MotoGP-WM 2020: Die härteste Saison aller Zeiten?

Von Mat Oxley
MotoGP
Bis die MotoGP-WM in Jerez in die Saison 2020 startet, gilt es noch einige Hürden zu meistern

Bis die MotoGP-WM in Jerez in die Saison 2020 startet, gilt es noch einige Hürden zu meistern

Die MotoGP-WM 2019 wurde in 19 Rennen über einen Zeitraum von 37 Wochenenden entschieden. 2020 werden es 13 Grand Prix innerhalb von nur 18 Wochen sein. Wie werden Fahrer und Teams damit fertig?

Die Freude war groß, als vor etwas mehr als einer Woche der lang herbei gesehnte Kalender für den Neustart der MotoGP-Saison 2020 veröffentlicht wurde: 13 oder vielleicht sogar mehr Grand Prix sind demnach vorgesehen. Dreimal Hurra!

Vor zwei Monaten gab es noch ernsthafte Zweifel, ob die Covid-19-Pandemie in diesem Jahr überhaupt noch eine MotoGP-WM möglich machen würde. Deshalb sollte jeder – Fahrer, Teams und Fans – glücklich darüber sein, dass es endlich losgeht.

Bei all dem Jubel sollten wir aber auch einen genaueren Blick auf den komplett umgekrempelten Kalender werden und auf das, was er für die Menschen, die das Rennfahren möglich machen, bedeutet. Denn die logistischen, körperlichen, mentalen und technischen Herausforderungen der MotoGP-Saison 2020 werden auf einem nie dagewesenen Niveau sein.

Die Weltmeisterschaft wurde nun auf 13 Rennen innerhalb eines Zeitraums von nur 18 Wochenenden komprimiert und könnte mit drei Übersee-GP bis zum 13. Dezember ausgedehnt werden – dann wären es 16 Rennen innerhalb von 22 Wochenenden. Eine endgültige Entscheidung dazu fällt spätestens Ende Juli.

Zum Vergleich: 2019 war die MotoGP an 19 Rennwochenenden im Einsatz, die auf einen Zeitraum von 37 Wochenenden verteilt waren. Erschwerend hinzu kommt in diesem Jahr, dass die Teams auf eine Rumpfmannschaft reduziert werden müssen, damit die strengen Richtlinien des Protokolls eingehalten werden können. Man einigte sich darauf, in der Moto3- und Moto2-Klasse nur insgesamt zwölf Teammitglieder zu den Grands Prix mitzunehmen. In der MotoGP-WM dürfen die fünf Werksteams je 45 Personen ins Fahrerlager einschleusen, die Privatteams je 25.

Neue Aspekte fließen in den WM-Kampf ein

Diese vier bis fünf Monate werden für alle Beteiligten unglaublich hart werden, was für die Fans, die vorerst nur von zu Hause aus dabei sein werden, eine weitere Dimension ins Spiel bringt: Wie werden Fahrer und Teams reagieren?

Die Fahrer werden mit einer anderen Einstellung an die Sache herangehen müssen. Denn wer sich auch nur leicht verletzt, wird sich wahrscheinlich aus dem Titelrennen verabschieden müssen. Und sie werden besonders aufpassen müssen, sich nicht mit dem Virus zu infizieren.

Für die Mechaniker und die Crew-Mitglieder wird es mindestens genauso anstrengend sein. Sie werden nicht nur härter als je zuvor arbeiten müssen – mit weniger Manpower – sie werden auch vier oder fünf Monate lang aus dem Koffer leben, mit kaum Aussicht auf eine Pause, in der sie ihre Batterien wieder aufladen könnten.

Das Ganze wird aber auch einige Vorteile mit sich bringen: Anstatt im Flugzeug von Rennen zu reisen, werden einige aus dem Paddock im Camper oder Motorhome unterwegs sein und sich in einem Konvoi bewegen, wie es unter den Fahrern vor Jahrzehnten noch üblich war. Das Gemeinschaftsgefühl im Fahrerlager wird sich durch die Coronakrise und die damit einhergehenden Problematiken verstärken, wie es auch schon auf anderen Ebenen des Alltags der Fall war.

Die Logistik zählt zu den komplizierten Aufgaben, die es zu bewältigten gilt. Fakt ist: Der Kalender ist dicht gedrängt und die Lieferketten werden von der Pandemie beeinträchtigt. Deshalb arbeiten die Werke jetzt schon daran Ersatzteile einzulagern, vor allem Sturzteile und Verkleidungen, denn wenn die Rennen erst einmal ins Rollen kommen, wird kaum Zeit bleiben, um Teile herzustellen und zu transportieren.

Alles deutet darauf hin, dass der aufreibende Covid-19-Kalender die Saison in einen noch nie dagewesenen Kraftakt verwandeln wird. Dass manche im Fahrerlager besorgt auf das blicken, was vor ihnen liegt, ist daher keine große Überraschung. Aber man wird kaum jemanden finden, dem ein Sommer ohne Rennen lieber wäre.

Jeder will Rennen fahren und die meisten Teams müssen es auch, denn WM-Promoter Dorna wird es sich nicht ewig leisten können, sie finanziell zu unterstützen, ohne selbst Einkünfte durch die Rennen zu erzielen. Die Teams schöpfen ihr Einkommen daraus, vor TV-Kameras zu performen. Können sie das nicht tun, erleiden sie starke finanzielle Verluste, es droht die Pleite.

«Diese Saison wird sehr hart sein. Aber wir wissen nicht wie hart, denn keiner hat es schon einmal ausprobiert», gestand mir ein Werks-Ingenieur. «Das wird im Vergleich zu allen anderen das größte Problem sein.»

Mit welchen anderen Problemen werden Fahrer und Teams konfrontiert? Wer zurzeit außerhalb von Europa weilt, ist sich noch gar nicht sicher, ob er rechtzeitig nach Spanien reisen kann, um vor Jerez eventuell eine zweiwöchige Quarantäne auszusitzen.

Reisebeschränkungen bereiten noch Kopfzerbrechen

Die größten Sorgen bereiten jene Paddock-Mitglieder, die aus Japan anreisen. Immerhin bilden Honda, Suzuki, Yamaha und andere japanische Unternehmen einen erheblichen und unerlässlichen Teil des Fahrerlagers.

Im Moment rät die japanische Regierung dringend von Reisen nach Europa ab, was es für große Unternehmen schwierig macht, ihre Mitarbeiter in einen Flieger zu setzen. Es besteht aber die Chance, dass die Behörden Anfang Juli die Warnstufe von 3 auf 2 herabsetzen – gerade rechtzeitig für Jerez, wo der Neustart der Saison am 15. Juli mit einem Testtag erfolgt.

Wer aber aus Australien kommt – wie Jack Miller oder mehrere Crew-Mitglieder von Valentino Rossi – steht vor noch größeren Hürden. Nach aktuellem Stand verbietet die australische Regierung ihren Bürgern, das Land selbst aus Arbeitsgründen zu verlassen. Es sei denn, dies sei «für die Erhaltung systemrelevanter Branchen und Unternehmen von wesentlicher Bedeutung».

Wie sehr wir die MotoGP-WM auch lieben, es wird schwierig, jemanden davon zu überzeugen, dass es sich dabei um «systemrelevante Branchen und Unternehmen» handelt.

Ähnliche Hindernisse gibt es auch in anderen Ländern außerhalb Europas.

Was passiert, falls diese Personen nicht rechtzeitig nach Jerez kommen? Werden die Rennen trotzdem ausgetragen? Oder werden die betroffenen Teams darauf bestehen, die Saison noch weiter aufzuschieben?

Wenn wir davon ausgehen, dass im Juli auch alle Nicht-Europäer nach Europa reisen können, bleibt immer noch das Problem mit ihren Arbeitsvisa. Denn der überarbeitete Kalender zwingt sie dazu, sich länger als gewöhnlich in Europa aufzuhalten. Im Schengen-Abkommen ist jedoch festgehalten, dass sich Ausländer in einem Zeitraum von 180 Tagen nur 90 Tage ununterbrochen im Schengenraum aufhalten dürfen.

Und während die Europa-Runden des Kalenders feststehen, ist die Pandemie noch nicht überwunden. In Peking wurden in der vergangenen Woche die ersten Fälle seit fast zwei Monaten gemeldet, was die Behörden dazu veranlasste, einige Gebieten erneut abzuriegeln.

Die MotoGP-Gemeinde wird bei den meisten Events den Atem anhalten, bis die Ampel am Sonntagnachmittag auf grün schaltet. Denn auch das Rennfahren hängt von der epidemiologischen Entwicklung am jeweiligen Schauplatz ab.

Wir sehen also Licht am Ende des Tunnels, aber es ist nicht so hell, wie wir es gerne hätten.

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