Yamaha-Werksteam: Wagen die Manager das Risiko?

Kolumne von Ivo Schützbach
Superbike-WM
Überflieger Andrea Locatelli

Überflieger Andrea Locatelli

Yamaha hat beschlossen, erst nach dem nächsten Superbike-WM-Event in Barcelona zu entscheiden, wer 2021 im Werksteam und bei der Satelliten-Truppe GRT fahren wird. Die Tendenzen sind eindeutig.

Wochenlang galt Loris Baz als aussichtsreichster Kandidat für den zweiten Platz im Yamaha-Werksteam 2021 neben Toprak Razgatlioglu, Michael van der Mark wechselt zu BMW. Inzwischen zeichnet sich ab, dass ihm auch sein diesjähriges Team Ten Kate alle Wünsche erfüllen kann. Die Niederländer sind nach langem Bitten optimistisch, dass sie für 2021 das vollständige Elektronikpaket von Yamaha erhalten, bezüglich Gehalt können sie dem WM-Neunten die gleiche Größenordnung bieten.

Von diesen beiden Schlüsselpunkten abgesehen, haben sie dem Werksteam zudem etwas voraus. Ten Kate ist an keinerlei Konzernvorgaben gebunden, sie können entwickeln, was immer Baz sich wünscht. Das ganze Team ist zu 100 Prozent auf den Franzosen zugeschnitten. Und er fühlt sich bei der Mannschaft aus Nieuwleusen ausgesprochen wohl.

Jetzt könnte Yamaha natürlich auch in fremden Gewässern fischen, der langjährige Ducati-Pilot Chaz Davies (30 Siege, 93 Podestplätze) hat sich angetragen.

Doch seine Verpflichtung würde das gesamte Nachwuchsprogramm von Yamaha ad absurdum führen.

Wie kein anderer Hersteller hat die Manufaktur mit den drei Stimmgabeln im Logo einen Werdegang etabliert, der Fahrer aus den nationalen R3-Cups bis in die Weltmeisterschaft bringt. Dort angelangt können sie über Supersport 300 in die Supersport- und von dort in die Superbike-WM aufsteigen. Sogar der Umstieg in MotoGP-WM ist möglich, auch wenn das seit 2011 (Cal Crutchlow) nicht mehr praktiziert wurde.

Mit Garrett Gerloff und Federico Caricasulo aus dem Giansanti Racing Team sowie Supersport-WM-Leader Andrea Locatelli hat Yamaha vielversprechende Eigengewächse.

Problematisch: Laut Einschätzung der Yamaha-Verantwortlichen ist weder Gerloff noch Caricasulo bereit für den Wechsel ins Werksteam. Durch die fünfmonatige Coronapause konnten sich beide nicht so einleben und entwickeln, wie das in einer normalen Saison der Fall gewesen wäre.

Deshalb wird immer wahrscheinlicher, dass Yamaha den überragenden Locatelli direkt ins Superbike-Werksteam transferiert, anstatt ihn erst ein Jahr bei GRT zu parken.

Sicher, es gibt Risiken: Der 23-Jährige fuhr noch nie eine 1000er und konnte weder in der Moto2- noch in der Supersport-WM Erfahrung mit ausgefeilter Elektronik sammeln. Gleichzeitig zeigt Locatelli aber Leistungen, wie wir sie in der Supersport-WM noch nie gesehen haben. Er hat die ersten neun Rennen des Jahres gewonnen und kann bereits am übernächsten Wochenende in Barcelona Weltmeister werden. Sieg im ersten Rennen, die meisten Siege zu Saisonbeginn, die meisten Siege in einer Saison – all’ diese Rekorde hat er bereits inne.

Das Yamaha-Werksteam ist davon überzeugt, über ausreichend gute Elektroniker zu verfügen, um das Erfahrungsdefizit von Locatelli aufzuwiegen.

Hinzu kommt: Die Saison 2021 wird wegen der Covid-19-Seuche nicht wie üblich Ende Februar in Australien, sondern erst Anfang April in Spanien oder Portugal losgehen. Locatelli kann theoretisch mit einer privaten Yamaha R1 im Winter tausende Runde abspulen und sich an das große Motorrad gewöhnen.

Und die Wintertests werden deutlich entspannter. Normal passiert alles in den letzten zwei Wochen im November und Januar. Wir reden also von vier Wochen Vorbereitungszeit, bevor der offizielle Test auf Phillip Island stattfindet. Bevor die Saison 2021 beginnt, haben die Teams dreieinhalb Monate Vorbereitung: November, die zweite Januar-Hälfte, Februar und März.

Die Zeichen stehen so günstig wie lange nicht mehr für Yamaha, den Supersport-Weltmeister direkt ins Superbike-Werksteam zu bringen. Zuletzt taten sie das mit Cal Crutchlow für die Saison 2010.

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