Sirg Schützbach über Talente: «Nur noch Einzelfälle»

Von Günther Wiesinger
Langbahn-GP
Sirg Schützbach 2011

Sirg Schützbach 2011

«Es gibt viel zu wenig Trainingsmöglichkeiten und es ist viel zu teuer», sagt Sirg Schützbach zur Situation des Motorsports in Deutschland. «Um auf ein gutes Niveau zu kommen, musst du sehr viel Geld investieren.»

Von 1999 bis 2011 fuhr der Baindter Sirg Schützbach international. Er gewann 1998 den Bahnpokal auf der Langbahn, wurde 2002 Grasbahn-Europameister, siegte 2007 im Grand Prix von Pfarrkirchen und wurde ein Jahr später auf der gleichen Bahn Deutscher Langbahn-Meister.

Am 23. Juli feierte Sirg Schützbach seinen 40. Geburtstag – Teil 3 des SPEEDWEEK-Interviews.

Sirg, dein Sohn Rune wird im November sechs Jahre alt. Hat er keine Ambitionen, Rennfahrer zu werden?

Ambitionen vielleicht schon, aber das wird sicher nicht in die Tat umgesetzt. Das ist brotlose Kunst. Egal welchen Rennsport du in Deutschland betreibst, das funktioniert einfach nicht. Es gibt viel zu wenig Trainingsmöglichkeiten und es ist viel zu teuer. Um auf ein gutes Niveau zu kommen, musst du sehr viel Geld investieren.

Oder auswandern in ein Land, in dem die Sportart, für die du dich entscheidest, entsprechend populär ist?

Richtig. Aber auch dafür braucht man viel Geld.

Ist es dann nicht umso erstaunlicher, dass es immer wieder deutsche Fahrer gibt, die es nach oben schaffen?

Ja, aber im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren sind das nur noch Einzelfälle. Damals war es in jeder Motorsportart etwas leichter, gefördert zu werden und den Schritt nach oben zu machen.

Über eine fliegende Runde warst du besonders auf langen Bahnen immer sehr schnell, doch Starten war nie deine Stärke. Wieso hast du das nie in den Griff gekriegt?

Wenn ich das wüsste … Sicher fehlte es mir etwas an Balancegefühl. Jahrelang habe ich viel Speedway trainiert, um das in den Griff zu kriegen. Unterm Strich hat mir das aber auch nicht viel gebracht. Bis zu einem gewissen Punkt kann man sich gute Starts erarbeiten. Ein weniger talentierter Fahrer wird aber nie so gut starten, wie einer, der es im Blut hat.

Einer wie Robert Barth hat es geschafft, vom mittelmäßigen zum besten Starter zu werden.

Robert war ein Ausnahmetalent, das sich zusätzlich noch extrem viel erarbeitet hat. Er hat es geschafft, sich und das Motorrad soweit zu bringen, dass er gleich gut war wie einer, der es von Haus aus so gut kann. Ich habe es weder technisch noch persönlich geschafft das Wunderrezept zu finden, obwohl ich extrem viel probiert habe. Wenn ich auf dem besten Startplatz stand und alles optimal funktionierte, konnte ich auch einen Katt vom Start weg schlagen. Aber einer wie Stephan fuhr halt auch vom schlechten Startplatz als Zweiter in die Kurve, ich konnte das nicht.

Wie geht ein Fahrer damit um, wenn er realisiert, dass er mit seinem Talent und Können bis an einen gewissen Punkt kommt – aber nicht weiter?

Auf Bahnen, die einem nicht liegen, hilft nur, den Start zu gewinnen. Dann sind auch Laufsiege möglich. Wenn du aber nicht auf Ideallinie fahren kannst, und nach dem Start Vierter bist, fährst du nur auf Verteidigung. Von hinten nach vorne fahren geht nicht, wenn du nur auf einer Linie wirklich schnell bist.

Schlechte Ergebnisse kompensiert du immer dadurch, dass du weißt, dass andere Bahnen Selbstläufer sind. Es gibt halt Strecken, die einem nicht so liegen. Man kann aber nie mehr als das Beste herausholen. Oder wenn es irgendwo gar nicht geht, dann darf ich dort eben keinen Startvertrag unterschreiben.

Du hast gegenüber den FIM-Funktionären nie ein Blatt vor den Mund genommen und Missstände angeprangert.

Es gibt leider viele FIM-Funktionäre, die auf einem unterirdischen Niveau arbeiten. Als ich mal nach Artigues de Lussac zu einem WM-Vorlauf kam, standen wir im Fahrerlager bis zu den Knien im Sumpf. Im Handbuch ist aber exakt definiert, dass das Fahrerlager befestigt sein muss, dass es einen Waschplatz für die Bikes geben muss, dass ich das Altöl entsorgen kann und so weiter. Und dann beschwerten sich die Offiziellen, als wir auf dem Acker nicht fahren wollten, wo die Bande die gleiche Farbe wie die Rennbahn hatte, weil es die letzten 18 Stunden durchgeregnet hatte. Das Flutlicht hatte 50 Lux, aber den Fahrern wird die Pistole auf die Brust gesetzt.

Du bist gut befreundet mit Marcel Dachs, der aus deinem Nachbarort Weingarten stammt und der heute seinen 33. Geburtstag feiert. Gibst du gerne Ratschläge, wenn jemand auf dich zukommt?

Natürlich, wenn mich einer fragt. Was viele vergessen: Im Bahnsport ist es wie mit den Fußballtrainern: Man muss nicht Maradonna sein, um zu wissen, wie man es richtig macht. Auch wenn ich nicht der beste Fahrer auf einer kurzen Grasbahn war, so weiß ich trotzdem sehr genau, wie man sie fahren muss. Ich habe es zwar nicht hingebracht, aber ich weiß, wie es geht. So etwas kannst du einem jungen Fahrer weitergeben. Oder wie man das Federbein und den Vergaser einstellt. Oder wann man welchen Radstand fährt. Für viele Probleme hast du nach 20 Jahren Rennsport sofort eine Patentlösung parat.

Beim deutschen Nachwuchs geht deswegen öfters nichts vorwärts, weil ihnen niemand Ratschläge gibt. Einige halten sich aber auch für so gescheit, dass sie meinen, die Alten haben eh keine Ahnung. Solche Fahrer werden es aber nie weit bringen.

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