Gescheiterte Rennstreckenprojekte: Die Liste ist lang

Von Günther Wiesinger
Es gibt viele MotoGP-Rennstreckenprojekte, die nie verwirklicht wurden. Balatonring, Goiania, Chile, Brasilia, Bulgarien, Wales, Pelambang, KymiRing – viele Pläne für neue Motorrad-GP-Schauplätze scheiterten.

Die Dorna agiert seit 1992 als Vermarkter der kommerziellen GP-Rechte, sie hat in diesen 30 Jahren etliche neue GP-Strecken auf den Kalender gebracht. Aber es finden sich auch gehörige Flops unter den Rennstrecken-Projekten.

Für die Saison 2013 wurde der «Circuit of the Americas» (COTA) in Austin/Texas neu in den GP-Kalender befördert. 2014 fand die Rückkehr des Argentinien-GP statt, erstmals im 1150 km von Buenos Aires entfernten Las Termas de Rio Hondo. 2016 kehrte der Österreich-GP in Spielberg in den MotoGP-Terminplan zurück, erstmals seit 19 Jahren. Dann debütierten 2018 Buriram (Thailand) und 2022 Mandalika (Indonesien) im Kalender. 

Aber in den letzten zehn Jahren sind einige Pläne für neue Motorrad-GP-Schauplätze gescheitert. Oft waren die Dorna-Manager zu gutgläubig, manchmal sie wurden von zwielichtigen Rennstreckenbauern und zweifelhaften Promotern hinters Licht geführt.

Oft waren sogar renommierte Politiker im Spiel, die vor Wahlen irgendwelche illustren Versprechungen machten – und dann ein paar Monate später gar nicht mehr im Amt waren.

Ein erstes dramatisches und peinliches Beispiel: Die Dorna vereinbarte in Großbritannien einen Fünf-Jahres-Vertrag mit den euphorischen Hintermännern des «Circuit of Wales»; der erste WM-Lauf im Norden von Ebbw Vale hätte schon 2015 stattfinden sollen. Doch Michael Carrick, Chef der Head of the Valleys Development Company, fiel in erster Linie durch scheinheilige Beteuerungen und durch eine meisterhafte Verzögerungstaktik auf.

In Wirklichkeit wurde nie ein Spatenstich vorgenommen. Die Circuit-of-Wales-Manager mussten für den WM-Lauf 2015 den Silverstone Circuit mieten! In England gingen die Experten schon damals davon aus, dass der Motorrad-WM-Lauf auch 2016 auch 2017 in Silverstone abgewickelt werden müsse. 2017 ging Carrick pleite. Jetzt wird in Northamptonshire bis inklusive 2026 gefahren.

Als ich 2016 mit dem Circuit of Wales-Direktor Chris Herring um 100 Pfund wetten wollte, dass in Wales nie ein Grand Prix stattfinden werde, entgegnete er: «Nein, nur um 10 Pfund.» Später seufzte er: «Das Projekt sollte am Schluss rund 410 Millionen Euro kosten. Dafür kannst du in Afrika ein ganzes Land kaufen.»

Fragwürdige Investoren

Einen ähnlichen Reinfall erlebte die Dorna vor mehr als zehn Jahren mit dem Ungarn-GP. Windschiefe spanische Investoren wollten den Balatonring in der ungarischen Tiefebene am Plattensee errichten.

Der Grand Prix stand für 20. September 2009 sogar fix im Kalender, Gabor Talmacsi als 125-ccm-Weltmeister galt als Galionsfigur. Aber die Motorsportarena in der Puszta kam über das Planungsstadium und eine Art Rohbau (nach den Erdarbeiten schlief alles ein) nie hinaus.

Nicht viel anders erging es den GP-Absichten der Manager des Crimea Circuits auf der Halbinsel Krim, die 2014 von Russland annektiert wurde. Der Crimea Circuit wurde zwar irgendwann fertiggestellt, aber das Geld der fragwürdigen Investoren reichte nicht aus, um eine GP-würdige Infrastruktur auf die Beine zu stellen.

Auch mit potenziellen GP-Veranstaltern in Bulgarien und Singapur, wo eine permanente Piste in der Nähe des Flughafens errichtet werden sollte, hat die Dorna Vorverträge und Absichtserklärungen für Motorrad-GP-Events abgeschlossen. In Bulgarien war immerhin der ehemalige 80-ccm-GP-Pilot und spätere Verbandspräsident Bogdan Nikolov in das Rennstreckenprojekt engagiert.

Aber meistens brauchten die Möchtegern-GP-Veranstalter die Dorna-Verträge nur, um auf Geldsuche zu gehen, die Bemühungen versickerten meistens ergebnislos.

Das war auch vor sieben Jahren in Chile nicht anders. Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta war von den Verantwortlichen in Chile beeindruckt, die das Autódromo Internacional Codegua betrieben. Es wurde mit Errichtungskosten von 20 Millionen US-Dollar kalkuliert. Die Piste sollte 4,6 km lang und 13 Meter breit sein, die Start/Zielgerade eine Breite von 16 Meter aufweisen. Das Fahrerlager sollte sich über 45.000 Quadratmeter erstrecken. Über der modernen Boxenanlage waren 36 VIP-Räume geplant, dazu ein Shopping-Boulevard mit 7000 Quadratmetern sowie Restaurants, Souvenir-Läden und Aussichtsterrassen.

Die Chilenen ließen sich beim ersten Las-Termas-GP 2014 blicken und hatten immerhin eine fast einsatzbereite Rennstrecke vorzuweisen. Aber es gab keine Genehmigungen dafür, sie war illegal errichtet worden; aus dem geplanten Chile-GP für 2016 oder 2017 wurde nichts. Er hätte jeweils eine Woche nach dem Argentinien-GP durchgeführt werden sollen.

Die Dorna und Safety Officer Franco Uncini trafen Antonio D'Angelo, den Director der Firma «React Sports», die als GP-Promoter auftreten und das Autódromo Internacional de Codegua (AIC) als Schauplatz für den MotoGP-Event in Chile fertigbauen und finanzieren wollte. Juan Pablo Morales war als Architekt für das Layout des Autódromos verantwortlich. 2015 sollte zur Probe ein Superbike-WM-Lauf in Chile abgewickelt werden. Doch alle diese Pläne platzten.

Expansion nach Südamerika gescheitert

Die von den Sponsoren und Motorradwerken gewünschte Expansion nach Südamerika ist somit vorläufig gescheitert. Denn auch die Pläne einer Rückkehr des Brasilien-GP nach Goiania oder für einen Neubau des verwahrlosten Ayrton-Senna-Circuits in Brasilia sind ins Wasser gefallen. In Brasilien hatten die Fußball-WM und die Olympischen Spiele Vorrang; die korrupten Politiker konnten sich daneben kein weiteres Großprojekt leisten.

Auch ein pompöser Rennstreckenneubau in Rio auf dem Gebiet eines ehemaligen Fußballstadions ist im Sande verlaufen. Formel 1 und MotoGP sollten dort ihre WM austragen. Danach wurde verhandelt, ob die Formel-1-Rennstrecke von Mexico City für MotoGP nutzbar gemacht werden sollte, am besten gleich für 2019, aber auch daraus wurde nichts.

Aus Istanbul und Shanghai hat sich die Dorna nach wenigen Jahren wieder zurückgezogen, weil das Interesse der Zuschauer und der Industrie zu wünschen übrig liess.

Ein Grand Prix auf der pompösen Formel-1-Strecke in Abu Dhabi scheiterte am mangelnden Interesse der Scheichs, die für die Motorräder keine zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen treffen wollten.

Anders war die Situation am Buddh Circuit in Indien. Weil die indischen Zollbehörden die Auflagen der Dorna und IRTA nicht erfüllen wollten, wurde der Indien-GP bisher nie Wirklichkeit. Auch die Formel 1 verabschiedete sich rasch wieder aus Indien.

Trotzdem blieb der asiatische Raum mit seinen aufstrebenden Märkten im Visier der Dorna-Manager. Und der indische Buddh Circuit steht jetzt für 2023 erstmals fix im Kalender; die strengen Zollmaßnahmen wurden von den Behörden ausgesetzt. 

In Indonesien sollte der Sentul Circuit bei Jakarta, der 1996 und 1997 GP-Schauplatz war, modernisiert und 2017 in den GP-Kalender gehievt werden. Aber mit dem Gelände von Tommy Suharto (sein Vater war Präsident von Indonesien und herrschte als Diktator) wollte niemand etwas zu tun haben, denn er wurde wegen Mordes verurteilt.

Nachher plante Hermann Tilke eine Strecke in Palembang/Südsumatra am Rande des Geländes der Asian Games, aber die Regierung verwarf diesen Plan und setzte hingegen auf die Strecke «Mandalika Street Ciruit» auf der indonesischen Ferieninsel Lombok.

Der Chang International Circuit in der Provinz Buriram in Thailand stand bei der Dorna jahrelang auf der Warteliste. Er musste aber zuerst drei Jahre lang die Superbike-WM beherbergen, also bis inklusive 2017, erst für 2018 klappte der sehnsüchtig erwartete GP-Deal.

Manche Rennstrecken-Projekte in exotischen Ländern haben sich also als Hirngespinste erwiesen.

Aber etliche euphorische Projekte klappten, zum Beispiel der Losail Circuit in Katar, der seit 2004 nicht aus dem Kalender wegzudenken ist.

Und auch die Expansion nach Saudi-Arabien nimmt konkrete Formen an, obwohl bisher noch keine MotoGP-taugliche Piste entstanden ist.

Und dem Trip zum Sokol Circuit in Kasachstan im Juli 2023 steht offenbar auch nichts mehr im Wege.

KymiRing-GP für immer gestorben

Hand und Fuß schien ursprünglich das Konzept der Finnen mit dem KymiRing zu haben, der ursprünglich für 2017 fertig sein sollte und im August 2019 von den MotoGP-Testteams erstmals befahren werden konnte.

Der erste Grand Prix auf der 4,6 km langen und mit 18 Kurven gespickten Piste war für Juli 2020 vorgesehen. Aber es klappte nie. 2022 wurde der Event wenige Wochen vor dem GP-Termin vom 10. Juli abgesagt. Für immer. Denn die Dorna fordert Schadenersatz in der Höhe von 6,4 Millionen Euro. Aber die KymiRing-Betreiber sind seit dem Sommer pleite.

Gemeinsam mit dem KymiRing-GP sollte 2021 zur Corona-Zeit erstmals auch ein Russland-GP auf dem Igora Drive Circuit bei St. Petersburg (nur ca. 4 Fahrstunden vom KymiRing entfernt) abgewickelt werden, an zwei aneinander folgenden Sonntagen im Juli. Doch der Deal platzte, eine Rückkehr ist wegen des Ukraine-Kriegs illusorisch, obwohl die Piste verlängert werden soll und auch die DTM Interesse zeigte.

Zuletzt wurde 1982 auf dem gefährlichen Straßenkurs (er beinhaltete sogar eine rumpelige Bahnüberquerung) in Imatra ein Motorrad-GP von Finnland gefahren. Die 500-ccm-Klasse kam dort 1981 zum letzten Mal zur Austragung.

Die Werks-Yamaha von Kenny Roberts und Barry Sheene verfügten damals über den neuen V4-Motor mit dem empfindlichen Magnesium-Motorgehäuse. Bei beiden Piloten brach das Gehäuse. «Die Yamaha-Ingenieure sind ahnungslos», wetterte der dreifache 500-ccm-Weltmeister Kenny Roberts.

Auf meine Nachfrage ergänzte King Kenny grinsend: «Sie haben in Japan eine Testrecke ohne holprigen Bahnüberquerung gebaut...»

Der MotoGP-Kalender 2023

26. März: Portimão/Portugal
02. April: Termas de Río Hondo/Argentinien (F1 Australien)
16. April: Circuit of The Americas/Texas (F1 China)
30. April: Jerez/Spanien (F1 Aserbaidschan)
14. Mai: Le Mans/Frankreich
11. Juni: Mugello/Italien
18. Juni: Sachsenring/Deutschland (F1 Kanada)
25. Juni: Assen/Niederlande
09. Juli: Sokol Circuit/Kasachstan** (F1 Grossbritannien)
06. August: Silverstone/GB
20. August: Red Bull Ring/Österreich
03. September: Catalunya/Spanien (F1 Italien)
10. September: Misano/Italien
24. September: Buddh Circuit/Indien** (F1 Japan)
01. Oktober: Motegi/Japan
15. Oktober: Mandalika/Indonesien
22. Oktober: Phillip Island/Australien (F1 Austin)
29. Oktober: Buriram/Thailand (F1 Mexiko)
12. November: Sepang/Malaysia
19. November: Losail Circuit/Katar* (18.11. F1 Las Vegas)
26. November: Valencia/Spanien (F1 Abu Dhabi)

* = Nachtrennen bei Flutlicht
** = Strecke noch nicht homologiert

Diesen Artikel teilen auf...

Mehr über...

Siehe auch

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Fernando Alonso im Aston Martin: Na denn gute Nacht

Mathias Brunner
​Der spanische Formel-1-Star Fernando Alonso tritt 2023 in einem Aston Martin an, für den Technikchef Dan Fallows die Verantwortung trägt. Der Brite sagt: «Meine besten Ideen kommen mitten in der Nacht.»
» weiterlesen
 

TV-Programm

  • So.. 05.02., 23:55, SWR Fernsehen
    sportarena
  • Mo.. 06.02., 00:35, Motorvision TV
    Australian Superbike Championship 2022
  • Mo.. 06.02., 00:35, Motorvision TV
    Australian Superbike Championship 2022
  • Mo.. 06.02., 01:10, ServusTV Österreich
    Sport und Talk aus dem Hangar-7
  • Mo.. 06.02., 02:35, ServusTV
    Sport und Talk aus dem Hangar-7
  • Mo.. 06.02., 04:40, Motorvision TV
    High Octane
  • Mo.. 06.02., 06:00, Motorvision TV
    400 Thunder Australian Drag Racing Series 2020
  • Mo.. 06.02., 07:00, SWR Fernsehen
    sportarena
  • Mo.. 06.02., 07:50, Motorvision TV
    NASCAR Cup Series 2022
  • Mo.. 06.02., 09:00, ORF Sport+
    Formel E 2023: 2. & 3. Rennen Diriyah, Highlights
» zum TV-Programm
3