Tony Arbolino: «Ein Jahr auf dem Sofa geschlafen»

Von Nora Lantschner
SPEEDWEEK.com traf Tony Arbolino aus dem Elf Marc VDS Racing Team zum Interview und sprach mit dem Italiener über Carlo Pernat, Jorge Lorenzo und den unbedingten Willen, es an die Spitze zu schaffen.

Tony Arbolino feierte nach einer schwierigen ersten Moto2-Saison (WM-14. im Intact GP Team) im April dieses Jahres beim «Red Bull Grand Prix of the Americas» in Austin seinen Premierensieg in der zweithöchsten Klasse und begeisterte direkt im Anschluss mit seinen erfrischenden Worten im Parc Fermé, die einen Einblick in das Gefühlsleben des 21-Jährigen aus Garbagnate Milanese boten.

SPEEDWEEK.com setzte sich mit dem Moto3-Vizeweltmeister von 2020 und aktuell WM-Fünften der Moto2-Klasse zusammen, um genauer herauszufinden, wie Tony tickt.

Was für ein Typ ist Tony Arbolino, auf und neben der Strecke?

Ich versuche, das Leben sehr gelassen zu nehmen, auch abseits der Strecke. Ich bin ein junger Kerl, der diesen Sport liebt, der von klein auf meine Leidenschaft ist. Ich habe alles dafür gegeben, meine Familie hat alles dafür gegeben, auch aus finanzieller Sicht, um in dieser Welt etwas zu erreichen.

Auch wenn es finanziell nicht so einfach war, habe ich alles immer auf eine gute Weise erlebt. Ich komme aus einer sehr bescheidenen Familie, ich bin auch in einem sehr bescheidenen Ort aufgewachsen, mit meinen Großeltern. Das hat mir sehr geholfen und, auch wenn ich älter wurde, blieb ich immer bei dieser Einstellung: Ich nehme die Dinge lieber locker, auch neben der Strecke.

Und auf der Strecke?

Mit Helm verändere ich mich ein bisschen. (Er schmunzelt.) Ich weiß nicht, warum das so ist, aber wenn ich auf die Strecke gehe, verändert sich auch meine Denkweise ein bisschen. Denn ich bin hier, weil es für mich eine große Bedeutung hat. Ich will, dass alles gut funktioniert. Ich widme dem also viel Zeit.

Die Rennwochenenden sind für mich Leidenschaft, aber ich lege auch Wert darauf, dass gute Ergebnisse herauskommen. Das ist das, was mein Körper von mir verlangt. Zu 100 Prozent.

Man bekommt den Eindruck, du lebst für diesen Sport und bist dafür auch nach Barcelona gezogen.

Genau. Ich habe immer versucht, den Sport an erste Stelle zu stellen. Ich bin der Auffassung, dass du etwas gut machst, wenn es nicht an zweiter, sondern an der ersten Stelle steht. Wenn es eine Sache gibt, du aber auch noch an anderes denkst, und diese Sache daher an zweiter Stelle steht, wird es automatisch nicht so gut funktionieren, wie es sonst laufen könnte.

Ich bin so aufgewachsen. Meine Familie hat mir das mitgegeben, seit ich klein war. Dafür bin ich ihnen dankbar, weil sie mir das beigebracht haben – nicht nur auf dem Motorrad, sondern auch im Job und im alltäglichen Leben.

Danach habe ich aber selbst einen Schalter umgelegt, als ich ungefähr 19 Jahre war. Von da an fing ich an, das Motorrad und die Vorbereitung darauf, körperlich und mental, wirklich an erste Stelle zu stellen. Und von dem Moment an haben sich die Dinge ein bisschen verändert.

Und die Ergebnisse kamen: Zwei Moto3-Siege 2019, ein weiterer GP-Sieg und Moto3-Vizeweltmeister 2020.

Ja, deshalb mache ich auf diese Weise weiter – und jedes Mal will ich noch mehr. Ich schätze mich auch glücklich, Leute um mich zu haben, die es genauso wollen. Wenn du dagegen Leute um dich hast, die nicht so denken wie du, ist es schwierig. Ich habe ein Umfeld, das so an die Dinge glaubt, wie auch ich es mache. Das macht alles leichter.

Dabei bist du einer der wenigen italienischen GP-Asse, die nicht im VR46-Lager groß wurden. Du bist dafür ein Schützling von Carlo Pernat – wie Enea Bastianini.

Ja, genau. Ich fing an, mit Carletto zu arbeiten, seit ich diesen Schalter umgelegt habe. Besser gesagt: Ich ging zu ihm und fragte ihn, ob er mir helfen könnte. Denn ich spürte, dass sich in mir und in dieser Welt des Motorradsports etwas veränderte. Ich war sehr konzentriert, nur auf das Motorrad, und ich brauchte eine Person, die an den Rest denken würde.

Ich habe ein gutes Verhältnis zu Carlo, er hat mich immer sehr geschätzt. Ich bin also mit meinem Vater los, wir sind zu ihm gefahren und ich habe ihn gefragt, ob er mich unterstützen könnte, damit ich mich entwickeln konnte, und ob er sich um alles rundherum kümmern würde. Eben damit ich mich voll auf meine Ziele fokussieren konnte.

Das war für mich in dem Moment besonders wichtig, weil ich mich an einem Punkt in meiner Karriere befand, an dem ich entweder etwas schaffen musste – oder eben nichts schaffen würde. Das hatte ich verstanden und deshalb habe ich alles gegeben, um sicherzustellen, dass etwas Gutes passieren würde.

Du bist dann auch nach Lugano gezogen, um mit Jorge Lorenzo zu arbeiten.

Genau, das war auch zu der Zeit. Ich versuchte, noch mehr zu tun, aber recht viel mehr konnte ich in meiner Situation nicht machen. Im Bereich des Trainings und der Vorbereitung einen weiteren Schritt zu machen, fiel mir in meiner kleinen Stadt schwer.

Da kam Jorge ins Spiel, der in Malaysia zu mir gekommen ist, als ich bei der Massage war, und mich gefragt hat: ‚Wo wohnst du?‘ Und ich antwortete: ‚In Mailand.‘ Und er: ‚Ich in Lugano und ich war auf der Suche nach einem starken Fahrer, mit dem ich zusammen trainieren könnte. Komm her.‘

Es war seine Idee. Er gab mir die Chance, mit seinem Trainer zu arbeiten. Ich habe also meine Sachen gepackt und bin nach Lugano gegangen. Meine Mutter lebte dort mit jemandem zusammen, ich schlief dort auf dem Sofa, weil die Wohnung klein war – ein Jahr lang. Für meinen Rücken war das schlecht, ein Jahr auf dem Sofa, aber ich musste dort trainieren. Motorrad sind wir am Ende nicht viel gefahren, sondern mehr mit dem Rennrad und viel körperliches Training.

Half es dir, mit einem fünffachen Weltmeister wie Jorge Lorenzo zu trainieren?

Ja, ich habe einen Schritt gemacht – auch mit seinem Trainer [Ivan Lopez], der jetzt noch mein Trainer ist. Meine Denkweise hat sich von da an ein bisschen verändert. Ich glaube, das war die Sache, die aus mir eine andere Person und einen anderen Fahrer gemacht hat.

Hast du noch immer ein gutes Verhältnis zu Jorge?

Er ist jetzt ein bisschen draußen aus allem und es ist schwierig, weil ich in Barcelona lebe. Aber ich habe großen Respekt vor ihm und ich werde ihm immer dankbar sein. Denn er half mir in einer heiklen Phase meiner Karriere. Er half mir, die wichtigen Dinge zu verstehen und er half mir, indem er mir einen seiner Leute gegeben hat.

Deine Familie lebt weiter in Mailand?

Ja. Ich liebe diesen Sport und ordne ihm alles unter. Ich bin dennoch die Person, die ich immer war, aus einer sehr bescheidenen Familie. Das ist das Konzept, das ich immer in mir trage. Es ist nichts aufgesetzt. Ich bin so.

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