Alpine F1 statt Renault F1: Wirtschaftliche Zwänge

Von Günther Wiesinger
Formel 1
​Renault tritt in der WM 2021 nicht unter eigenem Namen an, sondern als «Alpine F1» – angeblich aus Marketinggründen. In Wirklichkeit baut Renault 15.000 Jobs ab. Deshalb ist die Formel 1 nicht mehr tragbar.

Der Renault-Nissan-Konzern tritt 2021 in der Formel-1-WM nicht mehr mit der Marke Renault an, sondern als «Alpine F1». Konzern-CEO Luca de Meo will damit den Bekanntheitsgrad der Sportwagenmarke fördern.

Die Firma Alpine wurde vom Franzosen Jean Rédélé 1955 gegründet, der Name geht auf seinen Sieg beim Alpenpokal 1954 zurück. 1973 übernahm Renault die Aktienmehrheit bei Alpine. Die Marke wurde durch den Sportwagen A110 weltweit bekannt.

Alpine war in der Formel 3 und Formel 2 alleine oder als Partner von Renault anzutreffen und trat auch Begleiter bei ersten zaghaften Turbo-Schritten Richtung Königsklasse auf. 1978 wurde der Name von Renault in Le Mans als Kombination zum Le-Mans-Sieg geführt, mit Didier Pironi und Jean-Pierre Jaussaud am Lenkrad des eleganten Sportprototypen A442B.

Aber mit Stückzahlen von 8000 Alpine-Sportwagen im Jahr lässt sich ein Formel-1-Engagement weder rechtfertigen noch finanzieren. Das Engagement in der Königsklasse unter den Namen Alpine hat andere Gründe.

Renault muss gewaltig sparen. Im Mai 2020 hat der Konzern angekündigt, weltweit 15.000 Stellen zu streichen, davon allein 4600 in Frankreich. Das heißt: Jeder zehnte Renault-Arbeitsplatz in Frankreich wird eingespart. Dadurch sollen bis Ende 2022 zwei Milliarden Euro eingespart werden. Der Konzern beschäftigte Ende 2019 weltweit rund 180.000 Mitarbeitende.

Weder in der Öffentlichkeit noch bei den Gewerkschaften ist es vertretbar, für 200 Millionen Euro pro Jahr ein mäßig erfolgreiches Formel-1-Team um die Welt zu schicken, während gleichzeitig Tausende Stellen abgebaut werden müssen. Schon gar nicht, wenn keine Siege eingefahren werden.

Der Renault-Nissan-Konzern geriet schon vor der Coronakrise in finanzielle Schräglage. Erstmals seit 2009 rutschte Renault 2019 in die roten Zahlen. 2018 wurde noch ein Gewinn von 3,3 Milliarden Euro erwirtschaftet, das Geschäftsjahr 2019 förderte einen Verlust von 141 Millionen zutage. Grund: Absatzkrise bei beim serbelnden japanischen Zukauf Nissan.

Dann kam die Corona-Pandemie: Im ersten Halbjahr 2020 musste Renault-Nissan einen Nettoverlust von 7,3 Milliarden Euro bekanntgeben. Der japanische Partner Nissan war für ein Defizit von 4,8 Milliarden Euro verantwortlich. Der Umsatz brach um rund ein Drittel auf 18,4 Milliarden Euro ein. Der französische Staat – mit 15 Prozent am Konzern beteiligt – musste mit einem Kredit von fünf Milliarden Euro zu Hilfe eilen.

Das Formel-1-Programm von Renault kam natürlich auf den Prüfstand. Ende Mai 2020 beteuerte Renault-Generaldirektorin Clotilde Delbos noch: «Die Präsenz von Renault in der Formel 1 wird durch unseren Sparplan nicht in Frage gestellt.» Elementar für diese Entscheidung war gemäß Delbos, dass in der Formel 1 eine Budgetobergrenze eingeführt wird. Diese Grenze liegt 2021 bei 145 Millionen Dollar pro Jahr, 2022 sind es 140 Millionen, 2023 bis 2025 noch 135 Millionen.

Formel-1-Sportdirektor Ross Brawn: «Wir müssen es schaffen, dass die Rennställe kostendeckend arbeiten können. Mit dem Kostendeckel können wir dieses Ziel erreichen.» 2019 hatten die zehn Formel-1-Teams rund eine Milliarde US-Dollar an Zuschüssen (Startgeld, Preisgeld, Anteil an den TV-Einnahme, Spesenersatz) erhalten. Die Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor.

Wirtschaftliche Zwänge sind immer wieder der Grund, warum sich Autohersteller aus der Formel 1 verabschieden, so wie vor zwölf Jahren.

Die Erinnerungen an die globale Finanzkrise, die ab September 2008 in vielen Teilen der Welt eine Rezession zur Folge hatte, sind noch nicht verblasst: Damals mussten die meisten Autohersteller ihre Produktion bremsen, um auf herbe Absatzeinbrüche im zweistelligen Bereich zu reagieren. Das hatte Folgen für die Formel 1: Nach Honda und BMW beendete mit Toyota der damals größte Autobauer der Welt sein Formel-1-Projekt. Am 4. November 2009 wurde in Tokio mit Verweis auf die Wirtschaftskrise der Ausstieg aus dem GP-Zirkus verkündet. Die Japaner haben nie ein Rennen gewonnen.

Auch die Honda-Verantwortlichen begründeten damals das Ende des Formel-1-Engagements offen mit den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise, als sie am 5. Dezember 2008 den Abschied von der Formel-1-Bühne verkündeten. Aktionäre des japanischen Giganten hatten die Geschäftsleitung angesichts der Absatzprobleme zu diesem Schritt gedrängt. Das Team wurde für ein symbolisches Pfund an Teamchef Ross Brawn verkauft. Die erste Saison wurde von Honda noch mit 150 Millionen Euro finanziert – und BrawnGP wurde prompt Formel-1-Weltmeister 2009. Danach übernahm der Daimler-Konzern den Rennstall, um erstmals seit 1955 wieder Silberpfeile auf die GP-Pisten zu bringen.

Als BMW 2009 den Abschied aus der Formel-1-Weltmeisterschaft bestätigte, war offiziell von einem Strategiewechsel die Rede. Man wolle sich künftig mehr auf die Nachhaltigkeit konzentrieren, da passe die Formel 1 nicht mehr ins Konzept, hieß es. Die wahren Gründe dürften das schwache Abschneiden des Fahrzeugs F1.09 (nur Rang 6 in der Konstrukteurs-Meisterschaft) und die weltweite Finanzkrise gewesen sein.

Noch vor der Finanzkrise zog sich Ford-Konzern aus der F1 zurück. Das erfolglose Kapitel mit Jaguar wurde beendet, weil die US-Amerikaner ein gewaltiges Sparprogramm stemmen mussten – in den sechs Jahren ab 2006 wurden weltweit 30.000 Stellen gestrichen und 14 Werke geschlossen. Ford verkaufte den Jaguar-Rennstall an Red Bull – Anfang 2005 debütierte Red Bull Racing in der Formel 1.

Honda, Ford und BMW verkauften ihre Rennställe für symbolische Preise, weil das Zusperren zum Beispiel bei Jaguar bis zu 280 Millionen US-Dollar gekostet hätte – wegen Strafzahlungen wegen Vertragsbruchs mit Bernie Ecclestone und an Gewerkschaften in England, wo das F1-Team stationiert war.

Renault wählte einen anderen Weg. Der in Turbulenzen und teilweise in Staatsbesitz befindliche Automobilhersteller zog sich brav aus der Formel 1 zurück – und kam im selben Augenblick bei der Hintertüre mit dem konzerneigenen Kleinserien-Hersteller Alpine wieder herein. 

Honda, aktuell Motorpartner von Red Bull Racing und AlphaTauri, zieht sich Ende 2021 aus der Formel 1 zurück. Honda hat im Autogeschäft heftige Einbußen erlitten und zu langsam auf neue zukunftsträchtige Technologien reagiert. Jetzt wird dringend frisches Geld für die Entwicklung alternativer Antriebe mit nachhaltiger Energie benötigt. Honda hat in den letzten Jahren jährlich 300 Millionen Euro für die Entwicklung der F1-Motoren investiert.

Firmenchef Takahiro Hachigo begründet den F1-Rückzug mit dem Umdenken im Konzern: «Wir wollen bis 2030 zwei Drittel unserer verkauften Fahrzeuge mit einem elektrischen Antrieb ausstatten. Dafür werden die durch den Formel-1-Ausstieg frei werdenden Mittel eingesetzt. Die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien wird vorangetrieben.»

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