Von Read bis Márquez: Teamkollegen aus der Hölle

Kolumne von Michael Scott
Das aktuelle Repsol-Honda-Duo: Marc Márquez und Pol Espargaró

Das aktuelle Repsol-Honda-Duo: Marc Márquez und Pol Espargaró

Der erste Gegner ist immer der Teamkollege. Das mag ein Klischee sein, aber – wie die meisten Klischees – ist es auch im Falle von MotoGP-Champions tatsächlich wahr.

Andere Gegner verfügen über andere Maschinen mit anderen Eigenschaften. Da kann man manchmal nichts machen. Aber der Teamkollege sitzt auf dem exakt selben Bike. Es gibt also keine Ausreden.

Es gibt aber einiges an Spielraum, wenn es darum geht, das Wort «schlagen» zu interpretieren. Auf WM-Niveau bleibt für die Erfolgreichsten kein Platz für Freundlichkeiten.

«Jemanden zu schlagen» bedeutet viel mehr als die karierte Flagge als Erster zu erreichen. In manchen Fällen besteht kein Zweifel daran, welcher der zwei Boxengefährten der Ranghöchste ist. Wenn jeder seine Rolle akzeptiert, ist sogar eine Freundschaft vorstellbar.

Normalerweise ist es – angesichts der wettstreitenden Charaktere jener, die es bis auf dieses Niveau des Rennfahrens geschafft haben – aber nicht so. Der herausragende Glaube an sich selbst geht Hand in Hand mit dem Drang, das auch zu beweisen. Die Regeln sind einfach.

Der Teamkollege muss mental zermürbt werden. Gedemütigt, ignoriert, in Verlegenheit gebracht und ins Abseits gedrängt werden. Dafür gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Falsche Freundschaft gefolgt von Verrat ist eine bevorzugte Variante. Hinterhältige Angriffe eine andere. All das, was funktioniert.

Richtig ausgeführt wird der Kollege geschlagen sein, noch bevor das Rennen beginnt.

Bis dahin hat ein echter Meister dieser Kunst dafür gesorgt, dass sein Motorrad, wenn auch offiziell dasselbe, doch um einige Schritte besser ist.

Nur wenn der Teamkollege keine Gefahr mehr darstellt, können Frieden und Jovialität einkehren. Oberflächlich betrachtet zumindest.

In der Geschichte des Rennfahrens gibt es viele Fahrer, die sich zurecht den Titel «Teamkollege aus der Hölle» verdient haben. Nur wenige mehr als die zwei Bastionen des britischen Fairplays, Phil Read und Barry Sheene.

Der siebenfache Champion Read trickste seinen Teamkollegen im Yamaha-Werksteam, Bill Ivy, 1968 in der 250er-WM so zynisch aus, dass viele Ivys fatalen Crash im Jahr 1969 auf sein brennendes und nicht gestilltes Verlangen nach Rache schieben.

Read pfiff kurzerhand auf die Stallorder, denn – wie er mir Jahre später erzählte: «Ich hatte verstanden, dass sich Yamaha am Ende des Jahres ohnehin aus dem GP-Sport zurückziehen würde.» Warum also noch Vorgaben befolgen?

Bei MV Agusta untergrub Read dann den langjährigen Primus Giacomo Agostini so erfolgreich, dass sich «Ago» gezwungen sah zu gehen. Dem Italiener gelang aber ein gewisses Maß an Vergeltung, als er Yamaha 1975 zum ersten Zweitakt-500er-Titel führte – vor Reads MV Agusta.

Sheene seinerseits demontierte eine Reihe von Möchtegerns bei Suzuki. Seine Intelligenz, sein Charm und sein Einfluss auf die Presse machten es einfach, sie persönlich zunichte zu machen. Mit seinem starken Charakter und seiner unermüdlichen Aufmerksamkeit sicherte er sich Jahr für Jahr das beste Motorrad für sich selbst.

Die größte Herausforderung stellte der Amerikaner Pat Hennen da, von dem Sheene sagte: «Wenn du nur Peanuts zahlst, bekommst du einen Affen.»

1978 lag Pat nach den ersten fünf Rennen fünf Punkte vor Barry, auch wenn der spätere Weltmeister Kenny Roberts noch einmal acht Zähler mehr auf dem Konto hatte. Leider erlitt Hennen bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man karriereendende Verletzungen, ehe er beweisen konnte, dass dieser Affe Hörner hatte.

Keiner von ihnen war da, um Freunde zu finden. Genauso wenig ihre erfolgreichsten Nachfolger, allesamt lächelnde Attentäter. Serienweltmeister machen keine halben Sachen.

Wayne Rainey bewertete und ordnete alle seine Teamkollegen sorgfältig ein – und behandelte sie dementsprechend. Sein größtes Opfer war John Kocinski, der 1991 als 250er-Weltmeister sein Yamaha-Teamkollege wurde. Wayne machte sich von Anfang an daran, jeden seiner Schritte zu untergraben – und war erfolgreich damit.

Mick Doohan stellte sicher, dass seine Honda-Teamkollegen nie wirklich einen Stich bekamen. Es war nichts unverhohlenes, weil der fünffache Weltmeister über genug Talent verfügte. Es bestand gar keine Notwendigkeit für das Messerwetzen. Freundliche Ratschläge standen aber ganz sicher keine zur Debatte. Er vergab Alex Crivillé auch nie, dass der ihm 1996 knapp zwei Siege abgerungen hatte. Der Spanier musste warten, bis Micks Karriere vorbei war, ehe er 1999 den Titel gewinnen konnte.

Rossi, der sich wie Sheene seines Charms und seiner Medienaffinität bediente, zerstörte fachmännisch eine Serie von Rivalen auf anderen Bikes, allen voran Gibernau und Biaggi. Im Vergleich dazu waren seine Teamkollegen leichte Beute – bis Jorge Lorenzo kam, der sehr schnell war.

Valentinos feindliche Ablehnung war unverblümt. Er weigerte sich Daten zu teilen, er verlangte eine Trennwand in der Box – angeblich, weil sie auf unterschiedlichen Reifenmarken fuhren… Als sich das änderte, blieb die Mauer trotzdem stehen.

Zuletzt lachte Lorenzo. Rossi flüchtete zu Ducati, was den langsamen Niedergang des großen Champions einleiten sollte.

Jetzt ist es Pol Espargaró, der bei jeder Gelegenheit dezent von Márquez in die Ecke gerempelt wird. Informationen werden ungern geteilt, dazu kommt der Einfluss des achtfachen Weltmeisters bei Honda, der dafür sorgt, dass Marc die erste Wahl auf das bessere Bike hat – sei es (wie anfangs der Saison) ein älteres Modell oder nun eben die jüngste Weiterentwicklung.

Es ist keine Entschädigung, aber Pol sollte sich geschmeichelt fühlen. Zumindest wird er ernst genommen.

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