Stefan Bradl zum Honda-Debakel: Was muss sich ändern?

Von Günther Wiesinger
Honda hat in der MotoGP-WM den Tiefpunkt erreicht. Der japanische Gigant verfügt über alle Ressourcen, um sich aus dem Schlamassel zu befreien. Aber bisher wird nur nachgedacht, eine Patentlösung ist nicht in Sicht.

Nach dem Honda-Debakel auf dem Sachsenring ist auch dem letzten Manager der Honda Racing Corporation klar geworden, dass es mit dem jetzigen System nicht weitergehen kann. Beim Deutschland-GP war Honda in der Königsklasse zum ersten Mal seit Anderstorp/Schweden in der Königsklasse punktelos geblieben. Vor dem Rennen bei der Durch-TT in Assen liegen die Stammfahrer Marc Márquez, Pol Espargaró, Taka Nakagami und Alex Márquez auf den WM-Rängen 12, 15, 16 und 18. Ersatzfahrer Stefan Bradl hat bei seinen vier Einsätzen bisher keinen Punkt eingesammelt. Und jetzt fällt für Assen neben Marc Márquez auch noch Pol Espargaró aus!

Mit rund zwei oder drei Jahren Verspätung wird jetzt bei HRC analysiert, was schiefgelaufen ist und den letzten Platz in der Marken-WM fester Bestandteil des einst ruhmreichen Honda-Projekts geworden ist. Wir erinnern uns: Zu Beginn der Viertakt-MotoGP-Ärä trat Honda mit der fast unschlagbaren Fünfzylinder- RC211V an. Auch danach folgten immer wieder Phasen, in denen sich die Konkurrenz an Honda die Zähne ausbiss.

Repsol-Honda-Teamprinzipal Alberto Puig, der für viele Versäumnisse der Japaner als Auskunftsperson den Kopf hinhalten muss, während sich Manager wie Yokoyama, Kokubo und Kuwata vor der Öffentlichkeit verstecken, räumte vor dem Rennen in Assen ein, bei Honda werde jetzt gründlich überlegt, wie die Misere beendet werden kann.

Puig sagte, man werde die gesamte Herangehensweise und Rennphilosophie überprüfen und auch darüber nachdenken, ob die MotoGP-Operation verstärkt von Europa aus betrieben werden müssen, denn besonders im Corona-Jahr 2020 konnten die japanischen Ingenieure nicht so viel reisen und zu den Rennen kommen wie üblich, das Problem setzte sich auch 2021 fort, diese Nachteile spiegelten sich in den Resultaten nieder.

Denn 2020 schaffte Alex Márquez noch zwei Podestplätze und Taka Nakagami eine Pole-Position, Stefan Bradl landete in Portugal auf Rang 7. Im Vorjahr gelangen Marc Márquez noch die GP-Siege. Und jetzt? Tristesse auf der ganzen Ebene.

Außerdem muss man zwischendurch erwähnen: Die japanischen Hersteller Suzuki und Yamaha gewannen die Weltmeisterschaft 2020 und 2021 mit Joan Mir und Fabio Quartararo.

Die Pandemie ist also für Honda keine wirklich taugliche Ausrede.

Außerdem hätte sich Honda nur im eigenen Haus umzuschauen brauchen: Die Formel-1-Motoren werden schon seit Jahren in einem eigenen Werk in Milton Keynes (England) neben dem Red Bull-Racing-Hauptquartier entwickelt, gebaut und gewartet. Nach dem Honda Rückzug hat Red Bull Technology übernommen und eine eigene «Powertrain Division» gegründet. 

Mit einem Standort in Japan hätte der Rückstand zu Mercedes und Ferrari in der Formel 1 mit Sicherheit nicht so rasch, zielstrebig und dauerhaft aufgeholt werden können. Honda verfügt in der Formel 1 über eine beachtliche «tech update response rate», also über eine beispielhafte Entwicklungsgeschwindigkeit.

In der MotoGP wird hingegen seit 2020 zielsicher nach hinten entwickelt.

«Im Moment muss bei Honda sehr viel hinterfragt werden», erklärte Stefan Bradl. «Wir müssen überlegen, wo und wie wir uns verbessern können, auch was die Kommunikation zwischen dem Team und den Fahrern betrifft. Wenn er die Effizienz der internen Kommunikation und Zusammenarbeit verbessern will, ist das kein schlechter Ansatz. In solchen Situationen muss man auch schauen, dass man ruhig bleibt und keine verrückten Dinge anstellt. Das operative Geschäft an der Rennstrecke beinhalte extrem viele Bereiche, und es muss auch die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren in Japan klappen. Es gibt sehr viele Betätigungsfelder und Baustellen, über die man nachdenken muss. Das ist nicht einfach. Aber ich als Fahrer bin momentan auch überfragt, wenn es darum geht, wo man als Erstes ansetzen muss. Aber es wird sich etwas bewegen. Das hat Alberto ja inzwischen klargestellt.»

Yamaha hat jetzt mit Ing. Luca Marmorini einen ehemaligen Formel-1-Ingenieur engagiert, der bisher Toyota und bei Ferrari tätig war und neue Ideen zur Leistungssteigerung am 1000-ccm-M1-Reihenvierzylinder einbringen soll.

«Ich kann keine konkreten oder detaillierten Vorschläge machen. Meine vorrangige Aufgabe ist es, jetzt als Ersatzfahrer das Beste zu geben. Es wird auch nicht ein einzelner Techniker sein, der uns jetzt aus der Patsche helfen kann. Es müssen alle Bereiche überprüft werden, damit Lösungen gefunden werden und wir wieder in die Spur kommen.»

MotoGP, Assen, kombinierte Zeiten nach FP3 (25. Juni):

1. Aleix Espargaró, Aprilia, 1:32,164 min
2. Quartararo, Yamaha, + 0,041 sec
3. Rins, Suzuki, + 0,156
4. Nakagami, Honda, + 0,191
5. Bezzecchi, Ducati, + 0,218
6. Bagnaia, Ducati, + 0,276
7. Viñales, Aprilia, + 0,323
8. Martin, Ducati, + 0,428
9. Zarco, Ducati, + 0,562
10. Miller, Ducati, + 0,714
11. Mir, Suzuki, + 0,798
12. Di Giannantonio, Ducati, + 0,835
13. Morbidelli, Yamaha, + 0,872
14. Brad Binder, KTM, + 0,964
15. Oliveira, KTM, + 0,984
16. Marini, Ducati, + 1,013
17. Bastianini, Ducati, + 1,097
18. Savadori, Aprilia, + 1,117
19. Dovizioso, Yamaha, + 1,182
20. Alex Márquez, Honda, + 1,441
21. Gardner, KTM, + 1,475
22. Bradl, Honda, + 2,016
23. Fernández, KTM, + 2,459
24. Pol Espargaró, Honda, + 2,670
25. Darryn Binder, Yamaha, + 2,793

MotoGP-Ergebnis, Assen, FP3 (25. Juni):

1. Aleix Espargaró, Aprilia, 1:32,164 min
2. Quartararo, Yamaha, + 0,041 sec
3. Rins, Suzuki, + 0,156
4. Nakagami, Honda, + 0,191
5. Bezzecchi, Ducati, + 0,218
6. Bagnaia, Ducati, + 0,276
7. Viñales, Aprilia, + 0,323
8. Martin, Ducati, + 0,428
9. Zarco, Ducati, + 0,562
10. Miller, Ducati, + 0,714
11. Mir, Suzuki, + 0,798
12. Di Giannantonio, Ducati, + 0,835
13. Morbidelli, Yamaha, + 0,872
14. Brad Binder, KTM, + 0,964
15. Oliveira, KTM, + 0,984
16. Marini, Ducati, + 1,013
17. Bastianini, Ducati, + 1,097
18. Savadori, Aprilia, + 1,117
19. Dovizioso, Yamaha, + 1,182
20. Alex Márquez, Honda, + 1,441
21. Gardner, KTM, + 1,475
22. Bradl, Honda, + 2,016
23. Fernández, KTM, + 2,459
24. Darryn Binder, Yamaha, + 2,793

MotoGP-Ergebnis, Assen, FP2 (24. Juni):

1. Bagnaia, Ducati, 1:33,274 min
2. Quartararo, Yamaha, + 0,305 sec
3. Rins, Suzuki, + 0,337
4. Miller, Ducati, + 0,559
5. Mir, Suzuki, + 0,625
6. Viñales, Aprilia, + 0,664
7. Brad Binder, KTM, + 0,853
8. Zarco, Ducati, + 1,012
9. Bezzecchi, Ducati, + 1,038
10. Bastianini, Ducati, + 1,042
11. Nakagami, Honda, + 1,230
12. Marini, Ducati, + 1,262
13. Alex Márquez, Honda, + 1,325
14. Dovizioso, Yamaha, + 1,376
15. Oliveira, KTM, + 1,402
16. Martin, Ducati, + 1,549
17. Morbidelli, Yamaha, + 1,554
18. Pol Espargaró, Honda, + 1,560
19. Di Giannantonio, Ducati, + 1,628
20. Savadori, Aprilia, + 1,807
21. Gardner, KTM, + 1,948
22. Darryn Binder, Yamaha, + 2,297
23. Bradl, Honda, + 2,677
24. Fernández, KTM, + 2,952
– Aleix Espargaró*, Aprilia, + 8,086

*= letzter Run gestrichen (technisches Vergehen) und damit nicht innerhalb der 105-Prozent-Regel

MotoGP-Ergebnis, Assen, FP1 (24. Juni):

1. Miller, Ducati, 1:42,589 min
2. Mir, Suzuki, + 0,109 sec
3. Pol Espargaró, Honda, + 0,302
4. Alex Márquez, Honda, + 0,370
5. Aleix Espargaró, Aprilia, + 0,441
6. Oliveira, KTM, + 0,502
7. Rins, Suzuki, + 0,527
8. Zarco, Ducati, + 0,561
9. Martin, Ducati, + 0,600
10. Viñales, Aprilia, + 0,828
11. Bagnaia, Ducati, +0,835
12. Di Giannantonio, Ducati, + 0,892
13. Binder, KTM, + 0,925
14. Bezzecchi, Ducati, + 0,953
15. Morbidelli, Yamaha, + 1,135
16. Nakagami, Honda, + 1,229
17. Quartararo, Yamaha, + 1,659
18. Bradl, Honda, + 1,676
19. Fernández, KTM, + 1,696
20. Darryn Binder, Yamaha, + 2,013
21. Dovizioso, Yamaha, 2,236
22. Savadori, Aprilia, + 2,379
23. Gardner, KTM, + 2,693
24. Marini, Ducati, + 2,803
25. Bastianini, Ducati, + 3,857


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