Die Rückkehr des Königs: Was ist Márquez zuzutrauen?

Von Mat Oxley
MotoGP
Marc Márquez in Siegerpose: Jahrelang ein gewohntes Bild

Marc Márquez in Siegerpose: Jahrelang ein gewohntes Bild

Marc Márquez kehrt zurück, aber kann er auch den MotoGP-Titel 2021 gewinnen? Die Zahlen deuten darauf hin – selbst wenn seine Punkteausbeute im Vergleich zu 2019 um 40 Prozent geringer ausfallen sollte.

Die MotoGP war neun Monate lang wie ein Boxring ohne Muhammad Ali, ein Fußballplatz ohne Pelé oder die Formel 1 ohne Ayrton Senna. Die MotoGP-Rundenrekorde werden so ziemlich jedes Jahr gebrochen, aber nicht im Vorjahr, weil der schnellste Mann im Feld fehlte, um die Grenzen zu verschieben.

Jetzt kehrt Marc Márquez endlich zurück, nach drei Oberarm-Operationen und einigen Momenten, in denen seine Karriere fast schon vorbei schien.

In meinen 34 Jahren, die ich schon in der MotoGP-Szene arbeite, habe ich festgestellt, dass es keinen Sinn macht, von meiner eigenen Mentalität auszugehen, um darüber zu urteilen, was ein Profi-Rennfahrer trotz der Widrigkeiten erreichen kann. Denn ich weiß nicht, was in ihren Köpfen passiert, wenn sie sich verletzen.

Als ich vor zigtausend Jahren noch Rennen fuhr, wurde meine Abneigung gegen den Schmerz immer größer. Und wenn ich mir verletzte, ließ ich es zu darüber nachzudenken, was ich falsch gemacht hatte, und hoffte irgendwie, ich könnte die Zeit zurückdrehen, um diese Millisekunde des Fehlers zu vermeiden.

Mit jedem Bruch und jeder Prellung wurde meine Lust auf das Rennfahren kleiner. Will ich das wirklich tun? Es ist nicht nur der körperliche Schmerz. Es sind die Wochen im Krankenhaus, das langweilige Herumliegen, die Einsamkeit. Und dann noch mehr Wochen auf Krücken, während alle anderen munter auf ihren Beinen herumrennen.

Professionelle Rennfahrer sind nicht so. Sie haben die Brüche, den Schmerz, das Leiden und die Tage im Krankenhaus, die in ihrem Business ziemlich unvermeidbar sind, schon mit einkalkuliert. Wenn sie sich verletzen, ist es daher kein großes Ding. Sie wussten, dass es einmal passieren würde, sie jammern also nicht herum. Sie schauen nie zurück, sie schauen nur nach vorne.

Wenn die Fahrer ihre Tapferkeit in großartige Ergebnisse umwandeln, werden sie als Helden gefeiert. Wenn diese Heldentaten schiefgehen, werden sie leichtsinnig, ungestüm, tollkühn genannt. Es ist ein schmaler Grat, so dünn wie ein Kahnbein.

Bei Marc Márquez haben wir beides schon gehört. Was wird es diesmal?

Neun Monate ohne ein Rennen bestritten zu haben, das ist eine lange Zeit. Er war aber schon einmal an dem Punkt. Eigentlich war es sogar schon schlimmer. Ende 2011 hatte Márquez in Sepang einen schweren Crash – unverschuldet. Er schlug so hart auf, dass er monatelang doppelt sah. Schließlich unterzog er sich einem Eingriff, aber selbst da waren die Ärzte nicht sicher, ob er wieder die volle Sehkraft erlangen würde.

Solche Verletzungen sind angsteinflößend, weil sie dein Leben verändern können. Das sind die einzigen Verletzungen, die auch die meisten Rennfahrer fürchten – etwas, das dich für den Rest deines Lebens einschränkt. Glücklicherweise war die Operation erfolgreich und Márquez schaute nicht zurück. Nur nach vorne.

In den acht Jahren danach gewann er sieben WM-Titel und hatte viele Stürze – mehr als 130 allein an den Rennwochenenden.

Deshalb meinten viele, es sei unvermeidbar, dass sich Márquez eines Tages verletzen würde. So funktioniert Rennfahren aber nicht. Kevin Schwantz stürzte viel häufiger als sein Erzrivale Wayne Rainey, trotzdem sitzt heute Rainey im Rollstuhl.

Bei einem schweren Crash hängt man einzig und allein vom Glück ab. Manche Fahrer versuchen sich zu schützen, während sie durch das Kiesbett geschleudert werden, aber eines werden sie nie kontrollieren können: die Flugbahn ihres eigenen Motorrads.

Das war im vergangenen Juli in Jerez das große Pech von Marc Márquez: Er wurde vom Vorderrad seiner RC213V getroffen (paradoxerweise von dem Ding, das ihn so unschlagbar machte). Sonst wäre er höchst wahrscheinlich einfach davongehumpelt, in Richtung siebten MotoGP-Titel in acht Jahren.

Der Oberarm ist kein Knochen, der im Motorradsport besonders oft in Mitleidenschaft gezogen wird. Deutlich häufiger ist es ein Unterarm oder ein Handgelenk. Für den vierfachen Superbike-Weltmeister Carl Fogarty bedeutete es das abrupte Karriereende, als er sich 2000 auf Phillip Island den Oberarmkopf brach. Platten und Schrauben wurden eingesetzt, das Schulterproblem aber blieb. Er versuchte nach ein paar Monaten zwar wieder ein Motorrad zu fahren, verstand aber sofort, dass es vorbei war.

Der Oberarm von Márquez ist in einer besseren Verfassung, aber kann er in diesem Jahr schon seinen siebten MotoGP-Titel anpeilen? Ich bin nicht in der Lage, irgendwelche Prognosen abzugeben, dafür ist der Motorradrennsport viel zu verrückt. Es ist jedoch sicher möglich. Natürlich bestehen auch Zweifel: Kann die Bruchstelle 40 Minuten Vollgas auf einem MotoGP-Bike trotzen?

Portimão sollte diese Frage beantworten. Es gibt auf einem MotoGP-Bike keine einfache Strecke, aber Kurve 1 des «Autódromo Internacional do Algarve», wo die Fahrer sich nach einer 350-km/h-Geraden in eine Abfahrt stürzen, sorgt wahrscheinlich für die höchste g-Kraft, die ein Motorradfahrer (ohne Sturz) erleben wird.

Jedes Mal, wenn Márquez in die erste Kurve einbremst, werden mindestens 1,7 g wirksam – das bedeutet eine Belastung von rund 120 kg für die Arme und Handgelenke. Er weiß das schon, weil er dort vor einem Monat getestet hat, wenn auch mit der RC213V-S – ohne Karbonbremse.

Márquez ging im Vorjahr Risiko ein, er verlor die Wette und stellte fest, dass er auch nur ein Mensch ist. Und wenn er sich die Zahlen anschaut, wird er sehen, dass er nicht auf Anhieb gewinnen muss, um 2021 doch noch den Titel zu holen.

Die MotoGP-Krone 2019 sicherte sich der Repsol-Honda-Star mit 420 Punkten. Es war die beste Saison in der Geschichte der «premier class»: Zwölf Sieg und sechs zweite Plätze in 19 Rennen – zu einer Zeit, in der die Kräfteverhältnisse ausgeglichener und die Reifenfrage trickreicher als je zuvor sind.

Wenn wir die Punkteausbeute von Joan Mir auf dem Weg zu seinem Titelgewinn 2020 extrapolieren und auf eine Saison mit 19 Rennen hochrechnen, würde er 232 Punkte holen. Das sind 188 weniger als Márquez 2019.

Die Punkteausbeute von Mir war niedrig, lag aber nicht weit unter der von Andrea Dovizioso, der 2017, 2018 und 2019 hinter Márquez jeweils Vizeweltmeister wurde.

Das sagt uns, dass Márquez einen ziemlichen Spielraum hat. Klar, 2021 ist nicht 2019, aber es hat sich nicht viel verändert, seit er seinen bisher letzten Titel holte. Denn keiner hat irgendwelche Rundenrekorde gebrochen (nur die Rennrunden zählen), obwohl es gleich mehrere Doppel-Veranstaltungen gab. Und selbst wenn seine Punkteausbeute im Vergleich zu 2019 um 40 Prozent geringer ausfallen würde, wäre er immer noch der Weltmeister – wenn man davon ausgeht, dass seine Rivalen ungefähr auf dem Level des Vorjahres bleiben, was wahrscheinlich erscheint.

Wenn sein rechter Oberarm der Belastung voll standhält, dann glaube ich, hat er jede Chance auf den WM-Titel. Das sehen viele Leute genauso.

«Mit Marc ist alles auf einem anderen Planeten», sagt Repsol-Honda-Teammanager Alberto Puig. «Wenn er seinen Helm aufsetzt und auf die Strecke geht, weiß du, dass etwas passieren wird – etwas Spezielles.»

Ducati-Werksfahrer Jack Miller mahnte dagegen: «Es ist ein großer Unterschied, ob man allein auf einem Straßenbike fährt oder 20 Runden lang mit 22 Jungs auf Messers Schneide pusht.»

Was also kann Marc Márquez an diesem Wochenende schaffen?

Drei Faktoren gilt es zu berücksichtigen: Márquez hat im März in Portimão getestet, er kennt den Kurs also. Stefan Bradl fuhr auf der RC213V von Márquez beim Saisonfinale 2020 in Portugal auf Platz 7, 15 Sekunden hinter dem Sieger, sein bestes Ergebnis des Jahres. Und Bradl erklärte schon, dass er nicht überrascht wäre, wenn Márquez am Sonntag auf dem Podest stehen würde.

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