Speiser: «Rettungsschirm für Rennfahrer ist sinnvoll»

Kolumne von Ivo Schützbach
Langbahn-GP
Richard Speiser gehörte zu den besten Langbahn-Piloten

Richard Speiser gehörte zu den besten Langbahn-Piloten

Aktuell bin ich froh, kein Rennfahrer zu sein. Große Sportler und Rockstars werden beneidet. Dass das die reine – mitunter gewollte – Außenwirkung ist, wird spätestens jetzt in der Coronakrise klar.

Viele haben eine verschobene Vorstellung vom Leben eines Profirennfahrers. Ein oder zwei Rennen pro Woche fahren, ein bisschen durch die Welt schippern und dicke Kohle kassieren – doch die Realität sieht anders aus.

Es steckt sehr viel mehr Arbeit mit dem ganzen Drumherum dahinter, als mit dem eigentlichen Rennen fahren. Die körperliche und maschinelle Vorbereitung nimmt den größten Teil der Zeit in Anspruch. Dazu kommt die Sponsoren-Akquise und -Pflege. Außerdem die Weiterentwicklung von sich selbst, seinem Fuhrpark und Umfeld, und am Schluss stehen ganz banale Dinge wie die Buchhaltung.

Das Leben eines professionellen Rennfahrers ist in Deutschland gleichzusetzen mit dem eines Selbstständigen mit eigener Firma. Man muss genauso seinen Lebensunterhalt erwirtschaften, Steuern und Versicherungen bezahlen, seine Ausgaben decken und für die Zeit nach dem Rennsport vorarbeiten. Der Unterschied liegt darin, dass das Risiko als Motorsportler um einiges höher ist, als zum Bespiel für einen selbstständigen Hausmeister.

Wenn keine Rennen gefahren werden, kommt kein Geld rein. Die Fixkosten sind aber da und müssen getragen werden. Da bei den meisten alles auf sehr dünnem Eis gebaut ist, haben derzeit viele Rennfahrerkollegen hart zu schlucken. Darum klingt ein Rettungsschirm für Rennfahrer im ersten Moment vielleicht etwas seltsam, aber genauer überlegt handelt es sich dabei schlicht um Solo-Selbstständige mit einem hohen persönlichen Risiko, die in der Unterhaltungsindustrie dafür sorgen, dem Zuschauer zwei bis drei Stunden lang den Abend zu versüßen.

Im aktuellen Fall beneide ich keinen der ehemaligen Kollegen, die vom Rennsport leben müssen, dazu eine Familie ernähren sollen und sich bisher kein Polster aufbauen konnten. Wer beruflich flexibel ist, oder sich vorher um eine Alternative gekümmert hat, kann sich in dieser schweren Zeit wenigstens über Wasser halten und den Kopf mit anderen Dingen beschäftigen, als mit der unsicheren Zukunft. Alleine psychologisch ist das sehr wichtig.

Ich habe mein Maschinenbaustudium neben meiner Rennfahrerkarriere erworben und bin mittlerweile aufgestiegen zum Abteilungsleiter Konstruktion & Entwicklung. Ich bekomme mein Gehalt am Ende des Monats überwiesen und muss es mir nicht jedes Wochenende nach Leistung ausbezahlen lassen. An einem guten Wochenende ist man da schon mal mit zwei bis drei Euro mehr in der Tasche nach Hause gegangen. An einem schlechten mit mehreren Motorschäden und dadurch kaum Preisgeld, gab es dafür einen fünfstelligen Minusbetrag. Und das Ganze war mit einem extrem hohen körperlichen Risiko verbunden.

Ich hatte den Vorteil, dass ich jung und unbedarft war. Ich bin die Rennen nur gefahren, weil ich Spaß daran hatte. Spaß am Wettbewerb, am Kampf und an der Herausforderung. Nicht, weil ich damit viel Geld verdienen wollte. Als Student war ich es gewohnt, nicht auf großem Fuß zu leben. Und meine Einnahmen mussten reichen, um die weitere Saison zu finanzieren. So wurde auch jedes erwirtschaftete Geld sofort wieder investiert. Da ich nicht immer das glücklichste Händchen mit Tunern hatte, wanderte sowieso das meiste Geld direkt aus meiner Tasche auf das Konto diverser Tuner im In- und Ausland.

Aber da ich meinen Ingenieurstitel bald in der Tasche hatte, war das als Investition zu sehen. Dass ich nicht bis ins Rentenalter Motorradrennen fahre, war mir damals schon klar. Dass es 2014 zu einem abrupten Ende kam war zwar nicht schön, aber das ist das Risiko, das immer mitfährt. Es haben leider nicht alle das Glück, ziemlich verletzungsfrei durch das Rennfahrerleben zu kommen, ein paar Abschiedsrennen zu fahren und mit einem guten Polster danach das Rennfahrerrentnerdasein als Selbstständiger in einer eigenen Firma weiterzuführen.

Der Börwanger Richard Speiser hat in seiner kurzen Bahnsportkarriere beinahe alles erreicht: 2010 wurde er Dritter in der Langbahn-WM, im Jahr darauf Vizeweltmeister. Die Langbahn-Teamweltmeisterschaft gewann er mit Deutschland von 2009 bis 2011 dreimal in Folge. In der Grasbahn-EM wurde er 2008 Zweiter, 2013 Dritter, zudem in der Deutschen Langbahn-Meisterschaft 2013 Vize. Am 13. Juli 2014 hatte er beim Langbahn-GP in Marmande einen schlimmen Sturz, woraufhin er im Februar 2015 seinen Rücktritt erklärte.

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