Hervé Poncharal (Tech3): «Zehn Rennen sind möglich»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Hervé Poncharal: Die Zuversicht steigt

Hervé Poncharal: Die Zuversicht steigt

Red Bull-KTM-Teamchef und IRTA-Präsident Hervé Poncharal schöpft neue Hoffnung. «Wenn die Formel 1 im Juli fährt, spricht nichts dagegen, dass die MotoGP im August wieder auftritt», ist der Franzose überzeugt.

Das französische Red Bull-KTM-Tech3-Team beteiligt sich an drei Rennserien (MotoGP, Moto3 und MotoE) und beschäftigt insgesamt 40 Mitarbeiter. Teambesitzer Hervé Poncharal (62) kann vorläufig wie alle anderen Teamverantwortlichen nicht genau abschätzen, wann wieder Grands Prix ausgetragen werden können. Er hofft aber nach den jüngsten Informationen im Zusammenhang mit dem Formel-1-GP in Österreich (zwei Rennen geplant für 5. und 12. Juli) auf eine Rückkehr auf die MotoGP-Pisten im August. «Ich bin jetzt wieder deutlich zuversichtlicher als vor drei oder vier Wochen», stellte der Franzose fest, der seit 2006 auch Präsident der Teamvereinigung IRTA ist und somit als einflussreichster Funktionär im Fahrerlager neben Dorna-CEO Carmelo Ezpeleta gilt.

«Momentan halten sich alle 40 Mitarbeiter daheim auf», stellte Poncharal im Gespräch mit SPEEDWEEK.com fest. Er hat in mehr als 20 Jahren im GP-Sport schon viele Krisen erlebt, aber noch keine von diesem Ausmaß. Tschernobyl, Vulkanausbruch in Island, Atomunfall in Fukushima in Japan, Kriege um die Falklandinseln 1981, in Ex-Jugoslawien oder im Irak, Weltwirtschaftskrise vom September 2008 – nichts davon ist mit der Corona-Katastrophe vergleichbar, die in Frankreich bereits die unfassbare Anzahl von 23.660 Todesopfern gefordert hat; allein gestern immer noch 367!

In der Formel 1 soll das Comeback der Rennserie mit Hilfe von Corona-Bluttests vonstatten gehen. Alle 2000 zugelassenen Teammitglieder und Paddock-Insassen sollen konstant getestet werden, am besten auch die jeweiligen Familienmitglieder. Dann gelten die Abstandsregeln nicht, wie auch bei den Spielern in den großen europäischen Fußball-Ligen. Die Hygienevorschriften werden natürlich eingehalten, auch das Maskentragen in gewissen Bereichen der Boxen oder im Fahrerlager.

Poncharal betreibt zwei Red Bull KTM-Teams in den Klassen Moto3 (Deniz Öncü, Sasaki) und MotoGP (Oliveira, Lecuona) und ist deshalb erstklassig über die Zustände und die erfolgreichen Lockerungsmaßnahmen in Österreich informiert.

Poncharal weiß auch, dass Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz im Juli die Grenzen zu Deutschland, Tschechien und zur Slowakei öffnen will, weil diese Länder ebenfalls nur mäßig vom Virus heimgesucht wurden. Es wird sogar über einen Korridor von Tschechien über Österreich für die tschechischen Urlauber nach Kroatien verhandelt, um den Nachbarn einen Urlaub am Meer zu ermöglichen.

Poncharal: «Vielleicht können wir diesen Korridor nutzen, um von Brünn nach Spielberg zu kommen.»

Fakt ist: Wenn alle ca. 1000 MotoGP-Fahrerlager-Kandidaten negativ auf den SARS-CoV-2-Virus getestet werden, gelten bei der Einreise keine Quarantänebestimmungen.

Die Dorna bemüht sich inzwischen um den Ankauf von 20.000 Testkits.

«Die Österreicher haben bei der Eindämmung des Virus wirklich sehr ausgezeichnete Arbeit geleistet», sagt Poncharal anerkennend. «Natürlich ist es ein kleineres Land, das kann hilfreich sein.»

Die MotoGP-Manager beobachten jetzt sehr aufmerksam, wie die Formel 1 bei der Planung für den Österreich-GP zurechtkommt.

«Wenn die Formel 1 alle Teammitglieder konstant testet und alle Ergebnisse negativ sind, wenn dann alle Personen Abstand zu den anderen Teams halten, kann die Ansteckungsgefahr sehr stark oder sogar komplett eingeschränkt werden», ist Poncharal überzeugt. «Wenn in der MotoGP alle Teammitglieder negativ getestet werden, spielt der Pass und das Herkunftsland keine Rolle. Mit einem Gesundsheitsattest dürfen auch die Spanier, Italiener und Franzosen nach Österreich oder Tschechien einreisen.»

Teambesitzer Hervé Poncharal will sich aber vorläufig nicht auf einen möglichen MotoGP-Re-Start im August festlegen. Denn die Dorna muss alle Auflagen der jeweiligen Regierungen und Gesundheitsbehörden befolgen. Und in Österreich wurde zuletzt zum Beispiel noch von der Ausübung von Risikosportarten abgeraten, man wolle die Intensivbetten lieber für Covid-19-Patienten bereithalten, hieß es.

«Nicht alles was nicht ausdrücklich verboten ist, ist auch vernünftig», erklärte Österreichs Innenminister Nehammer gestern. Er appellierte wie immer an die Eigenverantwortung der Bevölkerung.

«Alle Beteiligten haben den Willen, wieder an die Rennstrecke zurückzukehren», sagt Poncharal. «Das gilt für Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta, für die Teams, für die Hersteller, für die Fahrer und so weiter. Alle machen Druck, alle wollen Rennen fahren. Das ist ja der Grund, warum wir hier sind. Sobald wir wieder Wettbewerbe bestreiten, wird das für die ganze Motorradindustrie sehr hilfreich sein und sie wieder ankurbeln. Aber wir kontrollieren die Lage nicht. Wir müssen uns an die Maßnahmen und Vorschriften halten.»

«Deshalb arbeiten wir an einem 'closed door protocol', also mit einem MotoGP-Szenario ohne Zuschauer», verriet Poncharal heute im Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «In Ländern wie Frankreich ist das Schlimmste noch nicht vorbei. Trotzdem bereiten wir den Neustart vor. Ich bin überzeugt, dass wir mit weniger Leuten als die Formel 1 wieder Rennen fahren können. Wir versuchen es mit 1000 Personen, eventuell brauchen wir 1100, genau können wir es noch nicht sagen. Die Zielsetzung liegt auf jeden Fall bei 1000.»

Der MotoGP-Krisenstab weiß, dass in vielen Belangen Kompromisse akzeptiert werden müssen. Sollen die Motorhomes der Stars im Paddock erlaubt sein? Wie soll das Catering gestaltet werden? Wie können die Teams in Hotels untergebracht werden?

Geoff Dixon, der Paddock Manager der Teamvereinigung IRTA, tüftelt seit Wochen an verschiedenen Konzepten für die neue Fahrerlagerordnung. «Geoff hat alle Hände voll zu tun, um dieses neue Protokoll auszuarbeiten. Aber ich nehme an, der österreichische Formel-1-GP wird vor dem ersten MotoGP-Rennen 2020 stattfinden», meint Poncharal. «Sie planen für Juli, wir für August. Wir sind neugierig, wie sie mit ihren Plänen vorankommen und wie Österreich als Land und der Red Bull Ring als Rennstrecke die neuen Herausforderungen bewerkstelligen. Ich will Carmelo Ezpeleta nicht vorgreifen, denn er ist für den Kalender zuständig. Aber wenn es der Formel 1 gelingt, am 5. Juli auf die Rennstrecke zu gehen, sehe ich keinen Grund, warum uns das nicht im August gelingen sollte. Ich gehe davon aus, dass wir dann bis zum Saisonende noch zehn Grand Prix zustandebringen können.»

Der aktuelle Motorrad-GP-Kalender 2020

08. März: Doha/Q (ohne MotoGP)
09. August: Brünn/CZ
16. August: Red Bull Ring/A
30. August: Silverstone/GB
13. September: Misano/I
27. September: Aragón/E
04. Oktober: Buriram/TH
18. Oktober: Motegi/J
25. Oktober: Phillip Island/AUS
01. November: Sepang/MAL
15. November: Texas/USA
22. November: Las Termas/AR
29. November: Valencia/E

Ohne neues Datum: Jerez/E, Le Mans/F, Mugello/I und Barcelona/E

Abgesagt: Sachsenring/D, Assen/NL und KymiRing/FIN

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