrachte», betonte Carchedi.

Der Italo-Brite kam wie Mir erst am Ende der Saison 2018 zum Suzuki Ecstar Team: «Wir nennen uns die Rookies, weil es im Vorjahr nur darum ging, das Motorrad zu verstehen. Aber auch da waren die Ergebnisse unglaublich. Mehr verhinderte eine Durchfahrtsstrafe, als er die Pace für das Podium hatte; in Catalunya war er dran, bis er einen kleinen Fehler machte; in Mugello war er an der Spitze dabei, bis ihn Valentino traf… Alles war vorhanden, nur die Ergebnisse sind eben noch nicht gekommen.»

«Wir schauen nicht auf die Zeitenliste»

Die Zusammenarbeit mit dem MotoGP-Weltmeister und den Fokus in der Suzuki-Box beschreibt Carchedi so: «Ich kann ziemlich ruhig und gelassen sein, aber auch ich kann meine Momente haben. Er weiß, was er will, und er weiß, was das Ziel ist – und so arbeiten wir zusammen. Wir schauen nicht auf die Zeitenliste, wir konzentrieren uns auf sein Gefühl auf dem Motorrad. Manchmal war er vielleicht nur Neunter im Klassement, aber das lag nur daran, dass wir einen alten Reifen verwendet hatten.»

«Wir probieren erst gar nicht, in jeder Session auf P1 zu sein. Was er erreichen will, ist am Ende des Rennens mehr als jeder andere zu haben. Und er weiß selbst, ob das, was wir geleistet haben, ihm dieses Gefühl vermittelt hat», schildert der Crew-Chief. «Aragón ist ein gutes Beispiel, als er nicht glücklich war und es nicht wirklich nach Plan lief. Wir hatten auch schlechtere Platzierungen, aber mit einem Gefühl, das gut war. Das zeigt mehr die Art und Weise, auf die wir arbeiten.»

Die viel zitierte Qualifying-Schwäche der Suzuki-Piloten will Carchedi auch nicht so stehen lassen: «Wir haben gewisse Bereiche, an den denen wir arbeiten: Vorderreifen, Hinterreifen, Chassis, Motor, Elektronik, Rennen und Qualifying. Und wir haben tatsächlich das Gefühl, dass wir im Qualifying große Schritte gemacht haben. Wir sind eines der wenigen Teams, das an fast jedem Wochenende direkt ins Q2 gekommen ist. Ich weiß nicht, ob uns das im Vorjahr auch nur in der Hälfte der Rennen gelungen ist.»

Die Qualifying-Ergebnisse von Mir im Jahr 2020: 10, 10, 9, 6, 3, 8, 11, 8, 14, 6, 12, 5, 12, 20. Nur im nassen Le Mans und wegen der Elektronik-Probleme in Portimão gab es Ausreißer nach unten.

«Man kann das also so sehen, dass wir Fortschritte erzielt haben. Wir haben aber auch Ziele», ergänzte Carchedi. «Wenn ich sagen würde, das Ziel ist die Pole-Position, dann wäre das Quatsch. Aber wir hatten einige dritte und vierte Startreihen, also ist unser Ziel die zweite Startreihe. Sobald uns das konstant gelingt, werden wir das nächste Ziel anstreben.»

«Es ist ein ‚Work in progress‘, aber der Kalender machte es in dieser Saison schwierig. Die Vorhersagen und die Wetterverhältnisse sorgten dafür, dass viele Vormittags-Sessions für das Rennen wertlos waren. Also bleibt dir nur FP2, um für das Rennen zu arbeiten. Ja, du kannst eine Menge neue Reifen raushauen und versuchen, die Rundenzeit zu verbessern. Aber 45 Minuten sind nicht so lange und wir arbeiten wirklich hart für das Rennen.»
Und die Ergebnisse gaben Mir, Carchedi und Suzuki Recht.

Endstand Fahrer-WM nach 14 Rennen:

1. Mir 171 Punkte. 2. Morbidelli 158. 3. Rins 139. 4. Dovizioso 135. 5. Pol Espargaró 135. 6. Viñales 132. 7. Miller 132. 8. Quartararo 127. 9. Oliveira 125. 10. Nakagami 116. 11. Binder 87. 12. Petrucci 78. 13. Zarco 77. 14. Alex Márquez 74. 15. Rossi 66. 16. Bagnaia 47. 17. Aleix Espargaró 42. 18. Crutchlow 32. 19. Bradl 27. 20. Lecuona 27. 21. Smith 12. 22. Rabat 10. 23. Pirro 4.

Endstand Konstrukteurs-WM:

1. Ducati, 221 Punkte. 2. Yamaha 204. 3. Suzuki 202, 4. KTM 200. 5. Honda 144. 6. Aprilia 51.

Endstand Team-WM:

1. Team Suzuki Ecstar 310 Punkte. 2. Petronas Yamaha SRT 248. 3. Red Bull KTM Factory Racing 222. 4. Ducati Team 213. 5. Pramac Racing 163. 6. Monster Energy Yamaha MotoGP 178. 7. Red Bull KTM Tech3, 152. 8 LCR Honda 148. 9. Repsol Honda Team 101. 10. Esponsorama Racing 87. 11. Aprilia Racing Team Gresini 54.

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