Grand-Prix-Sport: Geisterrennen als letzte Hoffnung

Von Günther Wiesinger
Formel 1
​Falls wir 2020 überhaupt noch Grand-Prix-Sport erleben, wird die Atmosphäre an Formel-1-Wintertests erinnern: Keine Fans auf den Tribünen, weniger Menschen im Fahrerlager. Geisterrennen als letzte Hoffnung.

Der Spanier Carmelo Ezpeleta, CEO der Sportmarketing-Agentur Dorna Sports S.L., sprach in einem Aufsehen erregenden Interview mit SPEEDWEEK.com erstmals seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie offen über das «worst case»-Szenario, das bisher kaum jemand wahrhaben wollte: 2020 wird womöglich oder sogar aller Voraussicht nach kein MotoGP-Rennen stattfinden.

Während Formel-1-CEO Chase Carey die Situation in Zuckerwatte packt und noch vor zwei Wochen vollmundig von 15 bis 18 Rennen sprach, bringt Ezpeleta den Ernst der Lage schonungslos auf den Tisch. Und seine Worte gelten auch für die Formel 1.

Der 74-Jährige aus Barcelona sagt offen: «Wir befinden uns im Krieg. Nach dem Ende dieses Krieges werden wir die Kampfgebiete begutachten und bewerten, wie es in den verschiedenen Ländern aussieht. Und dort werden wir mit Sicherheit überall andere Situationen und Vorschriften vorfinden als vor der Coronakrise. Dann müssen wir nachdenken und beratschlagen, was wir machen können. Wenn wir Pech haben, müssen wir alle restlichen 19 Grand Prix von 2020 absagen. Wie gesagt: Nur wenn es sicher ist, können wir noch über einzelne Rennen in diesem Jahr nachdenken. Aber die oberste Prämisse: Wir dürfen die Gesundheit keines einzigen Menschen gefährden.»

Momentan beteiligten sich in den drei WM-Klassen Moto3, Moto2 und MotoGP insgesamt 42 Teams und 83 GP-Fahrer an der Meisterschaft, wobei wir jene doppelt zählen, die sich an zwei Klassen beteiligen, weil sie ja auch fast das doppelte Personal und entsprechende Kosten haben. Die Formel 1 tourt mit zehn Rennställen und 20 Piloten um die Welt, sieben Teams stammen aus Grossbritannien, zwei aus Italien, eines aus der Schweiz.

Aber durch die Reiseverbote, die im GP-Sport nicht nur die europäischen Länder betreffen, sondern auch viele asiatische wie Thailand, Malaysia, Indonesien und Japan sowie Südafrika, Südamerika und die USA, werden manche Nationen der Motorrad-Weltmeisterschaft fernbleiben müssen, falls sie wirklich im September oder Oktober mit Geisterrennen (ohne Zuschauer) noch losgehen könnte.

«Wir rechnen momentan gar nicht aus, wie viele Teams wir pro Klasse brauchen, um ein WM-Rennen abwickeln zu können», versichert Carmelo Ezpeleta.

Denn es herrschen ja überall Versammlungsverbote. In der Schweiz wurde die Anzahl der erlaubten Personen im März zum Beispiel zügig von 1000, dann auf 50 und wenige Tage auf 5 reduziert. Jetzt dürfen die kleinen Geschäfte wie Bäckereien und Apotheken nur mehr von 3 Personen betreten werden.

Ezpeleta weiß aber: «Wir brauchen allein für die Austragung eines MotoGP-Events 800 Menschen im Fahrerlager. Dann rechnen wir in den Klassen Moto2 und Moto3 mit jeweils 400 weiteren. Dazu brauchen wir die Organisation und so weiter, damit kommen wir auf 2000 Menschen. Da sind keine Teamgäste dabei, keine Medien, keine Marketingleute und so weiter. Es ist also fast unmöglich, ein Rennen mit weniger als 2000 Leuten zu machen.»

Damit zeichnet sich ab: Die Versammlungsverbote, Abstandsregeln (1 bis 2 Meter) sowie die Flug- und Reiseverbote werden den Motorsport 2020 aller Voraussicht nach verhindern. Dazu muss sich jeder Veranstalter bewusst sein, dass er keine leichtsinnige Gesundheitsgefährdung riskieren darf. Denn es existiert das strafrechtlich relevante Delikt der «fahrlässigen Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten».

Wurde bereits daran gedacht, die MotoGP-Königsklasse in den Vordergrund zu rücken und die zwei kleinen GP-Klassen zu streichen?

«Nein, nein», weist Ezpeleta so eine Überlegung energisch von sich. «Nein, wenn uns die Behörden 2000 Personen im Paddock erlauben, wird das mit den drei Klassen kein Problem sein. Das würden wir nur in Betracht ziehen, wenn eine Gesundheitsbehörde in einem Veranstalterland sagt: Ihr könnt maximal 800 Leute herbeibringen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nach der Krise in so eine Situation kommen werden. Denn ob wir 800 oder 1000 Leute haben, diese Menschenmenge kann ungefähr eine gleiche Anzahl anderer Personen infizieren.»

Aber für den Red Bull Rookies-Cup (existiert seit 2007) und den MotoE-Weltcup wird in diesem Jahr kein Platz sein bei einzelnen Europa-Rennen? «Ja, höchstwahrscheinlich. Wir können das jetzt noch nicht genau einschätzen. Aber es besteht die Gefahr, dass wir diese beiden Serien für dieses Jahr absagen müssen. Wir haben mit Red Bull bereits darüber gesprochen. Wenn es notwendig sein wird, diesen Cup für ein Jahr zu streichen, wird es kein Problem sein», ist der Dorna-CEO überzeugt.

Der gegenwärtige Formel-1-Kalender 2020

28. Juni: Le Castellet, Circuit Paul Ricard/F
05. Juli: Spielberg, Red Bull Ring/A
19. Juli: Silverstone, Silverstone Circuit/GB
02. August: Mogyoród bei Budapest, Hungaroring/H
30. August: Francorchamps, Circuit de Spa-Francorchamps/B
06. September: Monza, Autodromo Nazionale/I
20. September: Singapur, Marina Bay Street Circuit/SGP
27. September: Sotschi, Sochi Autodrom/RUS
11. Oktober: Suzuka, Suzuka Circuit/J
25. Oktober: Austin, Circuit of the Americas/USA
1. November: Mexico City, Autódromo Hermanos Rodríguez/MEX
15. November: São Paulo, Autódromo José Carlos Pace/BR
29. November: Abu Dhabi, Yas Marina Circuit/UAE

Ohne neuen Termin
Shanghai, Shanghai International Circuit/RCH
Melbourne, Albert Park Circuit/AUS
Bahrain, Bahrain International Circuit/BRN
Hanoi, Street Circuit Hanoi/VN
Zandvoort, Circuit Park Zandvoort/NL
Montmeló bei Barcelona, Circuit de Barcelona-Catalunya/E
Aserbaidschan, Baku City Circuit/AZ
Montreal, Circuit Gilles Villeneuve/CDN

Abgesagt
Monte Carlo, Circuit de Monaco/MC

Das ursprüngliche WM-Programm

15. März: Melbourne, Albert Park Circuit/AUS
22. März: Bahrain, Bahrain International Circuit/BRN
5. April: Hanoi, Street Circuit Hanoi/VN
19. April: Shanghai, Shanghai International Circuit/RCH
3. Mai: Zandvoort, Circuit Park Zandvoort/NL
10. Mai: Montmeló bei Barcelona, Circuit de Barcelona-Catalunya/E
24. Mai: Monte Carlo, Circuit de Monaco/MC
7. Juni Aserbaidschan, Baku City Circuit/AZ
14. Juni: Montreal, Circuit Gilles Villeneuve/CDN
28. Juni: Le Castellet, Circuit Paul Ricard/F
5. Juli: Spielberg, Red Bull Ring/A
19. Juli: Silverstone, Silverstone Circuit/GB
2. August: Mogyoród bei Budapest, Hungaroring/H
30. August: Francorchamps, Circuit de Spa-Francorchamps/B
6. September: Monza, Autodromo Nazionale/I
20. September: Singapur, Marina Bay Street Circuit/SGP
27. September: Sotschi, Sochi Autodrom/RUS
11. Oktober: Suzuka, Suzuka Circuit/J
25. Oktober: Austin, Circuit of the Americas/USA
1. November: Mexico City, Autódromo Hermanos Rodríguez/MEX
15. November: São Paulo, Autódromo José Carlos Pace/BR
29. November: Abu Dhabi, Yas Marina Circuit/UAE

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