Streit um Reifen: Pirelli bleibt gegen Fahrer hart

Von Mathias Brunner
Formel 1
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​Einige Formel-1-Fahrer schimpfen über die hohen Richtwerte von Pirelli, was den Reifendruck für Spa-Francorchamps angeht. Aber die Mailänder bleiben eisern bei ihrer Linie. Aus gutem Grund.

Auf dem Highspeed-Kurs von Spa-Francorchamps kommen Reifenplatzer besonders teuer zu stehen. Die Defekte bei Nico Rosberg (im Training zum GP 2015) und Sebastian Vettel (im Rennen, Rang 2 weg) hätten übel enden können.

Pirelli leitete damals eine Untersuchung ein und kam zum Schluss: Die Schäden in Belgien gingen auf einen ungewöhnlichen Kombi-Effekt von Trümmerteilen auf der Strecke und übermässigen Gebrauch zurück, dies auf einer für Reifen überaus anspruchsvollen Bahn.

Nach dem Belgien-GP-Wochenende 2015 hat Pirelli in den aus den Ardennen zurückgebrachten Reifen 63 Schnittverletzungen gefunden. Bei 15 Tests und Rennwochenenden zuvor lag die Quote bei 1,2 Reifenverletzungen dieser Art pro Anlass.

Pirelli beteuerte: Es gibt kein strukturelles Problem mit den Walzen. Mikroskopische Tests zeigten an den Reifen keine Ermüdungserscheinungen. Daher kam Pirelli zum Schluss: Der abnormal hohe Anteil beschädigter Reifen musste auf den Zustand der Strecke zurückgehen. Das kleinste Fitzelchen aus Kohlefaser oder anderer Teile scharfkantiger Natur kann zu Reifenschäden führen, selbst wenn die Reifenstruktur selber nicht beschädigt worden ist. Der Schaden kommt explosionsartig und nicht in Form eines klassischen Platten.

Was den Reifen von Nico Rosberg anging, so zeigten Videoaufnahmen, dass der (verglichen mit Vettel weniger abgenutzte) Reifen besser gehalten hatte und das Versagen nicht urplötzlich war. Schon vier Kurven vor dem Schaden war ein Element der inneren Reifenstruktur auf Kameraaufnahmen zu sehen, Material, das aus dem Aufbau des Reifens stammte.

Vettel schäumte nach dem 2015er GP in Spa-Francorchamps: «Wenn das 200 Meter weiter vorne passiert, dann knalle ich an die Wand. Ich glaube, das muss jetzt einfach mal gesagt werden: Die Reifen sind miserabel. Es kann nicht sein, das geht jetzt schon Jahre so, ich weiss nicht, worauf wir warten. Die Vorgabe von Pirelli war, dass der Reifen 40 Runden hält, und wir hatten knapp 30 drauf. So etwas darf nicht passieren.»

Pirelli-Motorsportdirektor Paul Hembery sah das Ganze natürlich anders. Im TV-Interview mit RTL erklärte der Brite: «Die Angaben zum Reifenverschleiss sind allgemein und hängen von vielen Faktoren ab. Der Reifen von Sebastian war am Ende, wenn man das so macht, dann passiert dir das mit jedem Reifen. Das war ziemlich ehrgeizig geplant, und diesmal hat es sich nicht gelohnt. Aber ich kann verstehen, dass er wütend ist, das ist völlig normal, dass er so reagiert. Dafür werde ich ihn nicht kritisieren.»

Später relativierte Ferrari-Star Vettel seine Kritik: «Da wurde viel geschrieben, das nicht korrekt war. Was ich sagte, war klar: Ein Reifenplatzer aus heiterem Himmel, das ist nicht akzeptabel. Das finde ich noch immer. Der wichtigste Punkt jedoch ist – dass wir uns diese Angelegenheit ganz genau anschauen. Pirelli war sehr offen in allen Gesprächen, das Problem wurde sehr ernsthaft und überaus professionell angegangen. Ich habe inzwischen etwas mehr Einsicht, was mit den Reifen in Belgien passiert ist. Wir alle versuchen ja, unsere Produkte zu verbessern. Die Autos sind sicherer als vor dreissig Jahren, aber auch hier steht die Arbeit nie still. Was Pirelli angeht, so ist mir nicht so wichtig, was in einer Pressemitteilung steht. Mir ist wichtiger, was die Techniker mir erklären und welches Gefühl ich vermittelt bekomme.»

Pirelli reagierte mit exakten Druck- und Sturzvorgaben für die Rennställe, angepasst auf die jeweilige Rennstrecke. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, bekommt es mit den Regelhütern der FIA zu tun.

2016 nun in Spa-Francorchamps hat Pirelli im freien Freitagtraining eine neue Reifenkonstruktion getestet, welche widerstandsfähiger sein soll beim Randsteinräubern und Überfahren von Fremdkörpern.
Die hohen Reifendrücke jedoch bleiben. Sehr zum Unmut einiger Fahrer. Hier in den Ardennen liegen die Richtwerte bei 23,5 Psi an der Vorderachse und bei 22 Psi hinten. Felipe Massa hat das «einen Witz» genannt. «Noch nie in meiner Karriere bin ich mit so hohen Reifendrücken gefahren. Das Auto ist fast unfahrbar.» Auch Haas-Fahrer Romain Grosjean schimpft regelmässig über die seiner Meinung nach zu hohen Reifendrücke.

Pirelli-Technikchef Mario Isola lässt das alles kalt. Der Italiener sagt: «Ich verstehe die Aufregung nicht ganz. Die Fahrer wussten schon im Februar, dass wir auf den Hochgeschwindigkeitskursen mit so hohem Druck fahren würden.»

Aus Sicherheitsgründen wird Pirelli von diesen Werten auch nicht abweichen.

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