MotoGP-WM 2022: Was kann schon schiefgehen?

Kolumne von Michael Scott
In zweieinhalb Wochen trifft sich der MotoGP-Tross in Sepang für den ersten offiziellen Test des Kalenderjahres 2022. SPEEDWEEK.com-Kolumnist Michael Scott verkürzt die Wartezeit mit einem Ausblick auf die Saison.

Wir erleben gerade den besten Moment des gesamten MotoGP-Jahres. Denn solange noch kein Rad den Asphalt berührt hat, ist alles möglich. Naja, fast alles.

Es ist unwahrscheinlich, dass der MotoGP-Titel 2022 an Andrea Dovizioso gehen wird, der mit seinen bald 36 Jahren als ältester Fahrer im MotoGP-Feld auf den zurückgetretenen Valentino Rossi folgt. Der älteste Weltmeister in der «premier class» war übrigens Les Graham, dekorierter Pilot aus dem Zweiten Weltkrieg, der 1949 mit 37 Jahren in der ersten Saison der Motorrad-WM triumphierte; der älteste Rennsieger dagegen der 44-jährige Fergus Anderson.

Genauso wenig wetten sollten Sie auf eine Wiederholung von Márquez‘ Titelgewinn 2013 im Rookie-Jahr durch einen der neuen Jungs – Darryn Binder, Fabio Di Giannantonio oder Marco Bezzecchi. Eigentlich gab es überhaupt nur einen echten Rookie-Weltmeister: Kenny Roberts kam 1978 direkt aus den USA und besiegte Barry Sheene um zehn Punkte. Und das auf Strecken, die er nie zuvor gesehen hatte. Márquez hatte schon fünf GP-Saisons bestritten und in den Klassen 125 ccm und Moto2 jeweils den Titel gewonnen.

Überraschungen kann es trotzdem immer geben, vor allem nach den bedeutenden Veränderungen in diesem Jahr. Das Wichtigste sind neue Motoren in neuen Bikes, nachdem die Entwicklung zwei Jahre lang eingefroren gewesen ist. Das bedeutete, dass es keine Möglichkeit gab, um bestehende Probleme zu lösen – davon ausgenommen war Aprilia, der Status als «concession team» ließ ihnen Freiheiten.

Yamaha und Suzuki warteten vergeblich auf mehr Power, am härtesten aber traf es Honda.

Neben der Verletzung von Marc Márquez wurde HRC doppelt eingebremst. Die verbleibenden Fahrer (und Marc nach seiner Rückkehr) klagten am Kurveneingang wie Kurvenausgang über Schwierigkeiten… Hauptsächlich aufgrund der Motorencharakteristik, sowohl beim Schließen des Gasgriffs als auch beim Gasgeben. Änderungen am Gewicht der Kurbelwelle und am Gasfluss wären nötig gewesen, aber nicht erlaubt. Das Herumspielen an der Elektronik reichte nicht aus; mehrere Chassis-Änderungen nützten ebenso wenig.

Kein Wunder also, dass die Honda-Piloten nach dem Jerez-Test im November vom ersten Prototyp begeistert waren. LCR-Kundenteam-Fahrer Takaaki Nakagami war am ersten Tag Schnellster, Repsol-Honda-Werksfahrer Pol Espargaró am zweiten Tag Vierter. Eine beachtliche Steigerung.

Und wie steht es um Hondas Superstar? Marc Márquez kämpfte sich 2021 zurück, aber erwies sich erneut als anfällig, als ein Offroad-Trainingsunfall dieselbe Sehstörung (binokulare Doppelbilder) verursachte, die schon 2011 seine Karriere gefährdet hatte. Damals brachte ein heikler mikrochirurgischer Eingriff Linderung. Dieses Mal wurde eine Operation vermieden, nach zweieinhalb Monaten Pause, spärlichen Informationen und vielen Spekulationen absolvierte der 28-jährige Spanier in der vergangenen Woche erstmals wieder ein Motorrad-Training. Nach dem zufriedenstellenden Test in Portimão auf einer Honda RC213V-S scheint seiner Teilnahme am Sepang-Test nichts mehr im Wege zu stehen.

Den Jerez-Test dominierte eine Werks-Ducati

Der Grat ist schmal in der MotoGP, die Abstände sind gering. Aber nicht so gering, wenn du Francesco «Pecco» Bagnaia heißt. Er hängte beim Jerez-Test auf einer nochmals verbesserten Ducati das restliche Feld um mehr als vier Zehntelsekunden ab. Die Saison beendete Pecco mit vier Siegen in den letzten sechs Rennen. Der experimentierfreudige Ducati-Rennchef Gigi Dall’Igna gab in den jüngsten Jahren den Ton an – von der Aerodynamik bis zum «ride height adjuster».

Der formidable Desmo-Motor verfügte im Vorjahr noch über einen (zugegebenermaßen schrumpfenden) Leistungsvorteil, auch wenn KTM die Lücke verkleinerte. Und die gegnerischen Werke hatten – einer nach dem anderen – alle Innovationen übernommen, um wieder gleiche Voraussetzungen zu schaffen. Was aber wird sich Dall’Igna als nächstes einfallen lassen?

Tatsächlich lag Ducatis einzige Schwäche im Vorjahr darin, zu viele gute Fahrer zu haben, die sich gegenseitig Punkte wegnahmen. Vizeweltmeister Bagnaia und die GP-Sieger Miller und Martin werden nun von einem noch größeren Aufgebot gedeckt – es sind nicht weniger als acht Ducati in der Startaufstellung, inklusive des neuen Mooney VR46 Racing Teams.

In geringerem Ausmaß sieht sich Titelverteidiger Fabio Quartararo mit einem ähnlichen Problem konfrontiert, seinem neuen Factory-Teamkollegen Franco Morbidelli. Als die beiden zuletzt Teamkollegen waren, hatte «Franky» 2020 die Nase vorn.

Suzuki mit Joan Mir, Weltmeister von 2020, und seinem Teamkollegen Alex Rins brauchen unbedingt mehr PS – nach einer Saison, in der die brillante Fahrweise von Mir einfach nicht genug war und Rins eine ganze Reihe an Stürzen fabrizierte, während er versuchte, die Schwächen der GSX-RR zu überdecken. Versprechen wurden gemacht. Die Zeit wird zeigen, ob sie sich bewahrheiten.

Bei KTM wünschen sich die GP-Sieger Brad Binder und Miguel Oliveira ein besseres Gesamtpaket, das auf der Höhe des starken Motors ist. Dem österreichischen Hersteller fehlt es weder am Können noch am Engagement.

Aprilia-Werksfahrer Aleix Espargaró hofft darauf, dass sein neuer Teamkollege Maverick Viñales (der seinerseits seine eigene Karriere retten will) etwas zu den Fortschritten, die der Hersteller aus Noale zuletzt zeigte, beitragen kann.

Dazu kommt eine ganze Horde Fahrer in Kundenteams, die viel zu beweisen haben.

Was kann da schon schiefgehen?

MotoGP-Test Jerez, kombinierte Zeiten (18. und 19. November):

1. Bagnaia, Ducati, 1:36,872 min
2. Nakagami, Honda, + 0,441 sec
3. Quartararo, Yamaha, + 0,452
4. Zarco, Ducati, + 0,484
5. Bastianini, Ducati, + 0,530
6. Rins, Suzuki, + 0,551
7. Pol Espargaró, Honda, + 0,624
8. Viñales, Aprilia, + 0,750
9. Mir, Suzuki, + 0,762
10. Miller, Ducati, + 0,845
11. Alex Márquez, Honda, + 0,888
12. Morbidelli, Yamaha, + 1,012
13. Brad Binder, KTM, + 1,070
14. Marini, Ducati, + 1,153
15. Dovizioso, Yamaha, + 1,157
16. Oliveira, KTM, + 1,213
17. Aleix Espargaró, Aprilia, + 1,277
18. Martin, Ducati, + 1,280
19. Di Giannantonio*, Ducati, + 1,656
20. Raúl Fernández*, KTM, + 1,819
21. Savadori, Aprilia, + 1,852
22. Gardner*, KTM, + 1,856
23. Guintoli, Suzuki, + 2,168
24. Pedrosa, KTM, + 2,313
25. Kallio, KTM, + 2,404
26. Bezzecchi*, Ducati, + 2,440
27. Darryn Binder*, Yamaha, + 3,069
28. Tsuda, Suzuki, + 4,064

* = MotoGP-Rookie

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