31 Jahre nach DDR-Flucht wieder in Tomaszow Mazowieki

Kolumne von Thorsten Horn
Eisspeedway-EM
Die moderne Arena Lodowa in Tomaszow Mazowieki

Die moderne Arena Lodowa in Tomaszow Mazowieki

Als die vom März in den August und schließlich in den Dezember verschobene Eisspeedway-EM 2020 näher rückte, flossen bei mir starke Erinnerungen an den Herbst 1989 durch die Gehirnzellen.

Die Eisspeedway-Europameisterschaft 2020 ging am 13. Dezember als Ein-Tages-Veranstaltung in Tomaszow Mazowieki, gut 100 Kilometer südlich von Polens Hauptstadt Warschau, über die Bühne. Bei jenem Tomaszow Mazowieki handelte es sich um jenen Ort, in dem ich vor gut 31 Jahren die letzten zehn Tage und Nächte hinter dem Eisernen Vorhang verbrachte.

Als sich im Sommer und Herbst 1989 in der DDR und dem gesamten Ostblock alles gravierend veränderte, kam mir als damals 21-Jährigem immer wieder ein Gedanke in den Sinn: Diesem entehrenden und von den West-Medien genüsslich ausgeschmückte Treiben der Flüchtlingsströme von Ungarn und später über die Botschaft der CSSR (Tschechoslowakische Republik) in die Bundesrepublik Deutschland, würden die DDR-Obrigen nicht ewig mehr oder weniger tatenlos zusehen. Ich vermutete, dass die Bonzen früher oder später auch die Grenzen zur CSSR und Polen schließen würden, dass sie eher weitere Mauern um die restliche «Zone» ziehen und ein Dach draufsetzen, als einknicken und ihren Bürgern den Weg in die Freiheit ermöglichen würden.

Bis dahin hatte mir meine persönliche Freiheit eigentlich ausgereicht, denn als leidenschaftlicher Motorsport-Fan hatte ich über viele Jahre auf eigene Faust mehrfach pro Jahr die Möglichkeit ergriffen, in der CSSR oder Ungarn die unterschiedlichen und noch so unbedeutenden Rennen zu verfolgen – Hauptsache mit Westbeteiligung. Dieses mir ausreichende Glück drohte nach meiner Einschätzung in Gefahr zu geraten. Daher keimte und wuchs der Entschluss, es Tausenden abtrünnigen DDR-Bürgern gleich zu tun und die Zelte abzubrechen. Okay, Zelte waren es nicht, sondern nur das Kinderzimmer der elterlichen Wohnung. Aber immerhin wog die Entscheidung schwer, bedeutete diese doch sehr wahrscheinlich eine deutliche Verschlechterung der Kontaktmöglichkeiten mit den Eltern und Bekannten.

Nach nicht gerade reiflicher Überlegung fanden sich in Form meiner damaligen Freundin und eines befreundeten Pärchens ebenfalls Ausreisewillige. Nun kannte man ja Bilder von der BRD-Botschaft in Prag und den dortigen Zuständen. Also suchten wir nach einer Alternative zu einer uns dort bevorstehenden Tortur.

Durch geheime Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhren wir, dass die Ausreise über die BRD-Botschaft in Warschau vergleichsweise ein Kinderspiel sei. Die einzigen Hürden bestanden darin, ein Fluchtauto zu besitzen und ein Visum für Polen zu bekommen. Die Sache mit dem Fluchtauto war kein Problem, war ich doch stolzer Besitzer eines total überteuerten zwölf Jahre alten Trabants. Das Visum war mit einem Vorwand auch schnell organisiert. Zur Tarnung eines für einen Kurztrip deutlich erhöhten Wäschevolumens, wurde der größere Teil der mitgeführten Kleidungsstücke vorsorglich in Geschenkpapier gehüllt.

Nach einem tränenreichen Abschiedsabend ging es am Samstagmorgen des 21. Oktober 1989 pünktlich um 5 Uhr früh los gen Warschau. Die ersten ein, zwei Stunden herrschte wegen des endgültigen Abschieds und der Unsicherheit, was kommen würde, eine bedrückende Stille in der Kunststoff-Limousine. Natürlich nahmen die Grenzbeamten ihre Sache ernst und inspizierten das ganze Gepäck. Schließlich durften wir passieren und dachten, unser Plan wäre aufgegangen. Als der Grenzer jedoch mit einem gewissen Unterton «Gute Reise!» wünschte, war uns klar, dass ihm unser eigentlicher Reisegrund bewusst war und er vielleicht sogar gerne mitgefahren wäre.

Doch auch diese Hürde war genommen und die Reise nach Warschau war von einer gewissen Fröhlichkeit geprägt. In der Hektik müssen wir vergessen haben, uns für den nächsten Montag auf unseren Arbeitsstellen ordnungsgemäß abzumelden.

Die Fahrt in Polen war gemäß zahlreicher vorangegangener Rennbesuche generalstabsmäßig vorbereitet. Für die Jüngeren: Navigationsgeräte, Handys und ähnliche Wunderwerke der Technik waren noch nicht erfunden. Als Hilfsmittel für die Reise mit dem Trabi diente ein Buch, in dem die Erde auf mehreren Seiten als Scheibe dargestellt war. Zu so etwas sagte man damals Straßenatlas oder unter jugendlichen auch Flachglobus. Entsprechend glatt lief die Fahrt. Doch als das Ortseingangsschild von Warschau allmählich nahte, war es ratsam sich Gedanken zu machen, wie wir die BRD-Botschaft finden würden. Eine Ausschilderung für ausreisewillige DDR-Bürger war nicht zu erwarten, und nach dem Weg fragen war mangels Polnischkenntnissen auch keine Option. Wir beschlossen, dass mein Beifahrer in ein Taxi steigen und ich mit den Holden hinterhertuckern würde. Das klappte hervorragend, der Taxifahrer steuerte das Ziel BRD-Botschaft ganz sicher nicht zum ersten Mal mit DDRlern im Gefolge an.

Gegen 17 Uhr an der Botschaft angekommen litten wir alle zeitgleich und spontan an Sprachverlust, was den Herrn am Empfang zu einer überaus freundlichen Suggestivfrage nötigte: «Sie wollen in die BRD ausreisen?» Das Sprachzentrum war immer noch defekt, doch ein Nicken reichte aus, um mit unserem Hab und Gut durch die massive Türe ins Innere der Botschaft vorzudringen. Dort wurden wir von einem adrett gekleideten Herrn empfangen, der uns offerierte, dass wir noch am gleichen Abend in eine Unterkunft außerhalb Warschaus gebracht und irgendwann in den nächsten Tagen ausgeflogen würden.

Von Noch- und bald wieder Landsleuten, nur mit anderem Pass, erfuhren wir, dass rings ums Botschaftsgelände Autohändler darauf warteten, sich Fluchtfahrzeuge gegen ein kleines Entgelt nebst Schlüssel und Papieren unter den Nagel reißen zu können. Nach kurzer Überlegung verließ ich den sicheren Hafen noch einmal und wurde prompt von einem Uniformierten gestellt. Mit schlotternden Knien hatte ich erst Probleme sein Ansinnen richtig zu deuten, doch als ich die Wortfetzen «Auto» und «verkaufen» vernahm, verstand ich sein Begehren. Einem Polizisten wollte ich den Trabi aber nicht vermachen. Wer weiß, ob das nicht doch noch Scherereien mit sich bringen würde, dachte ich mir.

Mein Zweitkontakt in der Dunkelheit war eine Zivilperson, die erschien mir zielführender. 100 D-Mark bot er mir – da ich schnellstmöglich wieder ins Botschaftsgebäude wollte, willigte ich ein. 100 D-Mark für meinen treuen Gefährten, für den ich einst 9000 Ostmark hingeblättert hatte. Das Herz blutete aber nur kurz, denn 100 D-Mark Startkapital waren besser als nichts.

Am gleichen Abend wurden wir in einem Kleinbuskonvoi des DRK und Malteser Hilfsdienstes aus Warschau ausgefahren. Nun war ich nach meinem ersten Trip in und durch Warschau natürlich nicht ortskundig, doch einige Straßen kamen mir bekannt vor. Als wir dann über eine Schnellstraße fuhren und Maß auf Tomaszow Maz nahmen, war das genau jene Route, die wir wenige Stunden zuvor schon einmal gefahren waren.

In Tomaszow Maz bezogen wir spartanisch eingerichtete Zimmer in einer Ferienanlage, was aber viel, viel mehr war, als wir uns zu erträumen gewagt hatten.

Die nächsten Tage verbrachten wir mit Warten auf unsere Ausreise, die per Flugzeug nach Düsseldorf erfolgen sollte. Zuvor war aber noch ein Besuch in der DDR-Botschaft vonnöten, denn das Ganze wurde als eine offizielle Ausreise mit DDR-Entlassungspapieren beurkundet.

Für uns ging es am 31. Oktober 1989 zu diesem Zweck noch einmal nach Warschau, diesmal in einem Reisebus. Eine übertriebene Freundlichkeit seitens der DDR-Botschaftsmitarbeiter schlug uns nicht entgegen, diese hatten wir aber auch nicht erwartet.

Rund zwei Stunden später saßen wir im Flieger, der gemäß Forderung der DDR-Denunzianten nicht über das Gebiet der DDR fliegen durfte. Die Züge aus Prag mussten hingegen zwingend durch die DDR fahren. Eine Logik, die sich wohl nur gut ausgebildete und deshalb in der Geschichte nur den zweiten Platz belegende Sozialisten ausdenken können.

Das alles ist lange 31 Jahre her.

Nun war ich wegen meines damaligen Hauptausreisegrunds wieder in Tomaszow Mazowieki – dem Motorsport. Allerdings bequemer gereist und mit Freude im Herzen. Wiedererkannt habe ich nichts, denn natürlich hat sich auch in Polen seitdem vieles zum Positiven verändert. Man sehe sich nur die moderne Arena Lodowa an, in der ich trotz Corona Motorsport vom Feinsten live erleben durfte.

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