Chicho Lorenzos Schule: Talente auf Jorges Spuren

Von Manuel Pecino
Jorge Lorenzo, Joan Mir, Augusto Fernández, Izan Guevara – die nicht enden wollende Geschichte der erstaunlichen Talentschmiede Mallorca: Chicho Lorenzo erzählt von seiner Schule und nennt Marc Márquez als Beispiel.

Zwei MotoGP-Weltmeister, der Sieger der letzten zwei Moto2-Rennen vor der Sommerpause und Anwärter auf den WM-Titel und das neue Wunderking in der Weltmeisterschaft, ebenfalls ein heißer Tipp im Kampf um die Nummer 1 in der Moto3-WM: Was haben Jorge Lorenzo, Joan Mir, Augusto Fernández und Izan Guevara – abgesehen von den Erfolgen auf GP-Ebene – gemeinsam?

Es gibt mehrere Aspekte, allen voran die Herkunft: Lorenzo, Mir, Fernandez und Guevara kommen allesamt aus Mallorca, einer wahren Fundgrube für Talente. Zweitens gingen alle vier die ersten Schritte als Rennfahrer unter Aufsicht von José Manuel Lorenzo – oder «Chicho» Lorenzo, wie er im Fahrerlager besser bekannt ist.

Denn Chicho hat «Schuld» daran, dass eine Insel mit knapp über 900.000 Einwohner zwei MotoGP-Weltmeister hervorgebracht hat und heute zwei weitere Titelkandidaten in den kleineren Klassen stellt. Es ist eine Geschichte, die einem fast schon hollywoodreifen Skript folgt.

«Alles fing an, als mein Sohn, Jorge Lorenzo, volljährig wurde», erzählt Chicho. «Am selben Tag sagte er mir, dass er nicht mehr wollte, dass ich immer an seiner Seite war. Bis zu diesem Moment hatte sich mein gesamtes Leben darum gedreht. Denn seit wir mit dem Training begonnen hatten, als er drei Jahre alt war, verfolgten wir das Ziel, es in die Weltmeisterschaft zu schaffen und eine lange Karriere zu haben.»

«Stellt euch den Schock vor. Nach 15 Jahren Arbeit, um es zu schaffen, war ich plötzlich nicht mehr in seinem Umfeld. Das war ein Gefühl, als hätte man einen Karren 15 Jahre lang den Berg hinaufgeschoben, um dann in dem Moment vertrieben zu werden, als die Abfahrt kam – denn es war das Jahr, in dem er schon 250er-Weltmeister war. Das war traumatisch für mich», bekräftigte Chicho Lorenzo.

«Ich ging nach Galizien, ich wollte dort etwas schaffen, aber daraus wurde nichts, weil ich keinerlei Unterstützung fand. Also ging ich zurück nach Mallorca und ich sagte mir: ‚Wenn du es geschafft hast, einen Champion zu trainieren, dann kannst du genauso gut eine Generation von Champions trainieren. Mit dieser Idee schuf ich die Schule.»

Weit weg von der Idylle einer Rossi-Ranch waren die Anfänge der «Chicho Lorenzo School» weniger glanzreich. Die Struktur hatte keinen fixen Standort, sondern wurde überall dort aufgebaut, wo es eine ebene Asphaltfläche gab, auf der man arbeiten konnten. Der Aufbau dauerte Tage, umso schneller schmiss der Grundeigentümer alles wieder weg. «Eines Tages kamen wir auf die Fläche, die uns die Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte, und fanden einen Zirkus vor, der sich dort breit gemacht hatte.»

Vom Verband der Balearen kam keine Hilfe, ganz im Gegenteil: Laut Chicho waren sie strikt gegen ihn. Lorenzo, die Nachwuchsfahrer und deren Eltern überwanden aber alle Steine, die ihnen in den Weg gelegt wurden. Die Schule öffnete mit drei Schützlingen, am Höhepunkt waren es 35 Kinder, die alle Rennfahrer werden wollten. Um die Vereinbarkeit mit den schulischen Verpflichtungen zu gewährleisten, war Chichos Schule von 17 bis 21 Uhr geöffnet.

Die nächste Herausforderung bestand darin, den Level der Schüler zu steigern. Deshalb erfand Chicho die «Liga Interescuelas», eine Rennserie mit merheren Schulen. Eine Meisterschaft, in der sich seine Schützlinge außerhalb des «Käfigs» der Insel mit neuen Rivalen messen konnten – mit Schülern aus allen Regionen Spaniens, dazu aus Italien und Portugal.

«Ich habe bei der Arbeit mit so vielen Kindern viel gelernt. Man macht Statistiken, analysiert viele Daten und kommt dadurch schnell voran, weil man ständig auf der Suche ist. Und das alles ohne Sponsoren, wir lebten einzig von dem kleinen monatlichen Beitrag, den die Eltern bezahlten», schilderte Chicho.

Damit kein Teilnehmer die Motivation verlor, bestand Chicho übrigens darauf, dass alle – vom Ersten bis zum Letzten – mit einem Pokal nach Hause gingen.

Die Chicho Lorenzo School verfolgte das Konzept, dass der Einstieg in die Welt des Motorradsports auf einem niedrigen Level erfolgte. Das Pensum erhöhte sich erst dann, wenn die Schüler sicher waren, dass es das war, was sie wollten.

Beim Training stand die Fahrtechnik im Mittelpunkt. Die Kontrolle des Motorrads, der Manöver und der Linien – so offensichtlich am Beispiel des fünffachen Weltmeisters Jorge Lorenzo – bildeten die Grundlage der Methode. Die Fortschritte wurden über endloses Wiederholen der Übungen erzielt. «Wie die Fußballer im Training», so Chicho. «Wenn man sich dann in einer entsprechenden Situation wiederfindet, muss man nicht darüber nachdenken, was man zu tun hat, sondern macht es instinktiv.»

Die eiserne Disziplin, die Chicho seinen Schülern abverlangte, ertrugen nicht viele Fahrer. Manche, die mit ihm begonnen hatten, bevorzugten es dann, ihre Fähigkeiten abseits der Schule weiter zu verbessern – zum Beispiel Joan Mir.

Dennoch sah Chicho Lorenzo nach Mirs Titelgewinn in der Königsklasse im Jahr 2020 seinen Traum als verwirklicht an, mit einem weiteren Fahrer das zu erreichen, was er mit Jorge geschafft hat. Eine Generation von Mallorquinern folgte dem Beispiel seines Sohnes – und mit Izan Guevara ist es nun bereits die zweite Generation.

Zum Abschluss wollten wir von Chicho Lorenzo noch wissen, welche entscheidende Eigenschaft ein Fahrer aufweisen muss, um Erfolg zu haben. Ohne zu zögern antwortete er: «Das Wichtigste ist für mich der Charakter – wir sehen es am Beispiel von Marc Márquez.»

Kann Charakter Talent ersetzen?

«Wie viele talentierte Fahrer kennt ihr, die es nicht geschafft haben?»

Viele…

«Damit sollte die Frage beantwortet sein.»

Diesen Artikel teilen auf...

Mehr über...

Siehe auch

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Ferrari: Wer soll auf dem Schleudersitz Platz nehmen?

Mathias Brunner
Es ist einer der reizvollsten Posten in der Königsklasse, aber ein Job mit Stress-Garantie: Teamchef bei Ferrari. Mattia Binotto hatte davon die Nase voll, aber wer soll folgen? Erneut gibt’s bei Ferrari viel Unruhe.
» weiterlesen
 

TV-Programm

  • Di.. 06.12., 06:00, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 06:23, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 06:32, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 06:40, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 06:50, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 06:54, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 06:59, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 07:09, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 07:20, ORF Sport+
    silent sports +
  • Di.. 06.12., 07:28, ORF Sport+
    silent sports +
» zum TV-Programm
4