Bagnaia: «Illegaler Reifendruck? Reden über nichts»

Von Nora Lantschner
Pecco Bagnaia (links Fabio Quartararo)

Pecco Bagnaia (links Fabio Quartararo)

Ducati-Werksfahrer Pecco Bagnaia äußerte sich in Le Mans zum großen Gesprächsthema der vergangenen Tage. Seine MotoGP-Kollegen von Quartararo bis Márquez stimmten ihm zu, äußerten aber auch Bedenken.

Francesco «Pecco» Bagnaia feierte beim Spanien-GP vor elf Tagen nach einem mühsamen Saisonstart den ersten Sieg auf der neuen GP22. Zum Beginn dieser Woche stand er dann aber im Mittelpunkt einer heiß diskutierten Reifendruck-Frage: Bagnaia unterschritt bei seinem Sieg in Jerez während 25 der 25 Rennrunden den von Michelin empfohlenen Mindestwert.

Ducati wehrte sich umgehend gegen die Betrugsvorwürfe. Am Donnerstag wurde in Le Mans natürlich auch Bagnaia selbst zum heiklen Thema befragt. «Das ist eine recht klare Sache», erklärte der Vizeweltmeister. «Du bestimmst einen Reifendruck und bedenkst dabei, dass die Chance besteht, diesen Wert nicht zu erreichen, wenn du vorne startest. Liegst du aber hinten, ist sicher, dass der Druck steigen wird. Es ist schwierig vorherzusagen und auf einer heißen Strecke wie Jerez ist es ein schwieriger Job für den Crew-Chief.»

«Ich habe gelesen, dass meine Situation illegal war. Das würde aber bedeuten, dass 18 Fahrer seit dem Start der Saison illegal unterwegs waren. Keiner bekam aber eine Strafe. Wir reden also über nichts», unterstrich der 25-jährige Italiener. In der Pressekonferenz verwies er zudem auf seine Mitstreiter: «Wenn ihr die Jungs fragt, sind sie ziemlich sicher meiner Meinung. Denn es ist sehr schwierig. Beim Hinterreifen ist es einfacher, beim Vorderreifen schwieriger. Michelin gibt dir eine Empfehlung, einen Rat für den Reifendruck. Verpflichtend ist es aber nicht.»

Dieser Mindestreifendruck für die Vorderradslicks liegt bei 1,9 bar. «Und ich fuhr das Rennen in Jerez zwischen 1,85 und 1,89 bar. Das ist also kein großer Unterschied», rechnete Pecco vor.

Stimmen Fabio Quartararo und Co. Bagnaia aber tatsächlich zu?

«Ich bin einverstanden», bestätigte der Titelverteidiger und WM-Leader. Außerdem verriet der Yamaha-Werksfahrer: «Mir ist in Portimão dasselbe passiert. Ich glaube, ich lag auch das ganze Rennen darunter. Es ist schwierig. Denn wenn du mit einem zu hohen Reifendruck startest, kann dein Rennen super schlecht oder super gut sein. Beim Hinterreifen ist es viel einfacher zu kontrollieren, beim Vorderreifen ist es dagegen schwierig. Wir müssen mit Michelin einen korrekten Mittelweg finden, damit es keine so großen Schwierigkeiten gibt, abhängig davon, ob du hinterherfährst oder alleine bist.»

Aprilia-Ass Aleix Espargaró gab zu bedenken: «Ich glaube, es ist eine ziemlich wichtige Sache. Aus meiner Sicht hat es sehr starke Auswirkungen. Als ich in Jerez hinter Jack und Marc fuhr, hatte ich große Mühe mit dem Chattering und dem Turning. Sobald ich freie Fahrt hatte, war ich eine halbe Sekunde schneller, auch wenn ich nur halb so viel pushte. Das Verhalten des Motorrads verändert sich dramatisch, zumindest in meinem Fall. Daher glaube ich, dass es fair wäre, ein Limit festzulegen. Damit alle mit denselben Waffen kämpfen.»

«Es ist aber sehr schwierig – für die Teams und für Michelin», weiß der Termas-Sieger. «Denn wie Pecco und Fabio schon sagten: Was machst du? Wie startest du? Woher willst du wissen, ob du drei Bikes vor dir hast oder freie Fahrt? Es ist eine schwierige Sache.»

Repsol-Honda-Star Marc Márquez vertrat eine klare Position: «Ich bin völlig einverstanden mit Pecco. Ein niedriger Reifendruck vorne bedeutet nicht mehr Performance. Manchmal ist es sogar schlimmer.»

«Was ich sehe: Mit dieser neuen Aerodynamik und der Philosophie, in deren Richtung die MotoGP jetzt geht, ist es schwieriger zu überholen und schwieriger hinter anderen zu fahren – und kritischer für den Luftdruck im Vorderreifen», brachte der achtfache Weltmeister zusätzliche Aspekte ins Spiel. «Wenn du allein bist, nutzt du deine Aero-Elemente für das Turning und du übst keinen großen Druck auf den Vorderreifen aus. Bist du hinter einem anderen Fahrer, fehlt dir die Downforce, weshalb du den Reifen mehr beanspruchst und die Temperatur ansteigt. Es wird mit jedem Jahr kritischer. Das ist etwas, was wir für die Zukunft anschauen müssen – aber nicht den Reifendruck, der hängt von vielen Dingen ab.»

Pramac-Ducati-Pilot Johann Zarco stimmte seinem Markenkollegen Bagnaia ebenfalls zu. «Es ist ein großer Unterschied, ob du vorne oder hinten bist. Ich hatte in Jerez auch kein gutes Gefühl. Ich lag ziemlich nahe hinter Bezzecchi – dann kam der Sturz. Wenn sie ein Limit festlegen, dann muss der Bereich etwas größer sein. Sie geben eine Empfehlung, weil sie vielleicht an die Sicherheit denken. Ich glaube aber, dass wir im Hinblick auf die Sicherheit Spielraum haben. Wir müssten sehr, sehr weit nach unten gehen, um ein Problem zu bekommen. Ich glaube, diesen Punkt werden wir nie erreichen», so der zweifache Moto2-Weltmeister.

Ergebnisse MotoGP Jerez (1. Mai):

1. Pecco Bagnaia (I), Ducati, 25 Runden in 41:00,554 min
2. Fabio Quartararo (F), Yamaha, +0,285 sec
3. Aleix Espargaró (E), Aprilia, +10,977
4. Marc Márquez (E), Honda, +12,676
5. Jack Miller (AUS), Ducati, +12,957
6. Joan Mir (E), Suzuki, +13,934
7. Takaaki Nakagami (J), Honda, +14,929
8. Enea Bastianini (I), Ducati, +18,436
9. Marco Bezzecchi (I), Ducati, +18,830
10. Brad Binder (ZA), KTM, +20,056
11. Pol Espargaró (E), Honda, +20,856
12. Miguel Oliveira (P), KTM, +23,131
13. Alex Márquez (E), Honda, +25,306
14. Maverick Vinales (E), Aprilia, +27,358
15. Franco Morbidelli (I), Yamaha, +27,519
16. Luca Marini (I), Ducati, +29,278
17. Andrea Dovizioso (I), Yamaha, +35,204
18. Fabio Di Giannantonio (I), Ducati, +35,361
19. Alex Rins (E), Suzuki, +38,922
20. Remy Gardner (AUS), KTM, +43,378
21. Lorenzo Savadori (I), Aprilia, +44,299
22. Jorge Martin (E), Ducati, +1:07,681 min
– Stefan Bradl (D), Honda, 15 Runden zurück
– Johann Zarco (F), Ducati, 16 Runden zurück
– Darryn Binder (ZA), Yamaha, 20 Runden zurück

WM-Stand nach 6 von 21 Grand Prix:

1. Quartararo 89 Punkte. 2. Aleix Espargaró 82. 3. Bastianini 69. 4. Rins 69. 5. Bagnaia 56. 6. Mir 56. 7. Zarco 51. 8. Brad Binder 48. 9. Marc Márquez 44. 10. Oliveira 43. 11. Miller 42. 12. Pol Espargaró 35. 13. Martin 28. 14. Viñales 27. 15. Nakagami 21. 16. Morbidelli 18. 17. Alex Márquez 16. 18. Bezzecchi 15. 19. Marini 14. 20. Dovizioso 8. 21. Darryn Binder 6. 22. Gardner 3.

Konstrukteurs-WM:

1. Ducati 131 Punkte. 2. Yamaha 89. 3. Aprilia 83. 4. Suzuki 80. 5. KTM 76. 6. Honda 57.

Team-WM:

1. Suzuki Ecstar 125 Punkte. 2. Aprilia Racing 109. 3. Monster Energy Yamaha 107. 4. Ducati Lenovo 98. 5. Red Bull KTM Factory 91. 6. Pramac Racing 79. 7. Repsol Honda 79. 8. Gresini Racing MotoGP 69. 9. LCR Honda 37. 10. Mooney VR46 Racing 29. 11. WithU Yamaha RNF 14. 12. Tech3 KTM Factory 3.

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