Lewis Hamilton: «Menschliche Rasse ausser Kontrolle»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Lewis Hamilton macht sich Gedanken

Lewis Hamilton macht sich Gedanken

​Formel-1-Champion Lewis Hamilton meldet sich auf Instagram zu Wort und macht wie üblich aus seinem Herzen keine Mördergrube. Der Brite stellt fest: «Die menschliche Rasse ist ausser Kontrolle.»

Mercedes-Star Lewis Hamilton hat sich in den vergangenen Wochen rar gemacht auf Instagram. Nun aber hat sich der sechsfache Formel-1-Champion wieder einmal zu Wort gemeldet, und wie immer redet der Engländer nicht um den heissen Brei herum.

Der 84fache GP-Sieger schreibt: «Es ist verrückt – die Welt kommt fast zum Stillstand und wir sehen, wie der Himmel klarer wird. Niemand weiss, warum dies alles passiert, aber es gibt jedem von uns sehr viel nachzudenken.»

«Im Jahre 1900 lebten weniger als zwei Milliarden Menschen auf der Erde, nun sind es 7,7 Milliarden, und jedes Jahr kommen 140 Millionen hinzu. Solche Statistiken finde ich überwältigend, ich bin nicht sicher, wie ihr darüber denkt. Die menschliche Rasse ist ausser Kontrolle.»

«Was noch verrückter ist: In diesen traurigen Zeiten, mit rund 50.000 Toten wegen dieses Virus, sterben gemäss Statistik jedes Jahr 57 Millionen Menschen, also mehr als 156.000 jeden Tag. Wir müssen so Vieles verändern – unsere Gewohnheiten, unsere Entscheidungen, den Konsum, alles Mögliche. Wie können wir uns als menschliche Rasse ändern, wenn wir so festgefahren sind? Vielleicht hilft uns die Pandemie dabei, eine Veränderung zum Besseren zu finden.»

Auf Twitter hat Hamilton beigefügt: «Ich hoffe, ihr seid alle mit euren Familien in Sicherheit zuhause. Ich nutze die Zeit, um an mir zu arbeiten, körperlich und seelisch. Ich denke an alle von euch und möchte, dass ihr wisst – ich bin dankbar für eure Unterstützung und eure Liebe. Ich sende euch positive Einstellung.»

Arschloch-Firmen in einer versifften Welt

Immer wieder offenbart sich der englische Rennfahrer mit Worten, die wir von Spitzensportlern selten hören. Hamiltons Anhänger fragten sich beispielsweise im vergangenen Herbst besorgt: Was nur war in den Briten gefahren, dass er sich mit folgenden Worten auf Instagram gemeldet hat? «Ehrlich, ich hätte gute Lust, alles hinzuschmeissen. Alles herunterzufahren. Warum soll ich mir die Mühe machen, wenn die Welt so eine Schweinerei ist und es den Leuten egal zu sein scheint? Ich brauche einen Moment, um meine Gedanken zu sammeln. Danke an alle, welchen die Welt nicht scheissegal ist.»

Die Worte gaben zu denken, die Hamilton weiss auf schwarzem Grund ins Netz stellte. «Ich habe 32 Jahre gebraucht, um zu verstehen, welche Auswirkung ich auf die Welt habe. Ich versuche jeden Tag herauszufinden, was ich machen kann, um eine bessere Rolle zu spielen. Ich will, dass mein Leben bedeutend ist, und ehrlich gesagt, bislang hatte mein Leben wenig Bedeutung. Ein Teil der Probleme zu sein, das kann es nicht sein; Teil der Lösung zu sein hingegen schon. Ich strebe danach, es besser zu machen.»

«Es stimmt mich traurig, wenn ich daran denke, wo diese Welt hinsteuert. Unser Aussterben wird mehr und mehr wahrscheinlich, denn wir plündern unsere Ressourcen. Die Welt ist wirklich ein total kaputter Ort. Führende Politiker sind entweder ungebildet oder ihnen ist die Umwelt einfach schnuppe.»

Dunkle Gedanken hatte Hamilton offenbar schon in Suzuka. Auf die Frage, was er am trainingsfreien Samstag unternehmen werde, wenn sich wegen des Taifuns Hagibis kein Rad drehe, antwortete der Champion: «Ich spiele mit dem Gedanken, in eine Bucht zu fahren, in welcher Delfine abgeschlachtet werden. Es wäre eine gute Gelegenheit, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen.»

Im Oscar-preisgekrönten Dokumentarfilm «The Cove» wurde das vor zehn Jahren schon angeprangert. Die Filmemacher zeigen, wie im japanischen Küstenort Taiji (drei Autostunden von Suzuka entfernt) regelmässig rund 2000 Delfine, hauptsächlich grosse Tümmler, in eine nicht einsehbare Bucht getrieben werden, die durch Zäune, Stacheldraht und Sicherheitspersonal abgeschottet ist. Die schönsten Tiere werden separiert und anschliessend an Delfinarien in aller Welt verkauft. Taiji ist dabei der weltweit grösste Verkäufer von Delfinen an Meeresparks und Delfinarien. Die restlichen Tiere werden getötet. Nach Angaben der Filmemacher werden insgesamt in Japan jedes Jahr 23.000 Delfine getötet.

Auch bei der jüngsten Instragram-Tirade ging Hamilton auf Tiere und Tierhaltung ein: «Ich ermahne euch dringend, ein wenig zu recherchieren. Findet jenes Mitgefühl in euch, von dem ich weiss, dass es da ist. Ihr müsst euch darüber klarwerden, was ihr dazu beitragt, dass die Fleisch- und Milchprodukte-Industrie weiter floriert. Als Konsequenz haben wir Abholzung, Grausamkeit gegenüber Tieren, unsere Meere und unser Klima zerfallen jeden Tag mehr. Werdet vegan, das ist der einzige Weg, um unseren Planeten heute zu retten. Das geht so einfach, ihr müsst euch lediglich dazu entscheiden.»

Die Fans spüren instinktiv: Das ist kein Marketing-Blabla, das kommt aus tiefstem Herzen.

Ich fand es berührend, wie Lewis Hamilton in Singapur 2017 über seine Ansichten zur Welt sprach oder in den Sommerferien mit Kumpels eine Meeresbucht von Plastikabfall befreite.

Der von Latexhandschuhen geschützte Hamilton postete Mitte August 2018 Videos und Bilder und schimpfte auf seinen sozialen Kanälen: «Leute, ich möchte, dass ihr euch dessen bewusst seid, was ihr mit dem ganzen Plastik anrichtet, den ihr kauft und dann wegschmeisst. Der landet hier, es ist wirklich eklig. Ich bin an einem der so vielen schönen Orte dieser Erde, und dann sind wir über diese Schweinerei gestolpert. Wir konnten nicht einfach wegschauen, wir mussten etwas machen. Wir alle müssen handeln, wir müssen aufhören, Firmen zu unterstützen, die blind auf ihren Profit fixiert sind – zu Lasten unseres schönen Planeten. Was wir kaufen, das endet an einem solch verdammten Ort am Meer.»

«Wo immer ihr auf der Welt seid und einkaufen geht – seid euch bewusst darüber, was ihr kauft und wie es eingepackt ist. Benutzt Papiertüten. Kauft nichts von Arschloch-Firmen, die Geld scheffeln und die Welt versiffen. Wir müssen uns anstrengen, wir müssen gewissenhaft sein und streng. Ich will in der Formel 1 und bei Mercedes-Benz bewirken, dass Tausende von Menschen kein Plastik mehr kaufen und sicherstellen, dass ihr Müll am richtigen Ort landet. Sagt es euren Freunden, erzählt es jedem weiter.»

Arschloch-Firmen, das ist starker Tobak. In Zeiten politischer Korrektheit kommt das in aller Öffentlichkeit den wenigsten Sportlern über die Lippen.

In den sozialen Netzwerken wurde die Aufräumaktion als scheinheilig gebrandmarkt. Auch die düsteren Worte erzeugten teilweise Hohn. Im Sinne von: Sich über die Umwelt auslassen, aber im Privat-Jet um die Welt heizen, gewiss.

Aber Hamilton redet und handelt eben spontan und mit ganzer Seele. Er bietet mehr als jenes Marketing-Gewäsch, welches wir von anderen Piloten als Dutzendware aufgetischt erhalten. Hamilton kann sich offenbaren. Das ist in der Formel 1 selten. Solche Offenheit braucht Mumm. Keiner muss Meinungen teilen, die Hamilton von sich gibt. Aber ich empfinde Respekt dafür, dass er frei von der Leber weg spricht, wenn ihm etwas wichtig ist.

Vielleicht besteht die grösste Mission von Lewis Hamilton nicht darin, der erfolgreichste Formel-1-Rennfahrer zu werden, sondern aus der Welt einen besseren Ort zu machen.

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