Anfängerglück? Die Wachablöse in der Motorrad-WM

Kolumne von Michael Scott
Die Rookies sorgen in der WM-Saison 2021 von der Moto3 über die Moto2 bis in die Königsklasse MotoGP für Furore. SPEEDWEEK.com-Kolumnist Micheal Scott analysiert die Entwicklung.

Das Rennfahren war einmal vorhersehbar. In der Geschichte des Sports gab es lange Phasen, in denen man einen Sieger schon küren konnte, noch bevor ein Rad die Strecke berührt hatte, sogar vor man überhaupt erst an die Strecke gekommen war. Ein Fahrer oder – in besonders üppigen Zeiten – zwei, vielleicht sogar drei, kamen in Frage.

Man denke nur an Hailwood, Agostini, Sheene und Roberts, Spencer und Lawson, Rainey und Schwantz, Doohan, Rossi, Márquez…

Vertraute Gesichter, erfahrende Piloten beherrschten die Szene. Rookies brauchten Zeit, um zu lernen. Oder wie es Marco Lucchinelli, 500er-Weltmeister von 1981, erst kürzlich ausdrückte: Man musste sich erst ein paar Knochen brechen, ehe man dabei war. So funktionierte es damals.

Heute nicht mehr.

Vor allem die laufende Saison ist ein Jahr, in dem das Anfängerglück ganz besonders groß zu sein scheint, in allen drei Klassen.

Die Moto3-WM wird von einem Rookie angeführt: Pedro Acosta, im Vorjahr noch Red Bull-Rookies-Cup-Gesamtsieger, gewann fünf seiner ersten 14 WM-Rennen… Das können nicht einmal Rossi oder Márquez von sich behaupten.

In der Moto2 sorgt Rookie Raul Fernandez für Furore, auch er steht bei fünf Saisonsiegen, der deutlich erfahrenere WM-Leader Remy Gardner dagegen nur bei vier. Der ältere Ajo-Fahrer beendete allerdings jedes Rennen, noch dazu nur dreimal außerhalb der Top-3, während der Rookie nur drei weitere Top-3-Ergebnisse vorzuweisen hat und zweimal stürzte.

In der MotoGP sieht es nicht viel anders aus, was am vergangenen Sonntag einmal mehr untermauert wurde. Nach Brad Binders sensationellem Rookie-Triumph in Brünn 2020 und der beeindruckenden Leistungen von Jorge Martin in diesem Jahr – Poles, Podestplätze und ein Sieg – war nun ein anderer der neuen Jungs an der Reihe: In seinem 14. MotoGP-Rennen war Moto2-Champion Enea Bastianini auf einer zwei Jahre alten Ducati nicht zu stoppen.

Vom zwölften Startplatz stürmte er – vorbei an GP-Siegern wie Márquez, Miller und Rins – bis auf den dritten Rang nach vorne. Mehr als das, er stand mit seinem Speed Bagnaia und Quartararo in nichts nach und fuhr einen Rundenrekord nach dem anderen. Die Top-2 blieben nur wegen des Rückstands, den die «Bestia» in den ersten Runden aufgerissen hatte, außer Reichweite.

Sieger Bagnaia, 24 Jahre alt, war neben Quartararo (22) und Bastianini (23) übrigens der älteste Fahrer auf dem Podest.

Kontrastprogramm dagegen bei den Oldies. Der 42-jährige Valentino Rossi, ein dreifacher Misano-Sieger, war einmal mehr nirgends und strandete in seinem Heim-GP auf Platz 17. Immer noch besser als sein neuer Teamkollege Andrea Dovizioso, 35, der bei seinem Comeback und der Rückkehr auf Yamaha abgeschlagen Letzter wurde.

Die Kommentatoren sprechen schon das ganze Jahr lang gerne von einer «Wachablöse». Es ist einfach festzustellen, dass die Erfahrung in der neuen Normalität der MotoGP immer weniger zählt. Warum es so ist, ist schwieriger zu sagen.

Etwas Ähnliches lässt sich in allen Formen des professionellen Sports beobachten, angefangen beim Tennis. Das liegt an einer Reihe von Faktoren.

Das Wichtigste: besseres Training. Das geht einher mit einem größeren gesellschaftlichen Wandel, angetrieben von Chancen und Belohnung, während sich der finanzielle Nutzen von sportlichem Erfolg in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt und verdreifacht hat.

In den 1980er- und 1990er-Jahren, als ich erstmals von der WM berichtete, hatte ein Großteil der Fahrer, die ich interviewte, auf der Straße mit dem Motorradfahren angefangen. Da sie schneller als ihre Freunde waren, bemerkten sie, dass sie das richtige Händchen dafür hatten – und wechselten auf die Rennstrecke.

Hoffnungslos altmodisch.

Das änderte sich, als die Amerikaner und Australier auftauchten.

Als Nutznießer des Minibike-Booms der 1960er-Jahre bissen sie sich neben anderen Jugendlichen auf Dirt-Tracks die Zähne aus. Das war damals ein neues Phänomen. Jetzt ist es eine Grundvoraussetzung.

Talent zeigt sich früh und jene Fahrer, die Potenzial haben, steigen dann über immer besser organisierte Nachwuchsserien immer weiter auf, wobei sie fachmännisch gecoacht werden. WM-Promoter Dorna unterstützt diese Programme eifrig und weltweit.

Wenn die Besten von ihnen dann mit gerade einmal 16 Jahren den GP-Level erreichen, sind sie bereits erfahrene Rennfahrer, die auf Rivalen treffen, die sie gut kennen.

Die Márquez- und Espargaró-Brüder, Maverick Viñales, Alex Rins und Joan Mir etwa kennen sich schon viele, viele Jahre – und fahren genauso lange gegeneinander.

Das ist nicht alles. Die kontinuierliche technische Weiterentwicklung belohnt neue Techniken.

Die Chassis-Technologie wird in kleinen, aber bedeutenden Schritten immer ausgefeilter, die Reifen entwickeln sich etwas schneller, dazu kommen neue Vorrichtungen wie Holeshot- und Rear-Height-Device, die für große Fortschritte sorgen.

Ältere Fahrer, die unweigerlich in ihren Gewohnheiten festgefahren sind, haben mehr Mühe sich anpassen. Ganz nach dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Die Kids bringen dagegen eine frische Herangehensweise und neue Techniken mit. Sie können experimentieren, ohne überhaupt erst darüber nachzudenken.

Oder ist es noch einfacher?

Machen die modernen MotoGP-Bikes – ungeachtet der Power und der Geschwindigkeiten – das Fahren einfach zu leicht?

Traktionskontrolle einschalten und elektronische Hilfsmittel aktivieren. Dann das Gas aufdrehen und draufhalten.

Würde man es nicht hassen, wenn es tatsächlich so wäre?

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