Les Graham: Mit 37 Jahren der erste 500er-Weltmeister

Von Thorsten Horn
Leslie Graham 1949 auf einer AJS 500

Leslie Graham 1949 auf einer AJS 500

MotoGP ist heutzutage die Königsklasse des Motorradsports, 2002 löste sie die 500er ab. Der erste Halbliter-Weltmeister war 1949 der Brite Les Graham, der am 14. September vor 110 Jahren geboren wurde.

1949 wurde vom Motorrad-Weltverband FIM die erste Motorrad-Straßen-Weltmeisterschaft ausgelobt. In den vier Solo-Klassen bis 125, 250, 350 und 500 ccm sowie bei den Seitenwagen wurden damals erstmals Titelträger gesucht. Drei davon sind Jahrgang 1911, würden also in diesem Jahr ihren 110. Geburtstag feiern. Der erste 350er-Weltmeister war Freddie Frith auf Velocette. Der Brite ist Jahrgang 1909 und damit der älteste. Der erste Seitenwagen-Weltmeister, der Brite Eric Oliver (mit seinem Landsmann Dennis Jenkinson im Boot), wurde am 13. April 1911 geboren. Und Nello Pagani, der erste 125er-Champion aus Italien, am 11. Oktober 1911. Am 14. September vor 110 Jahren war es Les Graham, der das Licht der Welt erblickte. Mit dem Geburtsjahr 1920 war der zum Zeitpunkt seiner ersten 250er-Weltmeisterschaft 28-jährige Italiener Bruno Ruffo der mit Abstand jüngste Weltmeister des Premierenjahres.

Robert Leslie «Les» Graham kam in Wallasey bei Liverpool im Westen Englands zur Welt. Nach seinen ersten Motorradrennen auf Speedwaybahnen bestritt er 1929 seine ersten Straßenrennen. In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre arbeitete er für den britischen Fahrrad- und Motorradhersteller OK-Supreme in Birmingham, für den er auch Rennen fuhr, allerdings mit überschaubaren Erfolgen. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er von dem ebenfalls in Birmingham ansässigen Hersteller Velocette und nach dem Wahnsinn von A.J.S. (A.J. Stevens & Co Ltd.) verpflichtet. Während des Krieges war Les Graham Pilot der Royal Air Force.

Nachdem in den Jahren 1947 und 1948 bei nur einem Rennen pro Jahr in Bern bzw. beim Ulster Grand Prix erstmals wieder Europameister gekürt wurden, kehrte der Motorrad-Weltverband 1949 zum 1938 und 1939 bereits angewandten Format einer aus mehreren Grand Prix bestehenden Rennserie zurück und nannte diese Motorrad-Weltmeisterschaft. Als erstes Rennen nutzte man passenderweise die damals schon legendäre Rennwoche Tourist Trophy auf der Insel Man. Am 13. Juni 1949 war es der Klasse bis 350 ccm, auf der Insel Junior-TT genannt, vorbehalten, den ersten Rennsieger bei einem WM-Lauf zu küren. Dieser war Freddie Frith auf einer Velocette. Das Rennen der 500-ccm-Klasse (Senior-TT) gewann nach einer Fahrzeit von etwas mehr als drei Stunden Harold Daniell auf einer Norton. Les Graham wurde auf einer AJS «Porcupine» (zu deutsch Stachelschwein, so genannt wegen der stachelartigen Kühlrippen am luftgekühlten Zweizylinder-Motor) unter den 35 im Ziel angekommenen Fahrern Zehnter, was in Sachen Weltmeisterschaft insofern brotlose Kunst war, weil nur die ersten fünf Punkte erhielten.

Im zweiten Rennen in Bern überfuhr Les Graham nach 1:26,15 Stunden als Erster die Ziellinie und hatte dabei über 1:20 Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten, den Italiener Arciso Artesiani. Bei der Dutch-TT in Assen wurde er hinter Nello Pagani Zweiter und in Spa-Francorchamps blieb er wieder ohne Punkte. Es gewann sein Stallgefährte und Landsmann William «Bill» Doran. Beim anschließenden Ulster Grand Prix in Belfast gewann Les Graham erneut, diesmal vor dem Iren Arthur «Artie» Bell. Da in jenem Jahr nur die drei besten Ergebnisse der sechs Grand Prix in die Wertung kamen, stand Les Graham mit zwei Siegen und einem zweiten Platz bereits als erster 500er-Weltmeister fest. Daran konnten beim Finale in Monza weder der 125er-Weltmeister Nello Pagani, noch Arciso Artesiani mit ihrem Doppelsieg für Gilera etwas ausrichten, sich aber zumindest noch die WM-Endränge 2 und 3 sichern.

1950 gewann Les Graham in Genf sowohl das Rennen der Klasse bis 350 ccm wie auch der 500er-Kategorie und stand in jenem Jahr zudem in beiden Klassen je ein weiteres Mal als Zweiter auf dem Podest. Am Saisonende wurde er jeweils WM-Dritter.

Da AJS die 500er nicht weiterentwickelte und sich stattdessen der 350er 7R «Boy Racer» verstärkt hingab, wechselte Les Graham etwas verschnupft für 1951 zum jungen MV-Agusta-Rennstall. Die Erfolge fielen zunächst allerdings sehr bescheiden aus. Bei den 125ern gelang ihm lediglich ein dritter Platz in Assen, mit dem er WM-Achter wurde. Bei den 500ern blieb er hingegen punktelos. Da MV Agusta in der 350-ccm-Klasse nicht antrat, fuhr er dort für Velocette und legte mit einem zweiten Platz im Montjuich-Park in Barcelona und einem Sieg in Bern famos los. Das war es dann aber an Punkten für ihn, sodass er zumindest WM-Sechster wurde.

1952 startete Graham in allen vier Solo-Klassen. In der Achtelliterklasse schaffte er auf MV Agusta in sechs Rennen einen zweiten und einen dritten Platz, mit denen er WM-Vierter wurde. Bei den 500ern wurde er hinter Umberto Massetti auf Gilera Vizeweltmeister, wobei er nach einem zweiten Platz bei der Tourist Trophy in Monza den ersten Grand-Prix-Sieg für MV Agusta in der Halbliterkategorie einfuhr. Diesen Triumph wiederholte er beim anschließenden Saisonfinale in Barcelona.

Zudem trat er in der Viertelliter-Kategorie auf Benelli und Velocette an und wurde in der Endabrechnung Dritter, wozu ihm in ebenfalls sechs Rennen zwei dritte und ein vierter Platz verhalfen. Bei den 350ern blieb er ohne Punktgewinn.

Im darauffolgenden Jahr zählte Graham mindestens in der 125-ccm-Klasse mit der inzwischen überlegenen MV Agusta zu den Titelfavoriten, was er mit seinem Sieg beim Saisonauftakt auf der Insel Man im «Lightweight»-Rennen untermauerte. Am darauffolgenden Tag, Freitag 12. Juli 1953, stand das Rennen der Senior-TT, respektive der 500-ccm-Klasse, an. An dritter Stelle liegend stürzte er im schwierigen Streckenabschnitt Bray Hill in den Straßen von Douglas, der Hauptstadt der Insel, und erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen.

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