Fabio Quartararo: Holpriger Start des Zauberlehrlings

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Fabio Quartararo beim MotoGP-Test in Sepang 2020

Fabio Quartararo beim MotoGP-Test in Sepang 2020

Der 21-jährige Wunderknabe Fabio Quartararo schüttelte auch beim Sepang-Test eine Bestzeit nach der andern aus dem Ärmel. Man traut ihm für 2020 alles zu. Auch den Titelgewinn.

Wenn man erforschen will, warum Fabio Quartartaro nach dem zweifachen Gewinn der CEV Repsol-Moto3 Championship mit 14 und 15 Jahren in der Weltmeisterschaft 2015 und danach die hohen Ansprüche nicht erfüllte, stößt man auf mehrere Ursachen. Nach den ersten Rückschlägen in der Moto3-WM suchte Fabio nach Erklärungen und Ausreden, er fiel bei Teamchef Emilio Alzamora in Ungnade, in der Moto2 bei Sito Pons war es nicht anders.

Heute weiß man: Zauberlehrling Quartararo wurde nicht umsonst schon 2015 als «der neue Márquez» bezeichnet. Sein Vater Etienne hat beim Aufbau des Sohnes viel richtig gemacht, denn er hat nicht auf die Unterstützung des französischen Verbands FFM vertraut, sondern den Junior schon mit sieben Jahren nach Spanien befördert, wo dieser alle Nachwuchsserien bestritt und dominierte. Etienne war selbst 1981 französischer 125-ccm-Meister auf Morbidelli, er verfügte über ein nützliches Basiswissen.

Doch die Erwartungshaltung war gewaltig, bei Honda und beim Estrella Galicia 0,0-Honda-Team, wo vorher Alex Rins und Alex Márquez um den Titel gekämpft hatten. Mit kaum 16 Jahren konnte Fabio diese Ansprüche nicht auf Anhieb und überall erfüllen. Als er beim Le-Mans-GP 2015 nach der Pole-Position klagte, sein Motor sei nicht so kraftvoll wie jener des Teamkollegen Jorge Navarro, fiel er bei Alzamora in Ungnade. Das Verhältnis zum Teamchef bröckelte, das machte dem Jüngling arg zu schaffen. Dazu kam ein Knöchelbruch in Misano, Fabio musste auf einige Rennen verzichten, die Saison verlief alles andere als wunschgemäß.

Trotzdem gab es immer wieder fahrerische Highlights, zum Beispiel in Assen und Indianapolis.

Vater Etienne erlag für 2016 wohl dem Lockruf des Leopard-Gelds.  Fabio wurde bei Leopard-Honda-Teamkollege des überragenden Weltmeister Joan Mir.

Wer damals nach den Gründen für die nicht gerade überragende Performance des Ausnahmekönners forschte, bekam zu hören: Vater Etienne sorgt häufig für Unruhe, Fabio könne sich nicht konzentrieren, der frühe Erfolg sei ihm in den Kopf gestiegen, er ändere seine Meinung beinahe stündlich. Es war aber auch der Druck von HRC, der dem jungen Franzosen zu schaffen machte, Honda hatte große Pläne mit ihm, die jedoch im Sande verliefen.

Nach dem Reinfall mit Leopard, wo Technikchef Christan Lundberg von einem Desaster sprach, wurde Quartararo vom zweifachen 250-ccm-Weltmeister Sito Pons für die Moto2-WM 2017 unter die Fittiche genommen. Es war von einem Drei-Jahres-Vertrag für die Moto2-WM die Rede.

Doch auch bei Pons fand der Franzose nicht die gewünschte Nestwärme. Er klagte eine Weile lang, er müsse mit einem verbogenen Chassis fahren. Der sparsame Pons hatte damals nicht genug Sponsoren, seine spanischen Geldgeber bevorzugten spanische Fahrer. Auch der berühmte Crew-Chief Santi Mulero konnte nicht das Maximum aus Fabio Quartararo herauskitzeln.

Am Saisonende trennten sich die Wege, der Drei-Jahres-Vertrag wurde aufgelöst. Speed-up-Teambesitzer Luca Boscoscuro schenkte Fabio für 2018  das nötige Vertrauen, hier fand er die gewünschte familiäre Atmosphäre, die ihn jetzt auch bei Petronas-Yamaha umweht und beflügelt. Der Moto2-Fahrer siegte in Catalunya, schaffte Platz 2 in Assen, bekam dann den Yamaha-Vertrag und siegte in Motegi 2018 noch einmal. Doch dieser Sieg wurde gestrichen, weil sein Hinterreifen nach dem Rennen nicht 1,5 bar Luftdruck hatte, sondern 0,05 bar zu wenig.

Fabio hat an Reife gewonnen

2019 im ersten MotoGP-Jahr bei Petronas-Yamaha wurde deutlich: Mit 20 Jahren hatte Quartararo stark an Reife gewonnen, sein überragendes fahrerisches Talent ist sowieso nie in Frage gestellt worden. Dazu wirkt er heute freundlich, unkompliziert, für seine Alter sehr erwachsen, sehr abgeklärt. 

Seit einem Jahr sorgt der Wunderknabe aus Frankreich, den sie bereits «Fast Fabio» nennen und der auf der Rückseite seines Leders «Il Diabolo» stehen hat, mit seiner privaten Yamaha Woche für Woche für Aufsehen.

Die Behauptung mancher Besserwisser, Quartararo fahre Rossi und den anderen Yamaha-Kollegen sogar mit einer 2018-Gebraucht-Yamaha um die Ohren, ist jedoch falsch. «Alle vier Yamaha-Fahrer verfügen über Motorräder des Jahrgangs 2019, die Unterschiede sind sehr gering», versicherte Yamaha-Renndirektor Lin Jarvis in Assen 2019 im Gespräch mit SPEEDWEEK.com.

Aber später stellte sich heraus: Der Franzose durfte seinen Motor um 500/min weniger drehen als das Werksteam, damit aus Kostengründen nur fünf statt sieben Motoren in der Saison verheizt werden. Erst im Oktober wurde diese Vorgabe gestrichen.

Razlan Razali, Teamprinzipal bei Petronas Yamaha und gleichzeitig CEO des Sepang Circuit, war von seinem Schützling hingerissen. «Dieser Junge ist einfach etwas Besonderes… Mit 20 Jahren und als Rookie in der MotoGP hat er uns 2019 gleich sechs Pole-Positions und sieben Podestplätze beschert», frohlockte Razali.

Der erhoffte GP-Sieg 2019 blieb zwar aus, Márquez war zu überragend. «Auf den Power-Strecken wie Brpünn oder Spielberg hatte Fabio keine Chance gegen Marc. «Wir haben dann auf einen Sieg in Misano gehofft, aber knapp verloren„», sagt razali.

Der Malaysier Razali ging vor einem Jahr ein enormes Risiko ein, als er Fabio neben Franky Morbidelli für die M1-Yamaha verpflichtete. Viele Journalisten verstanden nicht, warum er nicht Pedrosa, Lorenzo oder Bradley Smith nahm. Aber Dani wollte keine Rennen mehr fahren, Lorenzo hatte bei HRC ein besseres Angebot, Smith hat seine Chance bei Yamaha schon vier Jahre lang gehabt – von 2013 bis 2016 beim Tech3-Team.

Übrigens: Nach dem Mugello-GP, bei dem er «nur» auf Platz 10 landete, entschloss sich Fabio zu einer «arm pump»-Operation. Seither hat er das Podest quasi gepachtet. Nach Platz 2 in Assen kühlte er das Handgelenk noch mit einem Eisbeutel.

Auch Fabios Crew-Chief Diego Gubellini, er war 20 Jahre bei Gresini, ist hellauf begeistert. «Mein Junge hat ein heldenhaftes Rennen abgeliefert», frohlockte der Italiener nach so manchem Podestplatz im Vorjahr.

Am Abend nach dem Sepang-Test wirkte Gubellini zuversichtlch und zufrieden. «Fabio ist am Samstag beim ersten Testtag mit der 2020-Werks-Yamaha bald gut zurechtgekommen. Und er hat sich jetzt auch in der Rennpace gesteigert. Gegenüber dem Malaysia-GP 2019 um bis zu fünf Zehntelselunden.»

Beim Argentinien-GP 2019 erzählte Teammanager Wilco Zeelenberg noch: «Wir haben Fabio den ganzen Winter darauf vorbereitet, dass er sich als Rookie in der ersten Saisonhälfte mit den letzten Plätzen in diesem starken Feld abfinden muss.»

MotoGP-IRTA-Test Sepang, Sonntag, 9. Februar:

1. Fabio Quartararo, Yamaha, 1:58,349 min
2. Cal Crutchlow, Honda, 1:58,431 min, + 0,082 sec
3. Alex Rins, Suzuki, 1:58,450, + 0,101
4. Francesco Bagnaia, Ducati, 1:58,502, + 0,153
5. Valentino Rossi, Yamaha, 1:58,541, + 0,192
6. Danilo Petrucci, Ducati, 1:58,606, + 0,257
7. Pol Espargaró, KTM, 1:58,610, + 0,261
8. Jack Miller, Ducati, 1:58,616, + 0,267
9. Aleix Espargaró, Aprilia, 1:58,694, + 0,345
10. Joan Mir, Suzuki, 1:58,736, + 0,387
11. Miguel Oliveira, KTM, 1:58,764, + 0,415
12. Marc Márquez, Honda, 1:58,772, + 0,423
13. Franco Morbidelli, Yamaha, 1:58,838, + 0,489
14. Andrea Dovizioso, Ducati, 1:58,859, + 0,510
15. Johann Zarco, Ducati, 1:58,951, + 0,602
16. Alex Márquez, Honda, 1:59,042, + 0,693
17. Brad Binder, KTM, 1:59,104, + 0,755
18. Maverick Viñales, Yamaha, 1:59,169, + 0,820
19. Tito Rabat, Ducati, 1:59,549, + 1,200
20. Jorge Lorenzo, Yamaha, 1:59,697, + 1,348
21. Bradley Smith, Aprilia, 1:59,841, + 1,492
22. Takaaki Nakagami, Honda, 1:59,860, + 1,511
23. Iker Lecuona, KTM, 1:59,898, + 1,549
24. Sylvain Guintoli, Suzuki, 2:00,100, + 1,751
25. Mika Kallio, KTM, 2:00,148, + 1,799

MotoGP-IRTA-Test Sepang, kombinierte Zeitenliste:

1. Fabio Quartararo, Yamaha, 1:58,349 min
2. Cal Crutchlow, Honda, 1:58,431 min, + 0,082 sec
3. Alex Rins, Suzuki, 1:58,450, + 0,101
4. Francesco Bagnaia, Ducati, 1:58,502, + 0,153
5. Valentino Rossi, Yamaha, 1:58,541, + 0,192
6. Danilo Petrucci, Ducati, 1:58,606, + 0,257
7. Pol Espargaró, KTM, 1:58,610, + 0,261
8. Jack Miller, Ducati, 1:58,616, + 0,267
9. Dani Pedrosa, KTM, 1:58,662, + 0,313
10. Aleix Espargaró, Aprilia, 1:58,694, + 0,345
11. Joan Mir, Suzuki, 1:58,731, + 0,382
12. Miguel Oliveira, KTM, 1:58,764, + 0,415
13. Marc Márquez, Honda, 1:58,772, + 0,423
14. Franco Morbidelli, Yamaha, 1:58,831, + 0,482
15. Andrea Dovizioso, Ducati, 1:58,859, + 0,510
16. Maverick Viñales, Yamaha, 1:58,893, + 0,544
17. Johann Zarco, Ducati, 1:58,951, + 0,602
18. Alex Márquez, Honda, 1:59,042, + 0,693
19. Brad Binder, KTM, 1:59,104, + 0,755
20. Tito Rabat, Ducati, 1:59,549, + 1,200
21. Jorge Lorenzo, Yamaha, 1:59,697, + 1,348
22. Bradley Smith, Aprilia, 1:59,841, + 1,492
23. Takaaki Nakagami, Honda, 1:59,860, + 1,511
24. Iker Lecuona, KTM, 1:59,898, + 1,549
25. Sylvain Guintoli, Suzuki, 2:00,100, + 1,751
26. Mika Kallio, KTM, 2:00,148, + 1,799
27. Lorenzo Savadori, Aprilia, 2:03,150, + 4,801
28. Takuya Tsuda, Suzuki, 2:03,674, + 5,325

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