Warum wir nicht mit den MotoGP-Stars tauschen möchten

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Die MotoGP-Boxen blieben in Katar zu

Die MotoGP-Boxen blieben in Katar zu

Fabio Quartararo ist wohl nicht der einzige MotoGP-Pilot, auf den sein Kommentar «Ich werde noch verrückt» aktuell zutrifft. Die Zwangspause stellt alle Beteiligten auf die Probe.

Ausschnitt aus dem Tagebuch eines MotoGP-Fahrers:

06:00 – Bin aufgewacht, hab mein Leder angezogen für den Fall, dass sich der Kalender ändert.
06:05 – Hab das Leder ausgezogen, bin laufen gegangen.
10:00 – Hab mein Leder angezogen für den Fall, dass sich der Kalender ändert.
10:05 – Lese meine Mails. Die Rennen sind weiterhin verschoben. Leder ausgezogen. Habe Tee aus der Tasse meines Sponsors getrunken.
13:00 – Hab mein Leder angezogen für den Fall, dass sich der Kalender ändert.
13:05 – Hab das Leder ausgezogen. Habe kalorienbewusst Mittag gegessen (Pasta), trage die Kappe eines anderen Sponsors.
14:00 – Neue Kalenderänderungen wurden bekanntgegeben. Monatelang nichts. Hab mein Leder angezogen, nur für den Fall. Habe an Selbstmord gedacht.
14:05 – Bin Fahrradfahren gegangen, bis ich zu müde zum Denken war.
19:00 – Habe das kalorienbewusste Abendessen ignoriert (wieder Pasta). Hab eine ganze Flasche Wodka aus der Tasse meines Sponsors getrunken.
20:00 – Hab ein frisches Leder angezogen. Bin eingeschlafen.

Gut… Hoffentlich kommt keiner auf Selbstmordgedanken. Aber diese leichtfertige Bemerkung beiseite und ganz im Ernst, es ist eine trostlose Zeit für die ganze Welt und besonders besorgniserregend, wenn man an das seelische Befinden der Weltklasse-Athleten denkt, die das ganze Jahr über für ihre Wettkämpfe trainieren und bereits in den Startlöchern standen. Viele «normale» Leute könnten meinen, dass sie eine Schraube locker haben.

Ich teile diese Ansicht. Ich habe während der letzten drei Jahrzehnte genug Weltmeister und Möchtegern-Könner kennengelernt. Sie haben vielleicht nicht diese wilden, starren Augen und sie schimpfen nicht ständig (na gut, zumindest nicht alle), aber es sind nur sehr wenige dabei, von denen man nicht denken könnte, dass sie zumindest ein bisschen verrückt sind.

Auf eine wirklich gute Art und Weise.

Sich Wochenende für Wochenende dieser Gefahr auszusetzen, sein Leben zu riskieren und sich mit den besten Fahrern der Welt zu messen, ist eine besonders feine Art von Wahnsinn. Irre – auch wenn auf ihre verrückte Art tatsächlich gesünder als in den erbarmungslosen Konkurrenzkampf der Amateure einzusteigen, wo es den Leuten darum geht, genug Geld zu verdienen, um sich jährlich zwei Wochen Urlaub auf einem überfüllten Strand leisten zu können.

Es hilft natürlich, wenn man besessen ist. Auch wenn einem das oft erst im Nachhinein bewusst wird. Der Unterschied in der Mentalität zwischen aktiven Fahrern und jenen im Ruhestand kann erstaunlich sein, sogar für sie selbst.

Ich kenne Fahrer, die hätten dir den Kopf abgerissen, wenn du sie nur im Geringsten beleidigt hättest, als sie noch aktiv waren. Nach zwei Jahren im Ruhestand erschienen sie dann als komplett friedliche und amüsante Kumpanen zu einem Abendessen. Als hätten sie die Ketten abgelegt. (Um fair zu sein, muss man aber auch sagen, dass sich manche nie ändern werden. Vor allem die, die sich nicht freiwillig zur Ruhe gesetzt haben.)

Wieso bewundern und respektieren wir unsere Rennfahrer-Helden? Wegen ihres Talents (das ist offensichtlich) und wegen ihrer mentalen Hingebung. Aber nur wenige von uns beneiden sie tatsächlich. Vor allem nicht jetzt, wenn die vergangenen Monate – in denen sie kostenaufwendig gemanagt wurden und unter strenger Anweisung ihr mentales und körperliches Trainingsprogramm abgespult haben, dazu die ganzen Diäten und aufwendigen Übungen, die alle darauf abgestimmt waren, beim Saisonauftakt in Katar in Bestform zu sein – am Ende, nun ja, für nichts gut waren.

Coitus interruptus. Vielleicht wortwörtlich, sollten die ganzen Berichte aus dem schwer vom Virus getroffenen Italien korrekt sein. So schrieben die Kollegen von GPOne.com, dass Marc Márquez und seine hübsche Modelfreundin Lucia Rivera Romero sich nach über einem Jahr der Glückseeligkeit getrennt haben. Anscheinend war der unerwartete Stress, den das ständige Aufeinanderhocken mit sich brachte, der Grund dafür.

Hört sich für mich nach einer Fake-News an. Beruhigender sind Nachrichten von der Gazzetta dello Sport, die besagen, dass Valentino Rossi seine Zeit zu Hause in Tavullia mit seiner Mutter Stefi und seiner Freundin Francesca Sofia Novello genießt.

Es sind wirklich außergewöhnliche Zeiten. Der Rennsport steckt in einer Art Weltkrieg des 21. Jahrhunderts. Es gibt zwar keine Schießereien, aber das normale Leben ist ebenso suspendiert wie die Wirtschaft.

Angesichts der aktuellen Umstände ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Saison, wie momentan geplant, am 3. Mai in Jerez in Spanien beginnt. Es ist genauso unwahrscheinlich, dass die verbliebenen 19 Rennen in die gegebene Zeit gequetscht werden können. Dem Regelwerk zufolge müssen mindestens 13 Rennen gefahren werden, um einen Weltmeister küren zu können. Diese Regeln müssen wahrscheinlich ein wenig angepasst werden.

In der Zwischenzeit drehen die Fans Däumchen und schauen sich die Wiederholungen ihrer Lieblingsrennen an (lustigerweise haben diese immer dasselbe Resultat); Organisatoren und Promoter haben Probleme mit den Finanzen und dem Umorganisieren; Reifen-Techniker machen sich Gedanken, ob sie neue Reifen für besondere Umstände produzieren müssten, sollte sich die MotoGP-WM in den europäischen Winter verschieben.

Und die Fahrer? Wer konnte, trainierte bis vor Kurzem noch weiter auf den Dirt-Bikes, aber auch das ist inzwischen – ganz abgesehen vom Verletzungsrisiko – ein wirkliches Problem. Maverick Viñales verbrachte nach einem Motocross-Unfall bereits eine Nacht im Krankenhaus.

Rossi geht auf Nummer sicher: «Mit meinen Kumpels und den Jungs aus der VR46-Riders-Academy tragen wir online richtige Fights am Simulator aus. Zuletzt ein Rennen in Spa.»

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