Hervé Poncharal: «Müssen jede GP-Gelegenheit nutzen»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Hervé Poncharal (links) fiebert dem ersten MotoGP-Rennen 2020 entgegen

Hervé Poncharal (links) fiebert dem ersten MotoGP-Rennen 2020 entgegen

Der französische Teambesitzer Hervé Poncharal rechnet 2020 noch mit zehn Grand Prix in Europa und Übersee. Im Interview mit SPEEDWEEK.com sagt er: «Wir wollen endlich Rennen fahren.»

Die insgesamt 42 Motorrad-GP-Teams aus den drei Klassen blicken gespannt in die Zukunft, die allerschlimmste Phase der Coronakrise ist vorbei, die Zeit der völligen Ungewissheit liegt hinter uns, die Lockerungsmaßnahmen werden in allen europäischen Ländern wirksam, selbst in den heftig betroffenen Ländern wie Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien scheint der Höhepunkt der Infektionswelle überwunden zu sein. In Italien wurden gestern noch 1872 neue Infektionsfälle gemeldet, ein so niedriger Wert wurde seit 9. März nicht mehr erreicht. Und die Anzahl der Todesfälle sank auf 285. Der schlimmste Tag in Italien war der 27. März mit nicht weniger als 919 Corona-Opfern.

Red Bull KTM-Tech3-Teambesitzer Hervé Poncharal sagt jetzt: «Wenn die Formel 1 am 5. Juli in Österreich fahren will, sehe ich keinen Grund, warum uns das mit der MotoGP nicht Ende Juli oder im August auch gelingen soll.»

Der Franzose fungiert seit 2006 auch als Präsident der Teamvereinigung IRTA und ist gemeinsam mit den IRTA-Funktionären mit der Erstellung eines «closed doors protocol» beteiligt, das Geisterrennen mit einer verringerten Anzahl von Personen im GP-Fahrerlager ermöglichen soll. Zu den Maßnahmen gehören auch konstante SARS-CoV-2-Tests. Dorna-Großaktionär Bridgepoint bemüht sich auf dem Weltmarkt um den Ankauf von 10.000 Testkits.

Poncharal kann sich momentan durchaus vorstellen, dass in diesem Jahr noch zehn Grand Prix zustande kommen.

Spielberg/Österreich und Brünn/Tschechien sind wegen der in diesen Ländern stark eingedämmten Pandemie die Hoffnungsträger für den Saisonstart. «Zwei Rennen pro Klasse auf derselben Piste ist eine Möglichkeit, die in unseren Überlegungen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besitzt», sagte Poncharal gegenüber SPEEDWEEK.com. «Manche Leute würden gern Sonntag und Mittwochrennen fahren, andere plädieren für Sonntag, dann ein paar Tage Pause, am Sonntag das nächste Rennen am selben Schauplatz. Bisher herrscht hier keine Klarheit. Meine persönliche Meinung: Ich bevorzuge die Lösung mit jeweils Rennen am Sonntag und dem folgenden Sonntag. Dann haben die Fahrer eine kurze Verschnaufpause, die Teams auch. Abe darüber wird noch diskutiert. Es besteht noch keine Einigkeit.»

Dorna-CEO Carmelo Ezpeleta rechnet momentan mit 1600 nötigen Fahrerlager-Insassen; Poncharal möchte die Anzahl auf 1100 oder sogar darunter drücken. Den Teams werden 725 Tickets zugebilligt: 25 für jedes MotoGP-Privatteam, 40 für die Werksteams, je zwölf für die Zwei-Fahrer-Teams in den Klassen Moto2 und Moto3. Als einziges Team hat Avintia-KTM in der Moto3-WM nur einen Fahrer.

Was die weitere Auswahl der GP-Strecken betrifft, herrscht vorläufig noch viel Ungewissheit. Kann nach dem August in Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien gefahren werden?

«Wir sind bereit, alle Möglichkeiten zu studieren», betont IRTA-Chef Poncharal.

Aber vorläufig können die Rennstreckenbetreiber in den genannten Ländern nicht abschätzen, welchen Maßnahmenkatalog ihre Behörden für internationale Sportveranstaltungen vorschreiben, sobald die Pandemie eingedämmt worden ist.

«Es gibt natürlich Kontakt zu den Rennstrecken-Betreibern in Europa. Aber welche von ihnen im September oder Oktober einen Grand Prix abwickeln können, weiß ich nicht», räumt Poncharal ein. «Ich kann nicht vorausahnen, wie es mit den Infektionsraten weitergeht und was die Regierungen dann verordnen. Wenn die Menschen überall vernünftig bleiben und sich brav an die Vorschriften halten, können wir vielleicht eine positive Überraschung erleben. Wie in Österreich. Aber es kann auch passieren, dass in manchen Ländern in zwei Monaten der nächste Lockdown kommt. Niemand kann das vorhersehen. Man muss weiter vorsichtig bleiben und die Lockerung mit Augenmaß vorantreiben. Österreich muss als unglaubliches Vorbild für uns alle gelten. Dieses Land zeigt uns, dass man mit der richtigen Mentalität rasch Fortschritte erzielen kann. Ich hoffe, dass wir uns auch in Frankreich bald freier bewegen können und auch die Freunde in Italien und Spanien bald wieder mehr Freiheit bekommen. Vielleicht werden die Menschen weiter Angst haben und sich deshalb vorsichtig verhalten. Dann können wir uns große Hoffnungen auf einen vernünftigen Saisonverlauf machen. Aber wenn zu viele Menschen verrückt spielen, riskieren wir eine zweite Infektionswelle.»

Dazu muss in den nächsten Wochen ein Gerüst für den neuen Kalender ausgetüftelt werden – samt Reisen nach Übersee.

Nach Mitte Oktober oder November werden wohl WM-Rennen in Malaysia und Thailand ins Auge gefasst, notfalls bis tief in den Dezember hinein. Texas wird wegen der vielen Toten in den USA nicht in Frage kommen. Argentinien beklagt bisher nur 218 Tote und meldet nur 2984 akute Corona-Fälle. Dort könnte ein WM-Lauf durchaus in die Tat umgesetzt werden.

«Ich denke, die Zentren der Infektionsraten liegen in Europa und in den USA», sagt Poncharal. «Wenn uns im August, September und Oktober einige Rennen in Europa gelingen, warum sollten wir uns dann nicht über einige Grand Prix im November und in der ersten Dezemberhälfte in Übersee Gedanken machen? Es gibt auch in Asien einige Staaten, die vom Virus nicht stark befallen wurden. Wir müssen offen bleiben und alle Gelegenheiten in Betracht ziehen. Wir müssen bei den Terminen flexibel bleiben und jede Möglichkeit beim Schopf packen.»

«Blenden wir zurück», meint der Teamchef. «Vor vier Wochen hätte niemand mit einem Formel-1-GP am 5. Juli in Österreich gerechnet. Inzwischen ist das ein konkreter Plan. Deshalb schlage ich vor, wir unterhalten uns in vier oder fünf Wochen wieder neu über dieses Thema. Wenn wir dann wieder eine Konversation führen, werden wir viel klarer sehen. Heute ist es ein bisschen zu früh, um konkrete Pläne für die nächsten Monate zu schmieden. Das einzige Land, das in der Lage ist demnächst einen Grand Prix abzuwickeln, ist Österreich. Auch Brünn können wir uns konkret anschauen. Die Situation sieht dort gut aus. Carmelo Ezpeleta kümmert sich um den Kalender, er hat die Terminplanung unter Kontrolle.»

Nachsatz von Poncharal: «Wir wollen endlich wieder ein MotoGP-Rennen abwickeln.»

Seit dem letzten Kräftemessen in der Königsklasse in Valencia sind nämlich bald sechs Monate vergangen.

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