Kritik an Valentino Rossi? Nur auf eigene Gefahr

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Valentino Rossi: Seine Ergebnisse in Katar waren düster

Valentino Rossi: Seine Ergebnisse in Katar waren düster

Ex-Weltmeister Marco Lucchinelli (66) wagte es zum MotoGP-Saisonauftakt 2021, Superstar Valentino Rossi (42) zu kritisieren. Ein Kommentar von SPEEDWEEK.com-Kolumnist Michael Scott.

Sich ohne guten Grund unbeliebt zu machen? Darin bin ich schon Experte, aber gerade beziehe ich mich auf Marco Lucchinelli. «Lucky» ist der Italiener, der sich 1981 gegen Randy Mamola und Kenny Roberts durchsetzte und zum 500-ccm-Weltmeister kürte, danach Superbike-WM-Rennen gewann und in den späten 1980er-Jahren schließlich das Ducati-Werksteam in der seriennahen Weltmeisterschaft als Teammanager führte. Jetzt ist der inzwischen 66-Jährige wegen seiner Aussagen zu Valentino Rossi in Ungnade gefallen.

Der «Dottore» habe seinen Zenit überschritten, argumentierte Lucchinelli gegenüber Lapresse, er solle seinen Platz lieber für einen der jungen Fahrer räumen, die ihm derzeit in den Hintern treten.

Rossi könne zwar «bis 50 weitermachen und Siebter, Achter, manchmal auch Vierter werden oder sogar auf dem Podest stehen. Aber der Rossi, den wir kannten, kämpfte an jedem Sonntag um den Sieg. Jetzt ist es anders.»

Nach den ersten zwei Rennen der Saison in Katar wären ein siebter oder achter Platz beim ältesten MotoGP-Fahrer im Grid sicher willkommen, aber darum geht es jetzt nicht. Lucky hatte noch mehr zu sagen.

Der Ex-500er-Weltmeister beschrieb seinen Landsmann als «ein Genie, einen Marsianer, der nun aber auf die Erde zurückgekehrt ist.» Jetzt «nimmt er einem jungen Kerl das Motorrad weg. Er hat seit mehr als drei Jahren kein Rennen mehr gewonnen und der letzte Titel datiert von 2009. Er trat immer an, um zu gewinnen. Jetzt geht es nur noch ums Ankommen.»

Auf dem Höhepunkt seiner Kräfte fürchtete sich die MotoGP vor Rossis Abschied. Er war die Galionsfigur mit der Armee an Fans, die anderen Fahrer waren nur Nebendarsteller. Ein netter Zusatz am Set. Als die Gerüchte laut wurden, dass er über einen Wechsel in die Formel 1 nachdenke, waren die Apokalyptiker in der Mehrzahl.

Das ist vorbei, fuhr Lucchinelli fort. Die Top-15 innerhalb von 8,928 Sekunden im zweiten Doha-Rennen bestätigten ihn darin. «Die anderen liefern auch eine Show. Sogar die Rookies sind heutzutage schnell. Es gab einmal eine Zeit, in der man sich drei Jahre lang die Knochen brach, ehe man schnell war.»

Nicht sentimental, aber gut argumentiert – und ich stimme ihm zu, schon eine ganze Weile, aber seit rund einem Jahr immer mehr. Rossi spielt die unerquickliche Rolle des lästigen Dauergastes. Oder vielleicht des Spielverderbers.

2021 umso mehr, nachdem sein Sträuben gegen das Unvermeidbare kombiniert mit seinem Würgegriff bei Yamaha dem jungen und erfolgreichen Petronas Sepang Racing Team nicht wirklich willkommene Bedingungen aufzwangen.

Die Mannschaft aus Malaysia, die in allen drei WM-Klassen antritt, kam 2019 in die Königsklasse – mit dem Hauptziel, frische Talente zu fördern und für das Yamaha-Werksteam aufzubauen. Das hat mit Fabio Quartararo brillant funktioniert. Im dritten Jahr muss sich Petronas SRT aber mit dem 42-jährigen Valentino Rossi abfinden.

Noch schlimmer: Der zweite Fahrer, Franco Morbidelli, der 2020 drei Rennen gewann und Vizeweltmeister wurde, steuert ein inzwischen zwei Jahre altes Motorrad, während «Vale» die neueste M1 erhielt.

Es ist eine alte Binsenweisheit im Rennsport, dass der erste Gegner, den es zu schlagen gilt, immer der Teamkollege ist. Das bedeutet, dass die letztjährigen Ergebnisse für Rossi-Fans eine unangenehme Lektüre sind. Die anderen Yamaha-Fahrer (Durchschnittsalter von 24 Jahren im Vergleich zu Rossis 42) landeten in der WM-Tabelle auf den Plätzen 2 (Morbidelli), 6 (Viñales) und 8 (Quartararo). Rossi dagegen auf 15. Das jüngere Trio gewann zusammen sieben Rennen, Rossi hatte 2020 nur einen dritten Platz vorzuweisen.

Diese Saison – ins Kundenteam zurückgestuft, aber noch immer auf einem Factory-Bike – ging wieder ähnlich los: Rossi schaffte im ersten Qualifying noch einen achtbaren vierten Startplatz, beendete das Rennen aber auf Rang 12. Sein Ex-Teamkollege Viñales gewann.

Eine Woche später auf derselben Strecke: Ein desolater 21. Startplatz – das schlechteste Qualifying-Ergebnis in Rossis langer WM-Karriere, und keine Punkte. An der Spitze war Quartararo mit seinem ersten Sieg als Werksfahrer an der Reihe, Viñales landete mit gerade einmal zwei Sekunden Rückstand auf Platz 5. Morbidelli hatte wieder Mühe, schaffte es als Zwölfter aber immerhin in die Punkte – knappe sechs Sekunden hinter dem Sieger. Vale hing als 16. fünf Sekunden hinter der Gruppe und 14 Sekunden hinter Quartararo zurück.

Es ist also nicht nur leeres Geschwätz von Lucky. Der war selbst ein respektabler Rennfahrer, einer von der verwegenen Sorte im Vergleich zu den heutigen makellosen Marketing-Maschinen (Ja, er musste wegen eines Drogendelikts schon einmal ins Gefängnis). Er kennt das Spiel.

Er wurde aber weitgehend schlechtgemacht, der Großteil ist auf Vales Seite. Auf den Social-Media-Kanälen kamen gar ein paar Morddrohungen auf. In Italien ist es ohnehin ein Sakrileg, Valentino zu beleidigen.

Valentino antwortete seinerseits mit seinem brutalen Charm, einem stechenden Spruch für feinfühlige Ohren. «Ich hoffe, ich bin nicht so, wenn ich alt werde», hielt der neunfache Weltmeiser fest und zeigte sich überrascht, weil im Lucchinelli üblicherweise «den Arsch küsst».

Die Moral der Geschichte? Rossi-Kritik nur auf eigene Gefahr, ganz egal, wie angemessen sie auch sein mag. Man wird einen Tritt verpasst bekommen. Das hätte ich Marco auch sagen können.

Und aus Erfahrung und nur für den Fall, füge ich auch noch an: Dass Rossi noch einmal zurückschlägt, sollte man auch nie ausschließen.

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