Quartararo lässt sich nicht mehr nach unten ziehen

Von Manuel Pecino
Fabio Quartararo (23)

Fabio Quartararo (23)

MotoGP-WM-Leader Fabio Quartararo (Yamaha) spricht über seine erfolgreiche Herangehensweise und macht klar: «Es machte keinen Sinn, sich immer wieder über dasselbe zu beklagen.»

Nach den Rücktritten von Dani Pedrosa, Jorge Lorenzo und Valentino Rossi und der Verletzungsmisere, die Marc Márquez seit zwei Jahren zurückhält, stand die MotoGP-WM ohne einen Leader da. Die großen Namen, die jeder Sport braucht, fehlten. Bezeichnend: 2020 gab es in 14 Rennen neun unterschiedliche Sieger – von einem Aushängeschild keine Spur.

Es dauerte zwei Jahre, bis die MotoGP wieder eine Gallionsfigur fand: Fabio Quartararo. Mit gerade einmal 23 Jahren ist er bereits MotoGP-Weltmeister, zur Halbzeit der diesjährigen Saison führt er die WM-Tabelle mit 21 Punkten Vorsprung erneut an.

Mit sizilianischen Großeltern, einem französischen Pass und einer langen Geschichte in Spanien (er ging in Valencia zur Schule) spricht Quartararo vier Sprachen fließend. Er ist gebildet, aufgeschlossen und der perfekte Botschafter für die MotoGP.

In seiner Heimat Frankreich ist der Yamaha-Werksfahrer längst ein Vorzeigesportler, wie die acht Titelseiten bezeugen, die ihm «L’Équipe», die prestigeträchtigste Sportzeitung des Landes, bereits gewidmet hat. Zuletzt war das nach dem Sachsenring-Sieg der Fall. Erstmals auf die Titelseite schaffte er es dagegen nach seinem ersten MotoGP-Sieg am 19. Juli 2020 in Jerez – paradoxerweise der Grand Prix, bei dem die Leidenszeit von Marc Márquez begann.

Quartararos Entwicklung in den vergangenen Jahren ist offensichtlich – vor allem 2021, als er bewies, dass er die Schwächen von 2020 ausgemerzt hatte.

Seine Probleme zu erkennen und zu akzeptieren sowie nach Wegen zu suchen, um diese zu lösen, ist eine der größten Tugenden, die Fabio als Fahrer auszeichnen. Während ihn 2020 eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse im finalen Sprint um den Titel emotional hemmten und er vom ersten noch auf den achten WM-Rang durchgereicht wurde, begann er 2021 mit einer anderen Mentalität. Dafür hatte er im Winter mit einem Sportpsychologen gearbeitet – und der Lohn war die MotoGP-Krone.

«Es gibt für jedes Problem eine Lösung», betonte Quartararo im Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «Wir sind zum Beispiel im Nassen nicht schnell. Aber anstatt auf dem ‚Wir sind zu langsam, wir sind zu langsam‘ fixiert zu bleiben, suche ich nach Wegen, wie wir uns verbessern können. Vielleicht bekommen wir es nicht perfekt hin, aber wir können die Situation verbessern. Was für mich klar ist: Ich lasse mich vom Negativen nicht mehr blockieren.»

Diese Mentalität half Fabio, in der ersten Hälfte der laufenden Saison die Führung zu übernehmen, obwohl er das mit Abstand langsamste Motorrad im MotoGP-Feld steuert. Eine Situation, die er in der Pre-Season wiederholt beklagte. Nach dem Start der WM entschied er aber, das aus seinem Kopf zu verbannen.

«Es machte keinen Sinn, sich immer und immer wieder über dasselbe zu beklagen, wenn es – vom Regelwerk her – keine Möglichkeit gibt, um den Motor zu verändern. Was sollte ich also machen, es bei jedem einzelnen der 20 Grand Prix beanstanden? Genau deshalb habe ich euch Journalisten gesagt, dass ich nicht mehr darüber reden würde, als die Saison begann. Für mich war das Thema durch. Der einzige Weg war, das Bestmögliche aus dem Material zu holen, was ich habe. Und das habe ich getan.»

Diese Reife spiegelt sich in allen Aspekten wider. In der Saison 2019 stürzte Quartararo sechs Mal, 2020 acht Mal, 2021 sieben Mal. In den bisher elf Grand Prix der laufenden Saison nur drei Mal. Das lässt darauf schließen, dass er noch Spielraum hat und sich im Moment nicht auf Messers Schneide bewegen muss.

«Nein, ich fahre mit – ich weiß nicht, wie ich es erklären soll», grübelte «El Diablo» kurz. «Im Gegensatz zu dem, was bei anderen Fahrern der Fall sein kann, muss ich nicht stürzen, um das Limit zu finden. Ich weiß exakt, wenn wir in den grenzwertigen Bereich kommen. In der Situation gibt mir mein Motorrad ein kleines bisschen Spielraum, es warnt mich vor. Dieses Gefühl aber fehlte zum Beispiel 2020 – und das war genau das Jahr, in dem ich am häufigsten gestürzt bin – acht Mal an 14 Rennwochenenden.»

MotoGP-Fahrer-WM nach 11 von 20 Grand Prix:

1. Quartararo 172 Punkte. 2. Aleix Espargaró 151. 3. Zarco 114. 4. Bagnaia 106. 5. Bastianini 105. 6. Brad Binder 93. 7. Miller 91. 8. Mir 77. 9. Rins 75. 10. Oliveira 71. 11. Martin 70. 12. Viñales 62. 13. Marc Márquez 60. 14. Bezzecchi 55. 15. Marini 52. 16. Nakagami 42. 17. Pol Espargaró 40. 18. Alex Márquez 27. 19. Morbidelli 25. 20. Di Giannantonio 18. 21. Darryn Binder 10. 22. Dovizioso 10. 23. Gardner 9. 24. Raúl Fernández 5.

Konstrukteurs-WM:
1. Ducati 246 Punkte. 2. Yamaha 172. 3. Aprilia 155. 4. KTM 121. 5. Suzuki 101. 6. Honda 85.

Team-WM:
1. Aprilia Racing 213 Punkte. 2. Monster Energy Yamaha 197. 3. Ducati Lenovo Team 197. 4. Prima Pramac Racing 184. 5. Red Bull KTM Factory 164. 6. Suzuki Ecstar 152. 7. Gresini Racing 123. 8. Mooney VR46 Racing 107. 9 Repsol Honda 100. 10. LCR Honda 69. 11. WithU Yamaha RNF 20. 12. Tech3 KTM Factory 14.

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