Hanspeter Bolliger tritt nach 45 Jahren Rennsport ab

Von Helmut Ohner
Endurance-WM

Nach 45 Jahren in den Fahrerlagern legt Hanspeter «Hämpu» Bolliger sein Endurance-Team in die Hände seines Sohnes Kevin. Der 65-jährige Schweizer möchte sich in Zukunft anderen Projekten zuwenden.

Als Hanspeter Bolliger 1955 in dem kleinen Dorf Waltwil (Kanton Bern) das Licht der Welt erblickte, deutete noch nichts darauf hin, dass dieser stramme Junge einst einen Großteil der Geschichte der Langstrecken-Weltmeisterschaft mitschreiben würde.

Das Interesse am Motorsport wurde bei Hanspeter Bolliger schon früh geweckt. Im Alter von zehn Jahren sah er sein erstes Rasenrennen. Seit diesem denkwürdigen Tag war für Klein-«Hämpu» klar, dass er Rennfahrer werden möchte. Viele Stunden wurde fortan an Motorfahrrädern geschraubt, wobei er sich erste Fähigkeiten beim Tunen aneignete.

Zehn Jahre später setzte Bolliger seinen Traum in die Tat um, er beantragte eine Rennlizenz und bestritt mit einer Kawasaki Mach III sein erstes Rennen. Beim Bergrennen Sembracher belegte er auf dem Motorrad, mit dem er auch zur Veranstaltung angereist war, den sechsten Rang. Danach war vorerst Schluss. Wegen eines Unfalls musste er die Lizenz abgeben.

Nach zwei Jahren als Debütant nahm die Karriere des Berners Fahrt auf. Immer wieder knap am finanziellen Bankrott vorbei tingelte er durch halb Europa. 1982 fuhr Bolliger in Imola sein erstes Langstreckenrennen. Der zehnte Platz der Paarung Bühler/Bolliger konnte sich sehen lassen. Nur wenige Wochen danach überquerten sie in Barcelona als Siebente die Ziellinie.

«Beides waren 24-Stunden-Rennen. Die Distanz haben wir zu zweit abgespult. In Barcelona war das besonders hart. Das Rennen fand Mitte Juli bei unglaublicher Hitze statt. Davon gab es auf dem Cover der Zeitschrift <Motorsport Schweiz> ein legendäres Foto, das mich völlig ausgelaugt zeigt», erinnert sich der Eidgenosse. «Das war der Anfang meiner Endurance-Sucht.»

In den ersten Jahren in der Langstrecken-WM wurde mehr geschraubt als gefahren. «In dieser Zeit haben wir dem Künstler Jean Tinguely nachgeeifert und viel Schrott fabriziert. 1986 ist dann mein Motorrad abgebrannt. Ohne eine Spendenaktion von Motorsport Schweiz, eines Suzuki-Händlers aus der Region und weiteren Gönnern wäre meine Rennkariere beendet gewesen.»

Neben der Langstrecke bestritt der Schweizer mit dem auffälligen Schnauzbart auch Rennen auf der Isle of Man. 1991 gab es mit dem 21. Platz in der Senior-TT ein überaus beachtliches Resultat. «Dabei wäre mehr möglich gewesen. Beim damals noch obligatorischen Stopp bei der Boxeneinfahrt habe ich den Motor abwürgte und viel Zeit verloren.»

Das Jahr 1992 sollte für Bolliger ein denkwürdiges werden. Nach einem Trainingssturz im Frühjahr zog er sich einen Fersenbeinbruch zu. Zu allem Überdruss kam noch eine Infektion dazu, die ihn für drei Monate ans Krankenbett fesseln sollte. Am Ende der Saison wurde der Entschluss gefasst, vom Fahrer zum Teamchef umzusatteln.

Nach vielen beachtlichen Erfolgen gab es 1999 für das Bolliger Team Switzerland beim 24-Stunden-Rennen in Oschersleben das erste Podium in der Langstrecken-WM. Herbert Graf, Martin Rieder und Christian Künzi belegten den zweiten Platz, nachdem sie nach einem längeren Reparaturstopp eine sehenswerte Aufholjagd hingelegt hatten.

Oschersleben sollte überhaupt die Strecke werden, auf der es die größten Erfolge zu feiern gab. Nach einem dritten Rang 2000 folgte fünf Jahre später ein weiterer zweiter Platz. Das Partnerteam Diablo 666 durfte damals als Dritter ebenfalls aufs Podium. 2011 stand Bolliger ganz oben auf dem Stockerl, ausgerechnet im Jahr, in dem Oschersleben nicht zur WM zählte.

Hanspeter «Hämpu» Bolliger hatte sein kleines Privatteam, das sich überwiegend aus Freunden zusammensetzte, gegen härteste werksunterstützte Konkurrenz konsequent an der Weltspitze gebracht. 2005 und 2010 schloss man die Weltmeisterschaft an der zweiten Stelle ab, 2009 wurde die Mannschaft aus Ruppoldsried WM-Dritter.

Die Kawasaki mit der Startnummer 8 ist längst nicht mehr aus dem Fahrerlager wegzudenken. Mit erstaunlichem Gleichmut wird von der Mechanikercrew so manche Enttäuschung – wenn wieder einmal ein Fahrer das schwer beschädigte Motorrad in der Box abgeliefert hatte oder ein technisches Problem zur Aufgabe zwang – hingenommen.

Mit dem 12-Stunden-Rennen in Estoril ging jetzt eine Ära zu Ende. Hanspeter «Hämpu» Bolliger beendete seine Karriere als Teammanager. Nach Dominique Méliand, der das Suzuki Endurance Racing Team gegründet und zu 15 WM-Titeln geführt hat und nach Suzuka 2019 abgetreten war, verliert der Langstreckenrennsport damit eine weitere Lichtgestalt.

Mit dem Wissen, in seinem Sohn Kevin einen würdigen Nachfolger für sein Lebenswerk gefunden zu haben, der das Team in seinem Geist fortführt, kann sich der junggebliebene «Motorsportrentner», der ohnedies nie gerne im Mittelpunkt stand, anderen Aufgaben zuwenden. Ab jetzt wird vorwiegend in der eigenen Werkstätte an den Motorrädern geschraubt.

Seine Fans dürfen gespannt sein, wie lange es dauern wird, bis der 65-jährige Eidgenosse mit neuen Projekten ums Eck kommt. Man hört, dass die Lust an der Classic Endurance noch nicht erloschen ist und auch eine Teilnahme an der Classic TT auf der Isle of Man nicht auszuschließen ist.

Karriere-Highlight
1975 Erste Rennen
1982 Erstes Langstreckenrennen, erste WM-Punkte
1999 Erstes Podium in der Endurance-WM
2005 Vize-Weltmeister Endurance-WM
2006 Vierter Endurance-WM
2009 Dritter Endurance-WM
2010 Vize-Weltmeister Endurance-WM
2011 Sieg Acht-Stunden Oschersleben
2014 Vierter Endurance-WM

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