Ritt durch die Grüne Hölle: Abenteuerlich und absurd

Von Andreas Reiners
DTM

Am kommenden Wochenende steigt das 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife, am Start sind auch zahlreiche DTM-Fahrer. Ich kann nachvollziehen, was die Strecke so magisch macht.

Der V8-Motor vibriert im ganzen Körper, das Adrenalin ist sofort da, der Respekt auch, kombiniert mit steigender Euphorie und Nervosität, freudiger Erwartung. Ein surrealer Gefühlsmix, eine emotionale Bandbreite in komprimierter Fassung, in kurzer Abfolge, im Stakkato-Stil.

Ich bin bereit. Glaube ich. Die 500 PS machen sich bemerkbar, als sie aufheulen, der Krach ist auch unter dem Helm ohrenbetäubend. Ich fühle das DTM-Auto förmlich, in dem ich auf dem Beifahrersitz Platz genommen habe. Ich spüre die Kraft, die mich in ihren Bann zieht.

Ex-DTM-Champion als «Chauffeur»

Neben mir: Der frühere DTM-Champion Martin Tomczyk. Vor mir: Die heftigste Rennstrecke, die man als Profi erleben kann, als Normalsterblicher sowieso.

Die Nordschleife, der anspruchsvolle Teil des Nürburgrings. «Grüne Hölle». Mythos, Legende, irgendwo im Nirgendwo inmitten der beschaulichen Eifel. 20,832 Kilometer, 73 Kurven, 300 Meter Höhenunterschied, bergauf, bergab am absoluten Limit.

«Alles klar?» fragt mich mein «Chauffeur» mit einer kurzen Geste. «Klar, los geht's», soll mein Daumen sagen, als ich auch schon in den Sitz gedrückt werde. Zeit, darüber nachzudenken, ob ich das wirklich will, habe ich ab jetzt keine mehr.

Der Abtrieb ist enorm, das Erlebnis ein Stück weit unwirklich. Die Strecke rauscht vorbei, Bäume und Leitplanken gefühlt im Millimeterabstand. Immer wieder kommen Stellen, in die ich blind mitfliege. Kuppen, bei denen wir abheben. Bremszonen, in denen ich in die Gurte knalle. Eine Mischung aus flauem Magen und Geschwindigkeits-Rausch.

Magisch. Völlig verrückt. Spektakulär. Ein sieben Minuten langer Adrenalinkick, der mich nicht nur mental malträtiert, sondern auch körperlich.

Fuchsröhre, Bergwerk, Kesselchen, Steilstrecke, Hohe Acht: Alle Sinne sind sensibilisiert, sie explodieren, überfordern, machen süchtig. Die Erkenntnis reift mit jedem Meter: Hier brauchst du Eier. Sogar als Beifahrer.

Unschlagbare Strecke

«Keine Strecke der Welt wird die Nordschleife schlagen», sagt DTM-Fahrer Mike Rockenfeller. Es stimmt, was soll da noch kommen? Die Geschwindigkeit, die Länge, der Fluss, die ganze Komposition ist Motorsport-Geschichte, irgendwas zwischen Genie und Wahnsinn. Und das alles bei einem Tempo jenseits der 250 km/h.

Abenteuerlich. Absurd.

Eine einzige Herausforderung, auch für die Profis. «Es war gar nicht so leicht, das Auto auf der Stecke zu halten», sagte Tomczyk nach der wilden Fahrt. Gut, dass ich das erst nachher erfahren habe.

Wie mag das erst am absoluten Limit, im Renntrimm sein? Und am besten noch bei einem 24-Stunden-Rennen, unter Dauerfeuer also? Mit Gegnern, Überholmanövern? Tagsüber, im Dunkeln?

Keine Frage: Diese Erfahrung war einzigartig, vor allem verschaffte sie mir einen Einblick, was die Faszination der «Grünen Hölle», wie Formel-1-Legende Sir Jackie Stewart sie einmal getauft hat, ausmacht. Im Grunde ist die Strecke eine einzige Mutprobe, sie gilt als besonders unbarmherzig, Angst und Anspannung gibt es hochdosiert.

Deshalb pfeifen auch zahlreiche DTM-Stars, die gerade erst einen Triple-Header hinter sich haben und sowieso seit August sechs Rennwochenenden absolviert haben, auf eine Pause, trotz des engen Programms in dieser Corona-Saison.

Die Audi-Stars Nico Müller, René Rast und Robin Frijns zum Beispiel hatten zwischendurch auch noch das Saisonfinale der Formel E mit den sechs Rennen in Berlin abgerissen. Bei BMW sind Sheldon van der Linde, Marco Wittmann, Lucas Auer und Philipp Eng aus der DTM trotz der stressigen Wochen dabei.

«Die Strecke ist die geilste der Welt. Mit Abstand. Mit viel Abstand», sagt Eng: «Was du auf Slicks im Sonnenschein auf eine Runde erlebst, ist eine Sache. Die andere Sache ist, wenn du ins Schwedenkreuz reinfährst, und es ist trocken, dann kommst du aber ins Metzgesfeld, und es ist eine andere Klimazone. Das ist eine besondere Herausforderung, weil die Strecke so lang ist und du mehrere "Klimazonen" hast. Du musst dich als Team und als Fahrer immer wieder auf neue Situationen einstellen.»

Die Idealvorstellung: Eine Runde auf der Nordschleife, kein Verkehr, wenig Benzin, neue weiche Reifen und es gibt nur das Auto und die Strecke: «Das ist geilste, was du als Rennfahrer machen kannst», so Eng. Das kann ich nachfühlen.

«Der Bratwurstgeruch im Brünnchen ist für mich das Geilste», sagt Wittmann. «Die Kulisse dort ist schon geil mit den Barbecues und den Campern, aber du bekommst den Geruch ins Rennauto. Das ist eine geile Atmosphäre und eine Erinnerung, die dir keiner nehmen kann. Das Flair ist einfach großartig, 200.000 Zuschauer und die riesige Startaufstellung - das ist genial.»

Wegen der Coronakrise sind in diesem Jahr aber weitaus weniger Fans zugelassen. 5000 Zuschauer sollen es auf den Tribünen des Grand-Prix-Kurses sein, die Nordschleife bleibt geschlossen.

Trotzdem wird es wieder ein wilder Ritt werden.

«Die Strecke ist für jeden Fahrer die beste, denn sie hat viele schnelle Kurven, es geht alles sehr hektisch zu, es gibt keine Auslaufzonen, und diese Herausforderung lieben wir», sagte Rast.

Er hat das Rennen bereits gewinnen können. «Der Sieg ist eine große Ehre für jeden Fahrer, es ist das größte GT3-Rennen der Welt und auch das herausforderndste. Es ist gut, dass ich das von meiner Liste abhaken konnte, sonst hätte ich jedes Mal eine Menge Druck, dort gewinnen zu müssen.»

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