Andrea Dovizioso: Ist es ein GP-Abschied für immer?

Kolumne von Günther Wiesinger
Andrea Dovizioso plant eine MotoGP-Rückkehr 2022. Dann wäre er 36 Jahre alt. Da alle Werke bei den Teams Verjüngungskuren machen, könnte Dovis Comeback eine Illusion bleiben.

Ob sich Ducati Corse mit der offenbar von langer Hand geplanten Trennung von Andrea Dovizioso einen Gefallen getan hat, wird sich zeigen. Die Ducati-Manager Claudio Domenicali und Gigi Dall’Igna haben den Italiener jedenfalls so oft und so lange brüskiert, bis ihm der Geduldsfaden riss und er angesichts des Vertrauensverlusts durch die Teamführung sogar die Arbeitslosigkeit vorzog.

Zum jetzigen Zeitpunkt darf man vermuten: Es gibt in diesem Zerwürfnis keinen Gewinner. Denn Ducati hat im sechsköpfigen Aufgebot für 2021 (Miller & Bagnaia im Werksteam, Zarco & Jorge Martin bei Pramac, Bastianini und Marini bei Esponsorama Avintia) keinen gleichwertigen Ersatz für den verlässlichen Dovi, der in acht Ducati-Jahren in der WM-Tabelle sieben Mal als bester Desmosedici-Pilot abschloss. Nur 2015 lag Andrea Iannone 26 Punkte vor ihm.

Und Dovi steht ohne Vertrag vor einem Sabbatical, und ob er in einem Jahr mit 35 Jahren noch einen Vertrag bekommen wird, das bezweifeln die meisten Experten, die SPEEDWEEK.com zu diesem Thema befragt hat.

Denn die Möglichkeiten auf einen Stammfahrervertrag 2022 werden gering sein. Ducati fällt ja für eine Rückkehr aus, Aprilia Racing wegen der geringen Budgets ebenfalls; Yamaha hat Crutchlow neu als Testfahrer engagiert. Als Stammfahrer wird Dovi dort für 2022 kaum in Frage kommen, gegen Quartararo und Viñales, die Verträge bis Ende 2022 haben, und gegen Morbidelli, der zuletzt alle Yamaha-Kollegen überstrahlt hat. Und wenn Rossi nach 2021 aufhört, wird Petronas-Yamaha ein neues Talent ins Junior-Team holen – wie 2019 mit Qartararo und Morbidelli.

Bei KTM ist Dovi 2020 bereits zweimal abgeblitzt. Im Frühjahr, als es um die Nachfolge von Pol Espargaró ging und er Firmenchef Stefan Pierer mit einer Gagenforderung von 4 Millionen Euro erzürnte. Dazu wünschte sich «Dovi» von KTM Serienmaterial für die regionale Motocross-Meisterschaft in Italien und Hilfe bei der Abstimmung. «Das wäre der leichteste Tel dieser Nummer gewesen», erinnert sich Pit Beirer.

Im Oktober fand noch einmal ein Gespräch zwischen Battistella und Pit Beirer statt, diesmal ging es um einen Testfahrervertrag. Doch KTM hatte sich längst wieder mit Dani Pedrosa und Mika Kallio geeinigt, Dovi kam zu spät. Er hatte offenbar zu lange mit Aprilia, Suzuki, Yamaha und Honda verhandelt und damit den Zeitpunkt verpasst, als Pedrosas Vertrag wegen unterschiedlichen finanziellen Vorstellungen noch nicht unterzeichnet war.

Dovi: In der Coronakrise verpokert

Dovi und Battistella wird jetzt nachgesagt, sie hätten die Preislage für die Fahrergage 2021 in der Coronakrise falsch eingeschätzt und sich deshalb aus dem Teilnehmerfeld katapultiert.

Dovi sollte bei Ducati ursprünglich für 2020 erstmals eine Gage von ca. 4 Millionen bekommen, verständlich nach drei Vizeweltmeisterschaften und 14 Ducati-Siegen in vier Jahren. Aber er musste dann auf einen Großteil verzichten – wegen Corona und weil es nur 14 statt 20 Rennen gab.

Also wollte er weg. Aber dann platzte zuerst der Deal mit Repsol-Honda, Pol Espargaró bekam den Vorzug (fünf Jahre jünger und dafür preiswerter), auch Red Bull-KTM sagte «No», bei Ducati wurde die Situation unerträglich, Suzuki machte mit Rins und Mir weiter, auch bei Yamaha war kein Platz. Ducati wusste: Nur bei uns findet Andrea ein Sieger-Motorrad für 2021. Also wurde er hingehgalten – bis der Fahrer die Schnauze voll hatte.

Jetzt scheint Dovi leider das Jorge Lorenzo-Schicksal zu drohen, falls Marc Márquez nicht wirklich noch einmal für längere Zeit ausfällt. Lorenzo löste vor einem Jahr seinen hochdotierten HRC-Vertrag frühzeitig auf, unterschrieb dann bei Yamaha als Testfahrer und pokerte im Frühjahr 2020 mit einer Rückkehr zu Ducati. Doch erstens war er zu teuer, zweitens seit zwei Jahren erfolglos. Am Ende verlor der Mallorquiner den Yamaha-Job an Crutchlow. Und Plan B ist mit Aprilia auch gescheitert. Dabei ist Lorenzo drei Jahre jünger als Dovizioso, und er hat 2010, 2012 und 2015 drei MotoGP-WM-Titel gewonnen, Dovi keinen.

Diese Situation erinnert mich an den Le-Mans-GP 2012, wo Casey Stoner seinen Rücktritt bei Repsol-Honda per Saisonende verkündete. HRC suchte dann einen jungen Fahrer als Nachfolger. Rossi wurde damals mit 33 Jahren keine Sekunde in Betracht gezogen. «Die Nachfolgerin von Sharon Stone ist nicht Sharon Stone», bemerkte Teamchef Livio Suppo. Honda entschied sich für Marc Márquez.

So wie sich Ducati jetzt zu einer Verjüngungskur entschieden und mit Marini, Marini und Bastianini drei Moto2-Talente verpflichtet hat, zwei davon waren schon Weltmeister.

Dovizioso und Manager Simone Battistella haben bisher keine Schmutzwäsche gewaschen, aber die Hintergründe der Trennung von Ducati sind bekannt. Ducati hat Lorenzo 2017 und 2018 zwei Jahre lang die zehnfach Gage von Dovi bezahlt und wollten den Mallorqiner sogar im Sommer 2019 zurückholen, dann im Frühjahr 2020 noch einmal. Und nach Dovis Kritik an den ungelösten Problemen an der Ducati in Sachsen 2019 fiel der Routinier bei den Roten in Ungnade.

Nur zwischen den Zeilen war bei Dovi immer wieder Kritik durchzuhören. «Am Motorrad hast sich gegenüber 2019 außer den Reifen nichts geändert» sagte er in diesem Jahr. Dass Johann Zarco mit der 2019-Ducati oft schneller war als die vier GP20-Piloten, unterstreicht diese Behauptung.

Es wäre schade, wenn Dovis Karriere jetzt so glanzlos zu Ende ginge.

Nur der unvergleichliche Rossi (115 GP-Siege, neun WM-Titel) wird bei Yamaha im hohen Alter noch verehrt und mit Verträgen verwöhnt. Wegen seiner immensen Popularität, die auch nach elf WM-titellosen Jahren noch nicht gelitten hat.

Aber KTM baut zum Beispiel mit Remy Gardner und Raúl Fernandez bereits die nächsten Talente für die MotoGP-Klasse auf.

Und nach dem gescheiterten Experiment mit Zarco setzt Red Bull KTM künftig ganz auf die Schützlinge aus dem Red Bull Rookies- Cup und der KTM MotoGP Academy.

Alle Werke suchen den nächsten Marc Márquez. Die Nachfrage nach überteuerten 36-Jährigen hält sich in Grenzen.

Die MotoGP-Karriere von Andrea Dovizioso

2008: WM-5. auf SCOT-Honda, 174 Punkte
2009: WM-6. auf Repsol-Honda, 160 Punkte, 1 GP-Sieg
2010: WM-5. auf Repsol-Honda, 206 Punkte
2011: WM-3. auf Repsol-Honda, 228 Punkte
2012: WM-4. auf Tech3-Yamaha, 218 Punkte
2013: WM-8. auf Ducati, 140 Punkte
2014: WM-5. auf Ducati, 187 Punkte
2015: WM-7. auf Ducati, 162 Punkte
2016: WM-5. auf Ducati, 171 Punkte, 1 GP-Sieg
2017: WM-2. auf Ducati, 261 Punkte, 6 GP-Siege
2018: WM-2. auf Ducati, 245 Punkte, 4 GP-Siege
2019: WM-2. auf Ducati, 269 Punkte, 2 GP-Siege
2020: WM-4. auf Ducati, 135 Punkte, 1 GP-Sieg

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