Urteil Willi Balz (Windreich AG): 4,5 Jahre Haft

Von Günther Wiesinger
Moto2
2011 warb sogar Moto2-Weltmeister Stefan Bradl für die Windreich AG. Jetzt wurde Firmenchef Willi Balz zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Noch 2013 lauschten die Wirtschaftsjournalisten der renommiertesten Blätter Deutschlands den salbungsvollen Worten des Windpark-Entwicklers Willi Balz, des Vorstandsvorsitzenden der Windreich AG. Kaum ein Superlativ, das dem selbsternannten «Windmüller» nicht zugeschrieben wurde. Er hielt Vorträge und sprach gern von einem Projektvolumen von mehr als 1 Milliarde Euro. Auch von 1,6 Milliarden war zwischendurch die Rede...
In Wirklichkeit hatte die Windreich AG aber durch zwei Anleihen nur 125 Millionen Euro eingenommen und jahrelang Verluste erwirtschaftet.

Trotzdem wurde der heute 60-jährige Balz von willfährigen Wirtschafts-Journalisten als Kraftwerk bezeichnet, als Macher und Motivator, als Antreiber und Alphatier. In Wirklichkeit entpuppte er sich eher als Jongleur mit dem Geld fremder Leute.

Global Tech 1 sollte der Windpark vor der deutschen Nordseeküste heißen, mit dem sich der eifrige Oldtimer-Sammler und langjährige Motorsportsponsor auf hohe See wagte. 2008 wurde die Anlage genehmigt, sie sollte jährlich 1,4 Milliarden Kilowattstunden Strom liefern. Damit könne der Bedarf von 450.000 Haushalten und einer Million Menschen gedeckt werden, schwärmte Balz. Er war Gründer, Vorstandsvorsitzender und Alleinaktionär der Windreich AG.

In euphorischen Pressemitteilungen sprach die Windreich AG von jährlichen Umsätzen von 100 Millionen Euro.

Bald stellte sich heraus: Balz hat um seine Geschäfte zu viel Wind gemacht. Die FAZ deckte schon 2013 Ermittlungen durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen den Windparkentwickler Windreich AG auf. Es sei ein Verfahren wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation, des Kapitalanlagebetrugs, der Marktpreismanipulation und des Kreditbetrugs eingeleitet worden, wurde berichtet. Rund 35 Beamte des Landeskriminalamts durchsuchten damals die Hauptverwaltung des in Wolfschlugen ansässigen Unternehmens sowie vier Privatwohnungen. Die Ermittlungen richteten sich gegen fünf amtierende und ehemalige Vorstandsmitglieder. Vorstandsvorsitzender und Alleinaktionär des Unternehmens ist Willi Balz.

Das Landgericht Stuttgart kam bei seinem Urteilsspruch heute zur Überzeugung, dass sich Balz unter anderem der vorsätzlichen Insolvenzverschleppung, des Betrugs, der Untreue, der veruntreuenden Unterschlagung und des Insiderhandels schuldig gemacht habe. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Die Staatsanwaltschaft hatte für Balz sogar fünf Jahre und drei Monate Haft beantragt. Die Verteidigung forderte hingegen einen Freispruch für den 60-jährigen Angeklagten.

Die Windreich AG mit Sitz in Wolfschlugen (Kreis Esslingen) hatte sich auf Windkraftanlagen an Land und auf hoher See spezialisiert und im September 2013 Insolvenz angemeldet. Das Gericht folgte der Sichtweise der Anklage, die Unternehmensgruppe sei schon sehr viel früher zahlungsunfähig gewesen. Außerdem haben sich Balz andere Vergehen zuschulden kommen lassen, sagte der Vorsitzende Richter Alexander Stuckert; das berichtet die «Badische Zeitung».

Ursprünglich standen acht Angeklagte vor Gericht. Gegen sieben von ihnen wurde das im August 2019 begonnene Verfahren inzwischen eingestellt. Übrig blieb nur Balz, der sich einst als Pionier für Windkraftanlagen zur Stromerzeugung auf dem Meer darstellte.

Ein Faible für Prominenz

Willi Balz entwickelte nicht nur Windparkanlagen, sondern auch ein Faible für Prominenz. Er holte den ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsminister Walter Döring genau so in den Vorstand wie die TV-Moderatorin Sabine Christiansen.

Als Motorsportsponsor unterstützte der Windmüller 125-ccm-Weltmeister Dirk Raudies bereits 1993. Damals investierte Balz noch in Immobilien in den Neuen Bundesländern. Später kamen Fahrer wie Loris Capirossi, Alex Hofmann, Stefan Bradl, Philipp Öttl und Katja Poensgen dazu und Teams wie Eckl Kawasaki und Kiefer Racing.

Harald Eckls Kawasaki-MotoGP-Werksteam warb vor ca. 15 Jahren für Balz' neue Energiefirma Natenco, die er später an den französischen Theolia-Konzern verkaufte. So einem stark überhöhten Preis, wie später gemutmasst wurde.

Balz wird nachgesagt, er habe nicht davor zurückgeschreckt, gutgläubige Rennfahrer und Teamchefs wie Raudies, Waldmann und Teamchef Eckl zu Investitionen zu verleiten, die teilweise mit schweren finanziellen Verlusten endeten.

Balz hat 2011 bei seinen Motorrad-GP-Besuchen verlauten lassen, er wolle es als erster Einwohner von Wolfschlugen zum Milliardär bringen. Beim WM-Finale in Valencia 2011 pirschte er sich am Grid an Paris Hilton heran, die damals für das Moto3-Team von Viñales die Werbetrommel rührte. Er drückte ihr vor lauter Aufregung eine falsche Visitenkarte in die Hand.

2011 erzielte die Windreich AG laut ihrer Bilanz einen Umsatz von 121 Millionen Euro. Die Schulden beliefen sich jedoch bereits auf 434 Millionen Euro – nach 266 Millionen Euro im Jahr zuvor. Für 2012 die Geschäftszahlen verspätet veröffentlicht.

In Düsseldorf sass Balz als Beifahrer beim Race of Champions neben Sebastian Vettel. Dazu ließ er sich mit Weltumsegler Bertrand Piccard fotografieren, der die Welt als erster Mensch mit einem Ballon umkreiste. Mit seinem zehnsitzigen Privatflugzeug Pilatus PC12 flog Balz Prominenz wie Ministerpräsident Stefan Mappus. Und Rennstrecken-Architekt Hermann Tilke wurde als Experte für die Projektsteuerung und das Controlling präsentiert.

Irgendwann dozierte er von drei genehmigten (einer nannte sich MEG 1, einer Deutsche Bucht) und 20 beantragten Windparks. Balz wollte in den kommenden Jahrzehnten 1700 Windräder für mehr als 30 Milliarden Euro in die Nordsee stellen. Die Leistung von 8500 Megawatt reiche aus, um 23 Millionen Menschen mit Strom zu versorgen, rechnete Balz vor. Bei solch windigen Angaben blieb den meisten Zuhörern andächtig der Mund offen. Wie diese Strommenge den Weg zu den Verbrauchern finden und wie er gespeichert werden sollte, solche Details wollte da niemand mehr erörtern.

Der Ausbaubedarf für neue Stromtrassen liegt bis 2022 bei 3800 km. Wer die Kosten von 20 Milliarden bezahlen sollte, darüber herrschte immer Unklarheit.

Der Windreich AG wurde in einer Studie ein Marktanteil von 35 Prozent für Offshore-Windkraft in der deutschen Nordsee attestiert. Damit sei sie uneingeschränkter Marktführer, hiess es.

Die Windreich AG legte windschiefe 6.5-%-Anleihen auf, die Anleger schlugen alle Warnungen in den Wind. Irgendwann kehrte Windstille ein. Zur Jahreswende 2011/2012 mehrten sich die Informationen, Willi Balz sei nicht mehr erreichbar. Der Geldstrom der Sponsorship-Zahlungen versiegte. Und Balz beweihräucherte seine Oldtimer-Heldentaten nicht mehr in windschiefen, ganzseitigen Anzeigen.

Dafür mehrten sich die Anzeichen von nicht rechtzeitig fertiggestellten Windparks. Die Genehmigungsverfahren gestalteten sich unberechenbar und langwierig. Die Behörden prüften die Auswirkungen auf die Meeresumwelt immer strenger. Balz hielt die Risiken für überschaubar. Die Restrisiken seien versichert, behauptete er.

Oldtimer mit Firmengeld erworben

Balz vermengte mitunter Geschäftliches und Privates. 2009 habe die Firma Windreich AG ihrem Eigentümer Balz ein Darlehen über 48,5 Millionen Euro gewährt, berichtete die Creditreform. Er habe es vor allem für den Erwerb historischer Rennwagen verwendet, wurde Balz vorgeworfen.

Doch Balz machte weiter viel Wind. «Wir werden uns gegen die grossen Konzerne durchsetzen», kündigte er an und meinte wohl die Energieriesen RWE, E.On, ENMW und Vattenfall.

2013 haben die 35 Einsatzkräfte des Landeskriminalamts 1200 Stehordner und riesige Mengen digitaler Daten beschlagnahmt. Auf der Homepage der Windreich AG hieß es damals, man werde alle Vorwürfe schnell ausräumen.

Aber schon damals stand nicht nur den Windkraftanlagen in der Nordsee das Wasser bis zum Hals.

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