Marc Surer: «Das macht die Formel 1 alles falsch»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Das grosse Interview zur Sommerpause, dritter und letzter Teil: Der TV-Experte von Sky über Sicherheit, gemassregelte Fahrer, zu hohe Ticketpreise, Sauber und Bernie Ecclestones Holzweg.
Marc, Rosberg und Vettel maulen, das Safety-Car sei in Ungarn für sie zu einem blöden Zeitpunkt auf die Bahn gekommen. Hätte deiner Meinung nach die Rennleitung anders handeln können?

Wenn das Safety-Car auf die Piste kommt, dann geht es doch vor allem um Sicherheit. Wir sprechen hier von einem Wagen, der hart eingeschlagen war – da muss das Safety-Car einfach kommen, gar keine Frage. Da gibt es keine Zeit zu denken: Wie machen wir das am besten, damit der Führungswagen auch ja vor der Spitze auf die Bahn gelangt? Hätte man das konsequent zu Ende gedacht, dann hätte man fast eine Runde lang warten müssen. Das darf nicht sein.

Der Fehler liegt hier nicht bei der Rennleitung, sondern bei den betreffenden Rennställen der ersten Vier, also Mercedes mit Rosberg, Red Bull Racing mit Vettel, Williams mit Bottas, Ferrari mit Alonso. Bei so einem Unfall, wenn ein Auto völlig zerstört neben der Bahn liegt, dann muss ihnen doch klar sein, dass das Safety-Car kommen wird, dann muss der Fahrer hereingeholt werden. Das taten sie nicht. Daher geht das auf ihre Kappe.

Am Sonntagabend nach dem Ungarn-GP hat kein Mensch von mangelnden Sound gesprochen, alle haben nur vom tollen Rennen geschwärmt. Besteht hier überhaupt noch Handlungsbedarf?

Wir sehen 2014 bessere Rennen als vor einem Jahr, trotz der Überlegenheit der Silberpfeile. Trotzdem: etwas mehr Sound könnte nicht schaden. Das Thema muss weiterverfolgt werden.

Seit Hockenheim lässt die Rennleitung den Piloten eine längere Leine. Wieso ist das so wichtig?

Vorher hatten wir die hirnrissige Situation, dass man sich auf der Rennstrecke beinahe weniger erlauben durfte als im Strassenverkehr. Wir alle wissen, wie knifflig es bisweilen ist, mit dem Privatauto allen Vorschriften Genüge zu tun. Da kann es doch nicht sein, dass die besten Rennfahrer der Welt auf den GP-Pisten noch mehr gemassregelt werden! Es war dringend notwendig, dass die Zügel etwas weniger straff gehalten werden – schliesslich wollen wir Duelle sehen, durchaus auch mal mit Rädern, die sich berühren und fliegenden Karbonteilen. So, wie das auf dem Hockenheimring und in Ungarn gehandhabt wurde, ist für mich optimal. Ich würde als Rennleitung nur noch bei einem groben Foul eingreifen.

Angenommen, du hättest das Sagen in der so genannten Arbeitsgruppe Popularität: Welche Massnahmen zum Wohle des Sports würdest du auf den Tisch bringen?

(Sofort) Ticketpreise senken! Heute können die Fans so viel zuhause über die Formel 1 erfahren, sie können fernsehen, sie können sich im Internet informieren. Wenn die Eintrittspreise so hoch sind, kann ich die Überlegung vieler Fans nachvollziehen – wieso soll ich das bezahlen?

Wir sind hier an einem gefährlichen Punkt angelangt. Bernie Ecclestone wollte seine Formel 1 immer exklusiv behalten. Das ist schön und recht, aber was nützt ihm das, wenn die Ränge verwaist sind? Das sieht im Fernsehen doch grauenhaft aus. Bei der MotoGP ist meist volle Hütte – dort kosten die Tickets auch nur die Hälfte. Die machen das richtig, die Formel 1 macht das falsch.

Apropos falsch – Sauber ist ohne Punkte, das schmerzt nicht nur Schweizer Fans. Wo ortest du die Gründe für die anhaltende Misere?

Jedes Jahr hat Sauber wichtige Techniker verloren, etwa James Key, um nur einen zu nennen. Immer wurde uns weisgemacht: Das ist nicht so wichtig, wir sind ein Team, wir federn das ab. Aber wenn immer gute Köpfe gehen, dann ist irgendwann nicht mehr viel übrig, und genau das ist passiert.

Neue Austragungsorte ohne Renntradition wie Baku kommen, Traditions-Veranstaltungen wie Monza werden vom Aus bedroht. Wie muss für dich ein idealer WM-Kalender aussehen?

Alles, was Tradition ist, muss bleiben. Ich merke das im Gespräch mit Freunden: «Ah, letztes Wochenende war ein Grand Prix? Den habe ich verpasst. Wo war er denn?» Das zeigt für mich zweierlei: Erstens, wir haben zu viele Rennen, damit ist ein einzelner Grand Prix nichts Besonderes mehr. Und zweitens, gewisse Austragungsorte locken einfach keinen Hund hinterm Ofen hervor.

Wenn die Tradition in der Formel 1 verloren geht, dann bricht alles zusammen. Die Menschen wissen: Formel 1, das ist Monza, das ist Monaco, das ist Silverstone. Dann lasse ich mir neue Orte gefallen, die einen frischen exotischen Reiz ausüben und sofort zum Publikumsliebling werden, das Paradebeispiel dafür ist Singapur.

Daneben aber haben wir eine ganze Reihe von Orten erlebt, wo wir allein des Geldes wegen hinfahren und die sich schwer tun, als Motorsport-Ort anerkannt zu werden, das fing mit Bahrain an, zuletzt waren das Südkorea und Indien. Es ist völlig falsch, mit unserem Tross an einem Ort anzutreten, wo zwar die Antrittsgebühr üppig ist, wo der Sport aber niemanden interessiert. Wir müssen dort fahren, wo man die Formel 1 kennt und liebt. Leider ist inzwischen das Geld wichtiger ...

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