Valentino Rossi: «Wäre gern noch 20 Jahre gefahren»

Von Günther Wiesinger
Valentino Rossi versichert, er bereue nichts, was er in seiner Laufbahn gemacht habe. Aber er räumt ein, dass er ein paar Ziele verfehlt hat. Zum Beispiel den zehnten Titelgewinn.

Valentino Rossi hätte gestern mit Bruder Luca Marini und Kumpel Uccio Salucci das 12h-Gulf-Sportwagenrennen in Abu Dhabi in einem Ferrari der Scuderia Kessel bestreiten sollen. Doch als Kontaktperson eines Covid-19-Erkrankten musste er sich in Quarantäne begeben und auf die Reise in den Mittleren Osten verzichten. Seit Rossi denken kann, hat er Motorradrennen bestritten, 2022 ist sein erstes Jahr als Automobilrennfahrer nach 26 Jahren im GP-Sport.

Noch vor ein, zwei Jahren hat Rossi in Interviews eingeräumt, dass ihm der Rückzug vom Motorradsport etwas Angst mache oder ihn zumindest beunruhige. Sogar noch in der Sommerpause im Juli 2021 hat er noch überlegt, ob er nicht in seinem eigenen neuen MotoGP-Ducati-Team eine Desmosedici einsetzen solle. Aber er entschied sich dann im Alter von 42 Jahren schweren Herzens, diese Aufgabe Luca Marini und dem Moto2-WM-Dritten Marco Bezzecchi zu überlassen.

«Ja, ehrlich gesagt, 2019 und 2020 war ich nicht bereit, mit dem MotoGP-Fahren aufzuhören», gibt der neunfache Weltmeister zu, dessen letzter Titelgewinn im Jahr 2009 datiert. «Denn ich wollte alles probieren und noch einmal um Siege und Podestplätze fighten.»

Zur Erinnerung: Rossis gelang der letzte Sieg 2017 bei der Dutch-TT am 25. Juni in Assen. Später fand er 2018 noch Siegchancen in Sepang, doch Marc Márquez setzte ihn stark unter Druck. Rossi stürzte im Finish als Spitzenreiter. Und 2019 in Texas unterlag er um 0,462 sec gegen Sieger Alex Rins.

«Aber jetzt habe ich mich mit dem Rückzug abgefunden. Ich kann damit leben, ich kann damit umgehen. Ich bin allerdings nicht glücklich darüber, das bestreite ich nicht. Aber ich weiß auch, dass ich auch dann nicht happy gewesen wäre, wenn ich erst Ende 2022 zurückgetreten wäre. Denn am liebsten würde ich 20 weitere Jahre fahren!»

Der Yamaha-Star wollte die zweite Saisonhälfte nach der Rücktrittsankündigung vom 5. August noch nutzen, um sich für das verpatzte Jahr 2020 und die schwache erste Saisonhälfte 2021 zu rehabilitieren. Und mit zwei zehnten Plätzen in Misano und Valencia gelang Rossi tatsächlich ein respektabler Abgang.

Nachdem er seinen Freund und Schützling Franky Morbidelli in Valencia auf Platz 11 verwiesen hatte, grinste Valentino: «Jetzt kann ich Franco immer sagen: ‚Solange ich gefahren bin, war ich schneller als du.‘»

Bedauert Rossi irgendwelche Entscheidungen in seiner langen Karriere? «Nein, ich bereue nichts, ehrlich gesagt. Klar, die zwei Jahre 2011 und 2012 mit Ducati waren sehr schwierig für mich, denn wir haben kein Rennen gewonnen. Doch es war eine interessante Herausforderung. Ein italienischer Fahrer auf einem italienischen Motorrad, das war eine Challenge. Schon Siege mit Aprilia in den Klassen 125 und 250 ccm haben eine außergewöhnliche Befriedigung für mich dargestellt. Wenn wir mit Ducati gewonnen hätten, wäre das in die Geschichte eingegangen.»

Aber Rossi gelang es nicht, sich nach Honda und Yamaha auch mit Ducati in die Siegerliste der Königsklasse einzutragen.

«Was mir leid tut, ist der fehlende zehnte Titelgewinn. Und die Anzahl der 199 MotoGP-Podestplätze hätte ich noch gern auf 200 erhöht», versicherte der Publikumsliebling aus Tavullia, der außerdem ganz gern den All-time-Rekord von Agostini mit 122 GP-Siegen eingestellt hätte.

«Immerhin habe ich es geschafft, Ago einige Jahre immer wieder zittern und in Ungewissheit zu lassen», lachte Valentino.

Rossi: «Der zehnte Titel fehlt mir, besonders deshalb, weil ich denke, ich hätte ihn verdient. Ich hatte 2015 das fahrerische Niveau und den Speed. Aber ich habe den MotoGP-Titelfight zweimal beim Finale in Valencia verspielt, 2006 gegen Nicky Hayden, 2015 gegen Lorenzo. Das lässt sich nicht mehr ändern. Und insgesamt kann ich mich über die Gesamtbilanz meiner Karriere nicht beschweren.»

Die Bilanz von Valentino Rossi in der Motorrad-WM:

1996: WM-9. auf Aprilia 125, 111 Punkte, ein GP-Sieg
1997: WM-1. auf Aprilia 125, 321 Punkte, elf Siege
1998: WM-2. auf Aprilia 250, 201 Punkte, fünf Siege
1999: WM-1. auf Aprilia 250, 309 Punkte, neun Siege
2000: WM-2. auf Honda 500, 209 Punkte, zwei Siege
2001: WM-1. auf Honda 500, 325 Punkte, elf Siege
2002: WM-1. auf Honda 990, 355 Punkte, elf Siege
2003: WM-1. auf Honda 990, 357 Punkte, neun Siege
2004: WM-1. auf Yamaha 990, 304 Punkte, neun Siege
2005: WM-1. auf Yamaha 990, 367 Punkte, elf Siege
2006: WM-2. auf Yamaha 990, 247 Punkte, fünf Siege
2007: WM-3. auf Yamaha 800, 241 Punkte, vier Siege
2008: WM-1. auf Yamaha 800, 373 Punkte, neun Siege
2009: WM-1. auf Yamaha 800, 306 Punkte, sechs Siege
2010: WM-3. auf Yamaha 800, 233 Punkte, zwei Siege
2011: WM-7. auf Ducati 800, 139 Punkte, kein Sieg
2012: WM-6. auf Ducati 1000, 163 Punkte, kein Sieg
2013: WM-4. auf Yamaha 1000, 237 Punkte, ein Sieg
2014: WM-2. auf Yamaha 1000, 295 Punkte, zwei Siege
2015: WM-2. auf Yamaha 1000, 325 Punkte, vier Siege
2016: WM-2. auf Yamaha 1000, 249 Punkte, zwei Siege
2017: WM-5. auf Yamaha 1000, 208 Punkte, ein Sieg
2018: WM-3. auf Yamaha 1000, 198 Punkte, kein Sieg
2019: WM-7. auf Yamaha 1000, 174 Punkte, kein Sieg
2020: WM-15. auf Yamaha 1000, 66 Punkte, kein Sieg
2021: WM-18. auf Yamaha 1000, 44 Punkte, kein Sieg

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