Andrea Dovizioso: Auf was wartet Ducati noch?

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Andrea Dovizioso: Niemand wünscht sich, dass er Ducati den Rücken zukehrt

Andrea Dovizioso: Niemand wünscht sich, dass er Ducati den Rücken zukehrt

Ducati will erst Ende August mit Andrea Dovizioso über 2021 verhandeln. Die Italiener treiben mt ihrem Superstar ein übles Spiel. Warum spricht Audi kein Machtwort?

Wenn man sich die Berichte über die Verhandlungen von Andrea Dovizioso mit Ducati Corse über den neuen Vertrag zu Gemüte führt, stößt man auf viel Unverständnis. «Eine Farce», sagte der ehemalige Aprilia-Rennmanager Carlo Pernat, der schon Fahrer wie Capirossi, Simoncelli und Iannone gemanagt hat, «Etwas stimmt nicht», stellte Pramac-Ducati-Teammanager Francesco Guidotti fest. «Ducati spielt auf Zeit», fasste ein anderer Beobachter zusammen.

Tatsächlich ist es eine Tatsache, dass Ducati Dovizioso für 2021 und 2022 kein konkretes Abgebot gemacht hat. Die Italiener wollen die ersten fünf Grand Prix im Juli und August abwarten.

Der umstrittene Ducati-CEO Claudio Domenicali hat sich schon 2019 kräftig verzockt, als er Superbike-Star Álvaro Bautista nach 16 Laufsiegen wegen eines nicht gerade lukrativen Angebots an Honda verlor. Er zog den schnellen Spanier dann beleidigt in den Kakao.

Tatsächlich hat sich Claudio Domenicali jetzt schon wieder mit etlichen Winkelzügen in eine Sackgasse manövriert und das Verhältnis zu seinem MotoGP-Aushängeschild Andrea Dovizioso nachhaltig zerstört. Einige Ducati-Teammitglieder argwöhnen, Domenicali wolle sich nur an Dovis Manager Simone Battistella rächen, der im Herbst den Sensations-Transfer von Bautista zu Honda einfädelte. 

Es ist dem dreifachen MotoGP-Vizeweltmeister Dovizioso hoch anzurechnen, dass er trotz all dieser Störfeuer keine Schmutzwäsche wäscht, sich mit Aussagen zurückhält – und wacker auf der Rennstrecke seine beste Performance zeigt. Am Sonntag glänzte der 34-jährige Routinier mit dem dritten Platz.

Dabei kommen die besten Ducati-Strecken erst – zum Beispiel in Brünn und Spielberg, wo außer Ducati in vier Jahren bisher noch kein Hersteller gewonnen hat. «Dovi» 2017 und 2019, jeweils in einem furiosen Duell gegen Marc Márquez, einmal mit 0,176 sec Vorsprung, im Vorjahr mit 0,213 sec.

Dovizioso: Viele magere Ducati-Jahre

Kommen wir zum Kern des Problems. Andrea Dovizioso hat seine Karriere bei Ducati Corse 2013 begonnen, als die Desmosedici nach dem Abgang von Casey Stoner und des Konstrukteurs Ing. Filippo Preziosi in einer tiefen Krise steckte. Innerhalb kürzester Zeit war man vom Stahlchassis auf ein Karbon-Monocoque und dann zur Rossi-Ära auf ein Alu-Chassis gewechselt, in Borgo Panigale existierte für diese Bauweise kein Know-how, obwohl kolportiert wurde, Rossi habe seine 2009-Weltmeister-Yamaha als Anschauungs-Objekt vorübergehend in Bologna deponiert.

Unter General Manager Bernhard Gobmeier wurde 2013 ein Alu-Chassis in Italien gebaut, eines bei Suter Industries in der Schweiz.  Aber das Chassis war nicht die einzige Schwachstelle der Ducati, auch die brachiale Leistungsentfaltung trieb viele Fahrer zur Verzweiflung. Deshalb nahm zum Beispiel Cal Crutchlow Ende 2014 nach einem Jahr Reißaus, trotz eines Vertrags für 2015.

Andrea Dovizioso ertrug diese mageren Jahre mit Seelenruhe. Er fuhr 2014 überall 1 sec schneller als Crutchlow und wusste, dass der ehemalige Aprilia-Renndirektor Gigi Dall’Igna, ein schlauer Fuchs und seit Oktober 2013 bei Ducati Corse neuer General Manager, aus der Desmosedici bald wieder ein Sieger-Motorrad machen würde.

2016 war es so weit. Andrea Iannone siegte in Spielberg, Dovi in Sepang. Im Jahr darauf errang er sechs Siege und den zweiten WM-Rang. Trotzdem holte Ducati für 12,5 Millionen Euro im Jahr den fünffachen Weltmeister Jorge Lorenzo, der brave Soldat Dovizioso wurde mit 1 oder 1,5 Mio abgespeist.

Dovizioso reagierte auf seine Weise, er trainiert mehr, er legte vermehrt Wert auf seine mental Vorbereitung, er suchte keine Ausreden – sondern erhöhte den Druck auf Superstar Marc Márquez. 2017 hielt Dovi den Titelkampf bis zum Finale offen.

Ducati offerierte Andrea nach 13 Siegen für 2020 endlich ein angemessenes Salär, es ist von ca. 4 Millionen die Rede.

Doch wegen der Coronakrise und der verringerten Anzahl Rennen (13 statt 20) musste «Dovi» im Frühjahr einer saftigen Gehaltsreduktion zustimmen, wie Teamkoordinator Davide Tardozzi in Jerez offenbarte.

Bei Honda wurde so ein Rabatt bei Marc Márquez nie in Erwägung gezogen.

Für 2021 soll Dovis geschrumpfte Gage noch einmal reduziert werden. Am Schluss könnte nur noch die Hälfte der ursprünglichen 4-Mio-Euro-Gage übrig bleiben, war in den letzten Wochen in Erfahrung zu bringen.

Deshalb hat Dovizioso-Manager Simone Battistella seinen MotoGP-Piloten auch Repsol-Honda und bei Red Bull-KTM abgeboten. Aber dort passten Pol Espargaró und Danilo Petrucci besser ins Konzept.

Seitdem pokert Ducati-Motor-CEO Claudio Domenicali um den Vertrag mit seinem teuersten Mitarbeiter. Er ließ durchblicken, er habe einen Joker in der Hand und meinte Jorge Lorenzo. Aber der Spanier hat seit bald zwei Jahren nichts gewonnen und will sich nach seine schweren Wirbelverletzung von 2019 keine komplette Saison mehr antun.

Es ist zu spüren, dass die Ducati-Corse-Manager von Dall’Igna über Ciabatti bis zu Tardozzi genau wissen, dass nur Dovizioso 2020 und auch 2021 für Ducati die MotoGP-WM gewinnen kann.

Fahrer wie Cal Crutchlow oder Jorge Lorenzo können ihn nicht annähernd gleichwertig ersetzten, Johann Zarco schon gar nicht.
Jack Miller ist mit 25 Jahren ein Versprechen für die Zukunft, aber er muss noch konstanter werden.

Deshalb könnte Domenicalis unrühmliches Spielchen in einem Fiasko enden.

Ducati gehört zur Audi Group, dort wurde schon beim Kauf der italienischen Marke ein MotoGP-Titel für 2015 gefordert.

Dovizioso kann nach dieser Saison aufhören oder sich ein «sabbatical year» gönnen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass der neue Audio-CEO Markus Duesmann ein Machtwort spricht. Er ist begeisterter Motorradfahrer und hat in den Monaten vor seinem Amtsantritt mit einer Ducati 28.000 km in ganz Europa abgespult – von Gibraltar zum Schwarzen Meer, vom Nordkap zu den Britischen Inseln. 

Sonst müsste Ducati die MotoGP-WM 2021 womöglich mit Miller und Crutchlow oder Bagnaia bestreiten und Zarco zu Pramac befördern, der aber mit dann 32 Jahren nicht mehr ideal ins Junior-Team passt.

Die Ducatisti auf der ganzen Welt würden auf die Barrikaden steigen, das 30-Millionen-Euro-Jahres-Budget würde keinen Sinn machen, neben Honda und Yamaha könnten auch Suzuki und KTM den Italienern den Rang ablaufen.

Andrea Dovizioso hat sich für Ducati acht Jahre lang sein Leben aufs Spiel gesetzt, jahrelang für eine bescheidene Gage.
Unter Domenicali wurde Lorenzo zu teuer eingekauft, Dovi soll jetzt dafür büssen.

Es ist sicher kein Zufall, dass sich bei Honda und Yamaha und sogar KTM die Firmenchefs auf Kerngeschäft konzentrieren und den Motorsport den Experten überlassen. Domenicali hat vor zwei Jahren Jorge Lorenzo den dreifachen Saisonsieger vertrieben, das sollte reichen.

Merke: Wer knausern und sparen oder persönliche Animositäten austragen will, hat in der MotoGP nichts verloren. So wird Ducati nicht Weltmeister, schon gar nicht gegen Giganten wie Honda und Yamaha.

Die MotoGP-Karriere von Andrea Dovizioso

2008: WM-5. auf SCOT-Honda, 174 Punkte
2009: WM-6. auf Repsol-Honda, 160 Punkte
2010: WM-5. auf Repsol-Honda, 206 Punkte
2011: WM-3. auf Repsol-Honda, 228 Punkte
2012: WM-4. auf Repsol-Honda, 218 Punkte, 1 GP-Sieg
2013: WM-8. auf Tech3-Yamaha, 140 Punkte
2014: WM-5. auf Ducati, 187 Punkte
2015: WM-7. auf Ducati, 162 Punkte
2016: WM-5. auf Ducati, 171 Punkte, 1 GP-Sieg
2017: WM-2. auf Ducati, 261 Punkte, 6 GP-Siege
2018: WM-2. auf Ducati, 245 Punkte, 4 GP-Siege
2019: WM-2. auf Ducati, 269 Punkte, 2 GP-Siege
2020: WM-3. auf Ducati, 16 Punkte

So sehen die MotoGP-Teams 2020 aus

Repsol-Honda
Marc Márquez, Alex Márquez

Ducati Team
Andrea Dovizioso, Danilo Petrucci

Monster Energy Yamaha
Maverick Viñales, Valentino Rossi

Suzuki Ecstar
Alex Rins, Joan Mir

Red Bull KTM Factory Racing
Pol Espargaró, Brad Binder

Aprilia Racing Team Gresini
Aleix Espargaró, Bradley Smith

Pramac Racing
Jack Miller, Francesco Bagnaia

Reale Avintia Racing
Tito Rabat, Johann Zarco

Petronas Yamaha SRT
Fabio Quartararo, Franco Morbidelli

LCR Honda
Cal Crutchlow, Takaaki Nakagami

Red Bull KTM Tech3
Miguel Oliveira, Iker Lecuona

So sehen die MotoGP-Teams 2021 aus

Repsol-Honda
Marc Márquez, Pol Espargaró

Ducati Team
Andrea Dovizioso? Jorge Lorenzo? Cal Crutchlow? Jack Miller

Monster Energy Yamaha
Maverick Viñales, Fabio Quartararo

Suzuki Ecstar
Alex Rins, Joan Mir

Red Bull KTM Factory Racing
Brad Binder, Miguel Oliveira

Aprilia Racing Team Gresini
Aleix Espargaró, Andrea Iannone? Cal Crutchlow? Johann Zarco?

Pramac Racing
Jorge Martin, Pecco Bagnaia? Johann Zarco?

Reale Avintia Racing
Tito Rabat, Johann Zarco?

Petronas Yamaha SRT
Valentino Rossi, Franco Morbidelli

LCR Honda
Alex Márquez, Takaaki Nakagami

Red Bull KTM Tech3
Danilo Petrucci, Iker Lecuona

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