Monza: Das lange Warten auf einheimische Helden

Von Gerhard Kuntschik
Formel 1

Anlässlich des Italien-GP im historischen Autodromo Nazionale di Monza gehen wir der Frage nach den Lokalmatadoren auf den Grund. Nur drei Italiener schafften es bisher, in Italien im Ferrari zum GP-Sieg zu stürmen.

Wir wissen ja: Formel 1, Monza, Ferrari. Was sonst? Formel 1 in Italien ist Ferrari gegen den Rest der Welt. Ein Ferrari-Sieg in Monza, das ist für die Tifosi die halbe WM. Für manche sogar wichtiger als die WM. Monza kann Helden machen, wenn sie Ferrari fahren und siegen, wie Gerhard Berger seit 1988 weiss und Michael Schumacher es mehrfach erlebte, oder Clay Regazzoni mit besonderem Emotionslevel.

Anlässlich des Grossen Preises von Italien im historischen Autodromo di Monza – wo bisher die meisten F1-WM-Läufe seit 1950 stattfanden, nämlich 68 – gehen wir der Frage nach den Lokalmatadoren auf den Grund.

Für italienische Piloten ist Monza das vermeintliche Heimrennen. Am süssesten schmeckt der Erfolg aber, wenn gar ein Italiener im Ferrari gewinnt – wie drei Mal passiert: Die Heimsiege von Alberto Ascari (1951/52) und Ludovico Scarfiotti (1966) in roten Boliden sind aber eine Ewigkeit her. Doch wehe, ein Italiener würde Ferrari den Sieg im Autodromo wegschnappen, das wäre fast nationale Schande.

Die Gefahr am Sonntag ist gering, dass der einzige Italiener in der Startaufstellung dieser Tage, Antonio Giovinazzi, in seinem Alfa Romeo genannten Sauber-Ferrari Sebastian Vettel und Charles Leclerc gefährdet.

Womit sich die Quizfrage ergibt, wer der letzte italienische Formel-1-Weltmeister war. Wer Mario Andretti sagt, liegt völkerrechtlich nicht so schlecht. Denn der US-Bürger und US-Motorsportheld wurde als Italiener 1940 in Montona geboren. Der Ort in Istrien, heute Motovun in Kroatien, war damals italienisch.

Die Andrettis flüchteten 1948 in die Toskana, als Istrien jugoslawisch wurde. 1955 wanderte die Familie in die USA, nach Pennsylvania, aus. Und die USA bekamen 1978 einen F1-Champ. Und davor? Alberto Ascari, 1952 und 1953, sowie der allererste der F1-Geschichte, Nino Farina (1950). Also vor einer Ewigkeit.

Eine kleine Ewigkeit liegt auch der letzte italienische GP-Sieger zurück: Giancarlo Fisichella 2006 in Malaysia für Renault, es war sein dritter und letzter GP-Erfolg. Übrigens: Der AS-Roma-Fan (weil Römer) ist noch immer aktiv, fährt mit Halbprofis in der Langstrecken-WM für – Ferrari! Doch leider zu spät für ewigen Ruhm.

Motorsporthistoriker versuchten sich in einem «Ranking» italienischer F1-Piloten. Da steht dann Ascari als Doppelweltmeister an der Spitze, gefolgt von Farina und Ricardo Patrese, der in seinen 16 Jahren in der Topklasse in 256 Rennen sechs Mal siegte. Der «jüngste» in diesen Top-Ten, Michele Alboreto (fünf Siege), beendete 1994 seine Karriere in der Formel 1. Und verunglückte 2001 bei einem Audi-Test auf dem Lausitzring tödlich. Er stand 1988 in Monza als Zweiter hinter Berger auf dem Podium.

Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Vor 30 Jahren, 1989, gab es unter 20 Teams sieben italienische Rennställe und 14 italienische Fahrer! Einige davon hatten aber freitags nach neun Uhr zum Ende der Vorqualifikation schon wieder frei...

Es fehlt also im motorsportverrückten Italien entweder an Talenten, an deren Förderung – oder an beidem. Dabei führen die Statistiken zwischen Andrea de Adamich und Renzo Zorzi zwischen 84 und 108 italienische F1-Piloten auf, je nachdem, ob es nach Starts oder Nennungen ging. Damit ist Italien – so oder so – das Land mit den zweitmeisten Teilnehmern in der Königsklasse nach Grossbritannien.

Schade, dass so viele Italiener irgendwann im 20. Jahrhundert auswanderten, bevorzugterweise nach Brasilien oder Australien. Denn geht es nach den Eltern oder Grosseltern, hätte Italien eine respektable Reihe von GP-Siegern in den vergangenen Jahrzehnten zu feiern gehabt: Fittipaldi, Pace, Alesi, Barrichello, Massa, Ricciardo. Und sogar einen Helden: Ayrton Senna. Auch in dessen Adern floss ein wenig italienisches Blut.

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