Skandal in Indy 2005: Beschimpft und angespuckt

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1

​Die Formel 1 zeigte am 19. Juni 2005 eine der jämmerlichsten Darbietungen: Nur sechs Autos nahmen in Indianapolis den USA-GP auf. Die Fans waren ausser sich – ich wurde beschimpft und angespuckt.

Sind es wirklich schon 38 Jahre her, dass ich aus Montreal von meinem ersten Grand Prix berichtet habe? Montreal 1982 bis Abu Dhabi 2019 ist ein ziemlich wahnsinniger Ritt gewesen, das war schon das eine oder andere verrückte GP-Wochenende dabei. Aber nur wenige waren so skurril wie Indianapolis 2005.

Auf dem Indianapolis Motor Speedway fand in den Jahren 2000 bis 2007 der US-amerikanische WM-Lauf statt, für die Formel 1 wurde extra ein Streckenteil im Innenraum gebaut, dazu wurde ein Teil des klassischen Ovals verwendet, allerdings in Gegenfahrtrichtung der IndyCars und NASCAR-Boliden. Der damalige IMS-Chef Tony George gab für die Umbauten 60 Millionen Dollar aus, samt eines neuen Rennleiterturms. Das Schicksal des Formel-1-Laufs in Indy war jedoch mit der grenzenlosen Blamage von 2005 besiegelt.

Michelin hatte Reifen in die USA gebracht, welche der Belastung im Oval-Teil der Strecke nicht gewachsen waren. Ralf Schumacher hatte im Training nach einem Reifenschaden links hinten in Kurve 13 einen schweren Unfall. Michelin liess in aller Eile andere Reifen einfliegen, Spezifikation Barcelona, aber das Problem blieb.

Rechtsexperten warnten die Franzosen: Kommt es zu einem weiteren Unfall, vielleicht sogar mit verletzten Zuschauern, dann werdet ihr mit Prozessen eingedeckt, welche euch Millionen kosten.

Michelin bat um den Einbau einer Schikane vor Kurve 13, um die Balastung auf die Walzen zu senken, die FIA-Regelhüter lehnten das ab. Ebenso verworfen wurde das Ansinnen, dass die Michelin-Fahrer alle zehn Runden frische Reifen abholen. Das hätte sechs bis sieben Boxenstopps bedeutet, denn gefahren wurde über 73 Runden.

Ergebnis: Nach der Aufwärmrunde zum USA-GP fuhren alle Michelin-bereiften Autos an die Box, also vierzehn Renner der Rennställe Renault, McLaren, BMW-Williams, Toyota, Red Bull Racing, Sauber und BAR-Honda.

Zum Start stellten sich nur sechs Rennwagen mit Bridgestone-Walzen auf, zwei Ferrari (mit Michael Schumacher und Rubens Barrichello), zwei Jordan (mit Tiago Monteiro und Narain Karthikeyan) und zwei Minardi (mit Christijan Albers und Patrick Friesacher).

Die 130.000 Fans waren zunächst wie betäubt über dieses skurrile Schauspiel, dann wurden sie fuchsteufelswild, sie pfiffen und buhten, viele kritzelten spontan Schilder, auf welchen sie ihrer Abscheu Ausdruck gaben. Sie forderten ihr Geld zurück, schrieben auf Kartonstücke und Tücher «Gone Prix» (gegangen, verloren, fort) statt Grand Prix, sie schrieben «die Formel 1 stinkt», «ihr enttäuscht uns» und «startet das Rennen neu». Was leider nicht passierte.

Ab Runde 10 verliessen Tausende Fans ihre Plätze und gingen nach Hause. Vor der Kartenverkaufsstelle der Piste versammelte sich ein Mob, der wütend Geld verlangte. Die Polizei musste gerufen werden, damit die Situation nicht eskaliert.

Dass Michael Schumacher vor Rubens Barrichello gewann und Tiago Monteiro zum ersten Portugiesen auf einem Formel-1-Siegerpodest wurde, interessierte keinen mehr. Vier Polizisten wurden Michael Schumacher zur Seite gestellt, weil Ferrari um die Sicherheit des Superstars fürchtete.

Wie immer brachte Niki Lauda die Situation schön auf den Punkt: «Das ist der grösste Formel-1-Witz aller Zeiten, so eine Farce habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt.»

Red Bull-Rennberater Dr. Helmut Marko: «Das war das Schlechteste, was der Formel 1 in Amerika passieren konnte.»

Nachdem ich damals meine ganzen Berichte abgesetzt hatte, wollte ich am Abend mit dem Mietwagen vom Medienparkplatz losfahren. Der Platz war umringt von Fans, deren Ärger noch nicht verflogen war. Als die geprellten GP-Besucher anhand des meines Ausweises sahen, dass ich mit dem Zirkus etwas zu tun haben musste, wurde ich übel beschimpft und angespuckt. Fans trommelten beim Wegfahren auf meinen Mietwagen. Ich konnte den Menschen noch nicht mal böse sein. Denn ich schämte mich für meine Formel 1.

Die Formel 1 blieb bis 2007 in Indy, gemäss des damaligen Vertrags von Bernie Ecclestone. Die Fans zeigten der Königsklasse die kalte Schulter.

Erst 2012 kehrten GP-Renner in die USA zurück, auf die erste, eigens für die Formel 1 in Nordamerika gebaute Rennstrecke, den Circuit of the Americas bei Austin/Texas. Das Rennen ist bis heute ein Publikumserfolg.

Die Wunden von Indy sind verheilt.

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