Pirelli wird nach 2019 bleiben: FIA mit Alibi-Übung

Von Mathias Brunner
Pirelli wird in der Formel 1 bleiben

Pirelli wird in der Formel 1 bleiben

​Formel-1-Alleinausrüster Pirelli wird über 2019 hinaus im GP-Sport bleiben. Ein Teamchef in Spa-Francorchamps: «Die Ausschreibung der FIA ist eine Alibi-Übung, die einen neuen Exklusiv-Partner verhindert.»

Der Automobil-Weltverband FIA hat im Sommer das Prozedere in Gang gebracht, für den Zeitraum bis Ende 2023 einen exklusiven Reifenpartner an sich zu binden. Das heutige Abkommen mit Pirelli läuft Ende 2019 aus. Die FIA hat dabei bestätigt: Die Formel 1 wird 2021 auf Niederquerschnittreifen daherkommen, montiert auf 18-Zoll-Rädern. Schon 2014 hat Pirelli versuchweise einen Lotus mit 18-Zoll-Felgen auf die Bahn geschickt, damals sass Testpilot Charles Pic am Steuer. Die Reaktionen fielen deutlich aus: Die Fans wollten damals keine Niederquerschnittreifen, sie wollen lieber breitere Walzen wie heute. Die haben wir Anfang 2017 bekommen, aber der Schritt zu 18-Zoll-Rädern kommt dennoch – mit schmaleren Vorderreifen (27 cm statt wie heute 30,5 cm). Die 40,5 cm breiten Hinterreifen bleiben.

Bis Ende August müssen interessierte Reifenunternehmen in Paris ihre Bewerbungen einreichen. Ein Formel-1-Teamchef sagt im Fahrerlager des Circuit de Spa-Francorchamps: «Die Ausschreibung ist im Grunde keine, das ist doch nur eine Alibi-Übung der FIA. Denn ein neuer Hersteller müsste für 2020 Reifen nach den heutigen Massen Reifen bauen, für 2021 dann aber die neuen Niederquerschnittwalzen. Er müsste zwei Mal entwickeln. Welche Firma soll das auf sich nehmen? Pirelli hat die gegenwärtigen Reifen im Griff, für sie gäbe es nur einen Entwicklungsschritt. Für mich steht fest: Vor diesem Hintergrund kann es nur einen Formel-1-Reifenausrüster geben, den bisherigen und künftigen – Pirelli.»

Was meint der Insider zum Schritt auf 18-Zoll-Räder? «Die Formel 1 kann sich nicht allen Entwicklungen verschliessen. Als ich mein erstes Auto kaufte, rollte es auf 13 Zoll, wenn du eine 14-Zoll-Felge hattest, warst du in der Nachbarschaft ein König. Heute kommen schon Kleinwagen auf 18-Zoll-Rädern daher, das entspricht einfach dem Trend.»

Michelin, von 1977 bis 1984 und von 2001 bis 2006 im GP-Zirkus vertreten, hat sich seit Jahren für einen Wechsel zu Niederquerschnittreifen auf 18-Zoll-Rädern stark gemacht. Die werden nun eingeführt. Aber die Franzosen werden kaum die Kröte schlucken, Reifen nach anderen Massen nur für eine Saison zu bauen.

Gleichzeitig hat die FIA bestätigt: Reifenheizdecken wird es ab 2021 nicht mehr geben. Ein Verbot, das überfällig war.

Der neue (oder bisherige) Reifenpartner der FIA wird pro Wochenende drei Mischungen bereitstellen: Hart, mittelhart, weich. Die mittelharte Mischung soll Rundenzeiten erlauben, die gut 1,2 Sekunden schneller sind als mit der harten Mischung. Der weiche Reifen soll eine Sekunde schneller sein als der mittelharte.

Pirelli kam 2011 nach einer zwanzigjährigen Pause in die Formel 1 zurück, als Nachfolger von Bridgestone. Die Italiener erhielten vom Autoverband FIA den Zuschlag unter der Bedingung, einen Reifen zu bauen, der mehr Boxenstopps erzwingt und damit spannenderen Sport erzeugt.

Seit 2018 gibt es sieben verschiedene Trockenreifen (Slicks), zwei mehr als 2017, damit wollte Pirelli sich besser den Gegebenheiten der verschiedenen Rennstrecken anpassen. Der 23fache GP-Sieger Nico Rosberg kritisierte: «Die Reifenmischungen, das ist für mich nicht der richtige Weg, denn da blickt ja keiner mehr durch. Ich finde, egal was jetzt die Mischung drunter ist, sollten wir jedes Wochenende nur drei davon sehen – weich, medium und hart, in den entsprechenden Farben, welche die Fans gewohnt sind. Alles andere ist uns doch eigentlich wurscht.»

2019 wird das alles anders. Pirelli-Rennchef Mario Isola bestätigt in Belgien: «Wir planen, die Bezeichnungen hart, mittelhart und weich schon in der kommenden Saison einzuführen. Noch steht nicht fest, mit welchen Farben wir dabei ausrücken. Wir wollen dennoch die Öffentlichkeit informieren, mit welchen Walzen wir genau fahren. Denn weich in Singapur entspricht nicht weich in Silverstone.»

Verblüffend: In der Formel 1 hat es in 69 Jahren Weltmeisterschaft nur neun Reifenlieferanten gegeben!

Die Formel-1-Rekorde des US-amerikanischen Goodyear-Konzerns sind dabei unerreicht: Von 1959 bis 1998 in der Formel-1-WM engagiert, wurden in 494 Starts 368 Siege errungen (bei 113 Rennen waren die Amerikaner Alleinausrüster). Über den ersten Sieg freuten sich die Firmenchefs in Akron (Ohio) 1965 in Mexico (Richie Ginther im Honda), den letzten Sieg eroberte in Monza 1998 Michael Schumacher im Ferrari. Goodyear kommt auf 24 Fahrer-WM-Titel und 26 Konstrukteurs-Pokale.

Dagegen verblassen die Daten anderer Hersteller. Insgesamt waren nur acht weitere Reifenunternehmen in der Formel-1-WM tätig:

Pirelli (1950 bis 1958, 1981 bis 1986, 1989, bis 1991 sowie seit 2011, 189 Siege in 348 Rennen)

Bridgestone (1976/’77 sowie 1997 bis 2010, 175 Siege in 244 Rennen)

Michelin (1977 bis 1984 sowie 2001 bis 2006, 102 Siege in 215 Rennen, aber keine davon als Alleinausrüster!)

Dunlop (1950 bis 1970 und 1976 bis 1977, 83 Siege in 175 Rennen)

Firestone (1950 bis 1975, 49 Siege in 121 Rennen)

Continental (1954 bis 1958, 10 Siege in 13 Rennen)

Englebert (1950 bis 1958, 8 Siege aus 61 Rennen)

Avon (1954 bis 1958 und 1981/’82, keine Siege aus 29 Rennen)

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