Hockenheim: Vor 90 Jahren erstes Motorrad-Rennen

Von Thorsten Horn
Carlo Ubbiali war beim ersten WM-Lauf in Hockenheim 1957 Doppelsieger

Carlo Ubbiali war beim ersten WM-Lauf in Hockenheim 1957 Doppelsieger

Als am vergangenen Sonntag die Moto Trophy mit dem Mai-Pokal-Rennen in Hockenheim in der Rennsport-Historie stöberte, war es auf den Tag genau 90 Jahre her, dass hier erstmals Rennmotoren dröhnten.

Vor 90 Jahren, genauer gesagt am 29. Mai 1932, erlebten rund 60.000 Zuschauer auf einem Dreieckskurs vor den Toren Hockenheims das erste Motorradrennen. Seit dem gehören auch die badischen Kleinstadt ca. 20 Kilometer südlich von Mannheim und der Motorsport zusammen.

Vorausgegangen war die Gründung des Motorfahrer Clubs Hockenheim am 1. Dezember 1931. Am ersten Weihnachtsfeiertag des gleichen Jahres billigte der Gemeinderat von Hockenheim die Entstehung und Nutzung einer Rennstrecke. Nachdem auch Berlin seine Zustimmung gegeben hatte, begann die kurze Bauphase am 23. März 1932.

Maßgeblichen Anteil am Aufschwung der Rennstadt Hockenheim hatte damals, wie auch in der Folgezeit, Ernst Christ. Der für seine Verdienste mehrfach ausgezeichnete Christ verstarb am 31. Mai 2001 im Alter von 91 Jahren.

1934 zählte das Hockenheimer Rennen erstmals zur nationalen Motorrad-Meisterschaft. Vier Jahre später wurde der Kurpfalzring, wie er damals noch hieß, umgebaut. Durch die neue Ostkurve bekam der Kurs seine markante Form, wie sie bis 2001 Bestand hatte und weltberühmt wurde. Als Hochgeschwindigkeitsstrecke wurde Hockenheim viele Jahre in einem Atemzug mit Monza und Spa genannt.

Nach dem Krieg wurden, wiederum mit Ernst Christ an der Spitze, der Badische Motorsport Club im DMV und die Hockenheimring GmbH gegründet. Als am 11. Mai 1947 wieder Rennduft über der Stadt lag, war der Hockenheimring, wie er fortan hieß, einer der ersten deutschen Austragungsorte nach dem Krieg.

1948 feierte man das erste kleine Jubiläum. Beim zehnten Rennen in Hockenheim gewann der später als Präsident des Badischen Motorsportclubs und Geschäftsführer der Hockenheimring GmbH fungierende Wilhelm Herz auf einer Vorkriegs-Kompressor-NSU das Rennen der Klasse bis 350 ccm mit fast zwei Minuten Vorsprung. Georg Meier feierte damals einen ungewöhnlichen Doppelsieg. Zum einen siegte er in der Rennwagenklasse auf Veritas, zum anderen gewann er auf einer BMW die Klasse bis 500 ccm bei den Motorrädern.

Nachdem die 1949 eingeführte Motorrad-Weltmeisterschaft ab 1952 auch in Deutschland jährlich Station machte und die Stuttgarter Solitude, der Schottenring im Vogelsbergkreis sowie der Nürburgring als Veranstaltungsorte auftraten, war die komplette Weltelite zum ihrem Saisonauftakt 1957 vom 17. bis 19. Mai erstmals auch in Hockenheim zu Gast. Eigentlich passte alles. 100.000 Zuschauer, eine gut präparierte Strecke und eine gut geführte Organisation. Nur Petrus hatte einen seiner schlechteren Tage. So siegte am 19. Mai 1957 der Italiener Carlo Ubbiali im ersten Rennen um den Großen Preis von Deutschland in Hockenheim, dem der 125-ccm-Klasse, im strömenden Regen vor seinen Landsleuten Tarquinio Provini und Roberto Colombo. Ebenso gewann Ubbilai das 250er-Rennen. Im Rennen der Halbliterklasse erzielte der Gilera-Fahrer Libero Liberati einen Siegerschnitt von 200,012 km/h, womit erstmals die magischen 200-km/h-Grenze überschritten wurde. Als Sieger des 350er-Rennens war auch er an jenem Tag Doppelsieger.

Der Bau der Autobahn A6 Mannheim-Heilbronn machte den Umbau des Hockenheimrings notwendig. 1964/65 entstand daraufhin das Motodrom. Hier wurde aus der Not eine Tugend gemacht. Wer einmal ein Rennen und die einzigartige Stadionatmosphäre bei vollem Haus erlebt hat, weiß, wovon die Rede ist. Zur Einweihung des Motodroms am 22. Mai 1966 stand wieder der Große Preis von Deutschland für Motorräder auf dem Programm. Premierensieger wurde unter anderen Hans-Georg Anscheidt im Rennen der Klasse bis 50 ccm.

Mit dem Motodrom und der notwendigen Investitionsamortisation gewann nun auch der Autorennsport für den Hockenheimring an Bedeutung. So wurde die badische Rennstrecke zunächst zum Mekka der Formel 2-Europameisterschaft, die damals einen enormen Stellenwert hatte und bei der immer wieder auch die Besten der Formel 1 an den Start gingen. Am 7. April 1968 wurde dem zweifachen Formel 1-Weltmeister Jim Clark eben solch ein Formel 2-Rennen auf dem Hockenheimring zum Verhängnis. Im strömenden Regen kam der Brite mit seinem Lotus von der Strecke ab und prallte an einen Baum. Jim Clark war auf der Stelle tot.

Anschließend wurde viel in die Sicherheit investiert. Die langen Waldgeraden wurden durch Schikanen entschärft, wobei die erste den Name Jim-Clark-Schikane erhielt.

1970 wurden diese Bemühungen mit der Austragung des Großen Preis von Deutschland, dem Weltmeisterschaftslauf der Formel 1, belohnt. Auf Grund massiver Sicherheitsbedenken auf der Nürburgring-Nordschleife wurde das Rennen vier Wochen vor dem geplanten Termin nach Hockenheim verlegt. Die Organisatoren der badischen Rennstrecke reagierten in kürzester Zeit. Was dann stattfand, war eines der besten und spannendsten Formel 1-Rennen der Geschichte. Nach 50 Runden gewann der Österreicher Jochen Rindt im Lotus 72 mit gerade einmal 0,10 Sekunden Vorsprung auf das Ferrari-As Jacky Ickx aus Belgien.

Nach einer weiteren Ära von sechs Jahren am Nürburgring kehrte die Formel 1 1977 nach Hockenheim zurück. Mit einer Unterbrechung (1985) fand danach der Große Preis von Deutschland viele Jahre in Hockenheim statt.

Nun ist die Formel 1 zu haben, schön und gut. Was aber noch zur endgültigen Glückseligkeit fehlte, war ein deutscher Fahrer, wenn möglich ein chancenreicher. Nach Wolfgang Graf Berghe von Trips (tödl. verunglückt 1961) bekam Deutschland Anfang der 1990er Jahre mit Michael Schumacher endlich seinen Helden. Der verwandelte mit seinem Heimsieg im Benetton-Renault 1995 Hockenheim zum absoluten Tollhaus.

Im Motorradsport wurde 1991 noch einmal ein schwarz-rot-goldenes Glanzlicht gesetzt, denn mit Ralf Waldmann (125 ccm), Helmut Bradl (250 ccm) und Ralph Bohnhorst/Bruno Hiller (Seitenwagen) gab es gleich drei deutsche Siege an einem Tag.

Ein fester Bestandteil des alljährlichen Hockenheimer Veranstaltungskalender war und ist die DTM und umgekehrt. Hockenheim ist quasi die Heimat der DTM. So erlebten nach deren Aus Ende 1996 am 28. Mai 2000 78.000 Zuschauer deren Wiederauferstehung.

Ein Jahr später hieß es dann für das altbekannte badische Motodrom: «Adieu Waldgeraden». Um auch künftig zu den modernsten und attraktivsten Rennstrecken der Welt zu gehören, rollten nach Abschluss der Saison 2001 Bagger und Planierraupen über den Hockenheimer Kurs. Der DTM wurde die Ehre zu Teil, das letzte Rennen auf der 6,825 km langen Rennstrecke auszutragen.

Mit dem Projekt «Zukunftssicherung Hockenheimring» wurde der Traditionskurs verkürzt und modernisiert, wobei das einzigartige Motodrom kaum verändert wurde. Lediglich die langen Waldgeraden, auf denen unzählige dramatische Windschattenschlachten geschlagen wurden, sind entfallen und durch einen zuschauerfreundlicheren Streckenabschnitt ersetzt worden.

Inzwischen ist es um große internationale Rennen in Hockenheim still geworden. Die Motorrad-WM gastierte 1994 letztmals hier und die Superbike-WM im Millenniumsjahr 2000.

Etliche Jahre länger gönnte man sich, teilweise im Wechsel mit dem Nürburgring, einen teuren Formel-1-Lauf, doch nach 2019 war auch damit (vorerst?) Schluss.

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